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"Die Reise der Pinguine" in der SZ-Cinemathek:In der Eiswüste des Lebens

Jacquet begleitet die Pinguine bei der Partnersuche, beim Ausbrüten der Eier, das die Männchen übernehmen, während sich die Weibchen auf den weiten Weg zurück ins Meer begeben und nach Nahrung suchen.

(Foto: Jérôme Maison/Bonne Pioche/Kinowelt)

Ein Jahr lang hat Luc Jacquet das Leben der Tiere in der Antarktis beobachtet und überwältigend schöne, berührende und manchmal auch verstörende Bilder gefunden. Über die Tonspur jedoch lässt sich streiten.

Hans-Günther Pflaum

Es müssen die Mühen des aufrechten Gangs unter widrigen, feindlichen Bedingungen am Rande der Welt sein, die uns in diesem Film so berühren. Das Leben des Kaiserpinguins gleicht einer endlosen Passion - für den Filmemacher Luc Jacquet ist es auch ein Leben voller Metaphern. Manchmal erinnert es mit der Vergeblichkeit vieler Anstrengungen an den antiken Mythos von Sisyphus. Weil Jacquet ständig die anthropomorphen Momente in dieser polaren Existenz sucht und auch findet, wird sein Film schließlich mehr und mehr zur Allegorie mit einer unterschwellig fast religiösen Struktur. Der Film beginnt mit dem Auftauchen der Pinguine aus der Unergründlichkeit des Ozeans - und er endet mit ihrer Rückkehr und dem Verschwinden in der Tiefe. Was dazwischen liegt, ist der Zyklus eines unendlich beschwerlichen Lebens.

Ein Jahr lang hat der Dokumentarist und Kameramann das Leben der Tiere in der Antarktis beobachtet: ihren langen Marsch übers Eis, der sie, scheinbar einer geheimen Verabredung folgend, an ihren Brutplatz führt, die Partnersuche, das Ausbrüten der Eier, das die Männchen übernehmen, während sich die Weibchen auf den weiten Weg zurück ins Meer begeben, dort nach den Wochen des Hungerns wieder Nahrung aufnehmen, um dann wieder zurückzukehren und den inzwischen ausgeschlüpften Nachwuchs zu ernähren. Nun sind es die erschöpften Männchen, die ihrerseits aufbrechen zum Meer. Die unendlichen Anstrengungen, aber auch die natürlichen Feinde, Sturmvögel, Seeleoparden und die grausame Kälte, fordern ständig ihre Todesopfer. Es mag als ein Wunder erscheinen, dass der Kaiserpinguin noch nicht ausgestorben ist.

Tiefglückliches Innehalten

Jacquet hat in der Eiswüste überwältigend schöne, berührende und manchmal auch verstörende Einstellungen gefunden; sie erzählen von der Geborgenheit im Schutz der Gemeinschaft, die allein vor dem Erfrieren in Eis und Sturm schützt, von der hoffnungslosen Verlorenheit der Vereinzelten, von seltsam harmonisch wirkenden, wie Liebestänze ablaufenden Paarungsritualen, vom scheinbar tief glücklichen Innehalten der Paare und von ihren tapferen, irritierend selbstlos wirkenden Kämpfen um das Überleben des Nachwuchses.

Immer wieder also Metaphern, in denen es um Geburt und Tod geht, Bilder, die sich dem Zuschauer für Analogien andienen - so, als steckte in uns allen ein wenig das harte Schicksal der Kaiserpinguine. Und als wäre jeder Pinguin auch ein bisschen Mensch.

In den amerikanischen Kinos hat sich der Marsch der Pinguine langsam aber beharrlich zum zweitstärksten Dokumentarfilm - hinter Michael Moores "Fahrenheit 9/11" - entwickelt. Und wurde von den Fundamentalisten skrupellos für die Propaganda gegen Darwins Evolutionstheorie vereinnahmt, die bei den Pinguinen beispielhaft strenge Monogamie und absoluten Familiensinn fanden.

Vielleicht hätte Jacquets fragwürdiges Unternehmen sogar irgendwie glücken können. Nur betreibt Jacquet leider auf der Tonspur einen rücksichtslosen Prozess der Selbstzerstörung seiner Arbeit. Das beginnt bei der schauderhaften Musik und den törichten Songs in ihrer Mickey-Mouse-Tonart, die dem Film so gut wie keinen Moment der Stille gönnt. Die Zerstörung steigert sich mit den Sprechern der Off-Texte, die die Pinguine zu den Erzählern der Geschichte machen sollen und alles zuquasseln, was die Musik noch nicht verkleistert hat und einer "Synchronisation" der Pinguine zumindest nahekommen.

Fragwürdiger Off-Text

"Wenn ich daran denke, den Ozean zu verlassen, wird mir ganz schwindlig", erklärt ein Pinguin, "sind alle da?", fragt ein anderer nach dem Auftauchen aus dem Meer, als wäre man im Kasperltheater. Der Unsinn dieser Texte gipfelt schließlich in den "Statements" der Jungtiere: "Hab ich mich erschreckt!"

Wir erfahren, dass Pinguine nur bis zehn zählen können, denn wenn es um die Zahl 20 geht, heißt es im Off-Text: "Zweimal zehn!" Wir erfahren aber nichts darüber, wie zum Beispiel das Erkennen der Tiere untereinander auf der Grundlage der Stimmen über längere Zeiträume hinweg funktioniert. Mit keinem Wort geht der Film auf die Gefährdung der Tiere durch die Erderwärmung ein.

"Die Reise der Pinguine" scheitert an genau der gleichen verbalen Geschwätzigkeit, die schon Hans-Ulrich Schlumpfs "Der Kongress der Pinguine" (1994) schwer beschädigt hatte. Jacquet hatte daran als Kameramann mitgearbeitet. Jetzt bezeichnet er in einem Interview die Kaiserpinguine als "Volk der Verdammten". Er bekennt auch: "Alles stand lange vor Beginn des eigentlichen Drehs fest: der Schnitt, jede einzelne Szene." Es musste also auf Teufel komm raus eine Story erzählt, auf Dramaturgie, auf Anschlüsse und vorgeschriebene Texte geachtet werden; das halten auch die stärksten dokumentarischen Bilder kaum aus.

LA MARCHE DE L'EMPEREUR, F 2005 - Regie, Buch: Luc Jacquet. Kamera: Laurent Chalet, Jérôme Maison. Schnitt: Sabine Emiliani. Musik: Emilie Simon. Kinowelt, 86 Minuten.

Diese Kritik ist zuerst am 13. Oktober 2005 in der SZ erschienen.

© SZ/crwe
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