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Rassismus-Streitschrift:Mit Weißen reden

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Reni Eddo-Lodge nennt sich selbst eine "schwarze, zornige Frau".

(Foto: picture alliance / /Vishal Bhatnaga)
  • In ihrem Buch "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" schreibt Reni Eddo-Lodge über die "objektive Heimtücke" des Rassismus.
  • Dieser mache People of Color überall dort besonders wehrlos, wo gar kein böser Wille am Werke ist.
  • Die Reaktionen von Weißen, die sie zu mehr Gelassenheit und Entspanntheit ermahnen, seien Teil des Problems.

Als ob es nicht schon allzu viele Brandschriften, Anklagen, Publikumsbeschimpfungen gäbe, kommt nun auch noch diese hinzu. Doch die "schwarze zornige Frau", wie Reni Eddo-Lodge sich selbst bezeichnet, will ihre Leser nicht besserwisserisch vor den Kopf stoßen, sondern mit einem quälenden Doublebind aus dem Konzept bringen. Hört mir zu, weil es sinnlos ist, euch etwas zu sagen! Wohl schon das englische Original, jedenfalls aber die deutsche Ausgabe richtet sich vor allem an weiße Leser, trotzdem erscheint auch sie unter dem Titel "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche". Was bei Herbert Achternbusch eine surreale Absurdität ausdrückte ("Du hast keine Chance, aber nutze sie!"), beruht hier auf sehr realer, deprimierender Erfahrung. Ich rede mit euch, indem ich gegen die Vergeblichkeit anrede.

Bei allen unentrinnbaren Stereotypen eine Pflichtlektüre! Der Literaturkritiker Ijoma Mangold warnte in einem TV-Gespräch zu Recht vor einem moralischen Wettlauf der Opferpositionen, in dem stets der gewinnt, der das schlimmste Elend für sich reklamieren kann. Unweigerlich landet man in einer Diskursfalle, in der jeder universalistische Anspruch untergeht. Und wer könnte schon "schwarz" und "Frau" in einem rassistischen und sexistischen Umfeld moralisch überbieten?

Die Ermahnungen zu mehr Gelassenheit und Entspanntheit sind Teil des Problems

Aber Eddo-Lodge spielt nicht einfach die Karte aus, die die weiße Mehrheit blamiert, sondern macht ihrer Empörung mit hinreichenden Argumenten und Erfahrungen Luft. Die vielen Reaktionen von Weißen, die sie zu mehr Gelassenheit und Entspanntheit ermahnen, sind Teil des Problems: Herablassung und Abwiegelung aus schlechtem Gewissen.

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Das Buch konzentriert sich auf den britischen Rassismus. Obwohl sich besonders seit dem Brexit-Referendum auch auf der Insel fremdenfeindliche Strömungen ausbreiten, bleibt der ältere britische Rassismus gegenüber farbigen Abkömmlingen aus der Karibik und dem subsaharischen Afrika, aus Indien und Pakistan davon unterschieden. Und auch vom französischen oder vom amerikanischen Rassismus.

Großbritannien, dessen Kolonien und Protektorate einst fast ein Viertel der globalen Landfläche umfassten, gestand den meisten Kolonisierten einen Rechtsstatus zu, der einer (wenn auch regional begrenzten) Staatsbürgerschaft nahe kam. Frankreich dagegen unterwarf seine Kolonien einem erniedrigenden "Code Noir". Und Amerikas Sklaverei-, Entrechtungs- und Segregationsgeschichte war ohnehin eine ganz andere. Kein Wunder also, dass so mancher in Großbritannien der "Minimal Impact Theory" nachhängt, wonach sich der Kolonialismus nur relativ schwach auf die heutigen Beziehungen zwischen den britischen Ethnien auswirkt.

Dass das eine fatale Lebenslüge darstellt, ist das bittere Resümee von Eddo-Lodge, auch wenn sie weder diese beschwichtigende Theorie beim Namen nennt, noch überhaupt näher auf die Kolonialzeit eingeht. Die imperiale Vorgeschichte setzt sie voraus, was jetzt allein zählt, ist das koloniale Erbe des weißen Primats, das noch in allen Sinneszellen der Gesellschaft wie ein schleichendes Gift fortwirkt. Diesen toxischen Effekt bezeichnet sie als "heimtückisch". Das klingt nach Arglist und Bösartigem, als würden sich die Weißen hinterhältig gegen die Dunkelhäutigen verschwören. Doch genau das widerspräche ihrem Befund. Am ehesten wäre der gegenwärtige Rassismus, wenn denn diese Contradictio in Adjecto erlaubt ist, als "objektive Heimtücke" zu beschreiben. Er macht farbige Menschen überall dort besonders wehrlos, wo gar kein böser Wille am Werke ist, aber eine selbstvergessene weiße Vormacht und Ignoranz sie gedankenlos-rücksichtslos von den Gemeinsamkeiten ausschließt und an den sozialen Rand drängt.

Eddo-Lodge übernimmt dafür den Begriff des "strukturellen" oder des "institutionellen" Rassismus - eine habitualisierte Voreingenommenheit, die sich im gesellschaftlichen Gefüge eingenistet hat und bei amtlichen, unternehmerischen und privaten Entscheidungen ungreifbar, aber wirkungsvoll eine Tendenz verstärkt, die Farbige nachhaltig diskriminiert. Allen Nichtweißen sind diese tagtäglichen Benachteiligungen präsent, nur den Weißen muss man sie immer wieder neu aufzählen: von der ewigen Verdächtigung schwarzer Männer als notorisch Gewalttätige, die ein Racial Profiling der Polizeibehörden nach sich zieht, bis hin zu prohibitiven Hürden bei der Stellungs- und Wohnungssuche, vom Zugang zu Eliteschulen und -hochschulen ganz zu schweigen.