Manja Präkels Wenn die eigene Heimat Angst macht

Die brandenburgische Autorin Manja Präkel.

(Foto: Nane Diehl/Verbrecher Verlag)

Manja Präkels fühlt sich nirgends entspannter als in der brandenburgischen Kleinstadt, aus der sie kommt. Wäre da nicht der Naziterror, über den sie nun einen Roman geschrieben hat. Ein Besuch.

Reportage von Anna Fastabend

Es hat etwas von einer Landpartie, ein Auto fährt über die Zugbrücke, Sonnenstrahlen fallen durch Blätter, alles wirkt friedlich in dieser brandenburgischen Kleinstadt. Wäre da nicht dieser Satz, den Manja Präkels mitten rein spricht in den Frieden von Zehdenick. "Hier", sagt sie und blickt auf den Fluss, "hier haben sie in meiner Jugend angolanische Vertragsarbeiter in die Havel geworfen und gesagt 'Die Kohle fliegt gut'."

Die Kohle sei besser geflogen als alle anderen, damit prahlen auch die Neonazis in Präkels' Debütroman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" (Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 232 Seiten, 20 Euro), damit meinen sie die Einwanderer, die als Arbeitskräfte in die DDR kamen. Eine Geschichte aus der brandenburgischen Provinz, mit Horrormomenten, von den Wendejahren bis in die Jetztzeit. Manja Präkels hat das meiste in den Neunzigern selbst so erlebt, in Zehdenick im Landkreis Oberhavel, eine gute Stunde von Berlin entfernt. Im Buch ist es verdichtet und zugespitzt, aber wahr. Die besonders verstörenden Geschichten habe sie ausgelassen, sagt die Autorin. Weil ihr dafür die Sprache fehle.

Dabei beginnt der Roman harmlos: Man erlebt mit der Ich-Erzählerin Mimi, wie sie noch zu DDR-Zeiten mit ihrem besten Freund Oliver Schnapskirschen klaut und an der Havel angeln geht. Eine idyllische Kindheit auf dem Land, die allenfalls vom sozialistischen Drill in den Pionierlagern getrübt wird - fragmentarisch aufgeschrieben, wie ein Kind sich eben erinnert. Dann der Bruch: Die Mauer fällt, der Stil ändert sich, wird szenischer. Die arbeitslosen Eltern sind mit sich selbst beschäftigt, die Jugendlichen auf sich allein gestellt. Viel Raum, um sich zu radikalisieren. Auch für Oliver, der zum Anführer einer Neonazi-Gang wird, und von da an nur noch Hitler heißt. Es folgen Überfälle auf Diskotheken, Brandsätze aufs Gastarbeiterheim, Schlägereien, Mord. Aber auch Widerstand. Mimi trägt pinkfarbene Haare und schreibt als Lokalreporterin über die Gewalttaten.

Manja Präkels erlebte mit, wie nach der Wende Bekannte zu Neonazis wurden. Wie sie Schwarze, Homosexuelle, Punks und alle, die nicht bei ihnen mitmachen wollten, zu Feinden erklärten. Wie sie mit Baseballschlägern in Diskotheken stürmten, Präkels Freundinnen durch die Straßen jagten und ihre Freunde zusammenschlugen. Präkels wollte etwas dagegen unternehmen - als Lokalreporterin für die Märkische Allgemeine Zeitung. Sie ergänzte Polizeiberichte, in denen verschwiegen wurde, wenn Rechtsradikale für einen Überfall verantwortlich waren. "Ich bekam irgendwann heraus, dass einer der Polizisten seinen Sohn deckte." Einmal erfuhr sie von einem geplanten Nazikonzert und erzählte Polizisten davon. Die warnten die Nazis, die das Konzert dann verlegten. 2016 zählte der Verein "Opferperspektive" 221 rechte Angriffe in Brandenburg. Vor drei Jahren waren es nicht mal halb so viele. Bis heute sind in Brandenburg 22 Männer nachgewiesene Todesopfer rechter Gewalt, drei weitere wurden von Neonazis ohne politisches Motiv getötet, fünf sind Verdachtsfälle.

Der Wirt im "Ratskeller" hat das Buch nicht gelesen, aber seine Frau: "Manja kennt die Leute."

Präkels hat ihren Roman Ingo Ludwig gewidmet. Er ist einer der Verdachtsfälle. Sie war 1992 dabei, als er bei einem Diskothekenüberfall von Neonazis zusammengetreten wurde und an seinen schweren Kopfverletzungen starb. Im Polizeibericht ist von einem Oliver Z. die Rede, der mit eisenkappenverstärkten Schuhen auf ihn eintritt. Zwei Jahre später erfolgte eine Stellungnahme des Verfassungsschutzes, die den Tod als tragischen Unfall darstellte. Ingo Ludwig soll beim Sturz von einer Treppe tödlich verunglückt sein. "Blödsinn", sagt Manja Präkels dazu, man macht sich in Zehdenick und Umgebung Feinde, wenn man das ausspricht. Immer noch.

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Auch Moritz von Uslar porträtierte die Einwohner von Zehdenick, in seiner 2010 veröffentlichten Brandenburgbeobachtung "Deutschboden". Nach der Bundestagswahl in diesem Jahr besuchte er seine Interviewpartner von damals erneut, um sich mit ihnen über den Erfolg der AfD zu unterhalten. Das Gespräch erschien jüngst in der Zeit. "Da durften sich", meint Manja Präkels, "Männer als Lokalhelden inszenieren, die Furcht und Schrecken verbreitet haben. Ein fatales Signal für alle anderen."