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Rechtsruck in Ungarn:"Ich habe keine große Angst"

SZ: Das Leugnen des Holocaust ist erst vor Kurzem in Ungarn verboten worden. Ihre frühere Partei SZDSZ war stets gegen ein Verbot gewesen, unter Berufung auf die Meinungsfreiheit. Ebenso gegen Verbote von Hetz-Reden. War das die richtige Politik?

Konrád: Ich glaube nicht, dass Hetze dasselbe ist wie die Leugnung des Holocaust. Letzteres betrifft die Geschichte, die Hetze weist aber in die Zukunft. Das ist viel gefährlicher. Das müsste man mit hohen Geldstrafen belegen und dieses Geld dann humanitären Zwecken zukommen lassen. Den Holocaust zu leugnen ist ganz einfach Blödsinn. Das neue Gesetz dagegen ist nicht sehr effizient.

SZ: Man hat das Gefühl, dass die links-liberale Elite in Ungarn den Kampf gegen Rechts aufgegeben hat.

Konrád: In Ungarn gibt es zwei politische Traditionen: Jene von Miklós Horthy und jene von János Kádár. Beide waren paternalistisch. Kádárs Tradition hat nicht viel Ehre gebracht, auch den heutigen Sozialisten nicht.

SZ: Aber die linksliberalen Intellektuellen - Sie selbst, István Eörsi, der Architekt László Rajk -, das waren doch wichtige Oppositionsstimmen während des Kommunismus und zu Wendezeiten. Haben Sie denn keine Tradition geschaffen?

Konrád: Das waren aber doch Schriftsteller, Kulturschaffende. Schriftsteller aber machen keine Politik, denn die braucht Zeit. Man hatte mich einmal für das Amt des Staatspräsidenten vorgeschlagen. Hätte ich angenommen, hätte ich meine Morgenstunden für das Schreiben nicht mehr gehabt. Viele meiner Freunde haben ähnlich gedacht.

SZ: In Ungarn sagen viele, dass die korruptionsträchtigen Privatisierungen zur Wendezeit maßgeblich das politische Klima vergiftet hätten. Was meinen Sie?

Konrád: Ich wäre Anfang der neunziger Jahre eher für die Restitution der von den Kommunisten enteigneten Güter gewesen - was nicht geschehen ist. Stattdessen wurde privatisiert. Ich glaube, die früheren Besitzer hätten verantwortungsbewusster gewirtschaftet als die heutigen Neureichen. Mein Vater, der ein mittlerer Unternehmer war, hat mal gesagt: Diese zwei Gangster haben mir alles genommen. Er meinte Hitler und Stalin.

SZ: Sie haben Anfang der neunziger Jahre gesagt: Solange die Nazis nicht im Parlament sind, würden Sie in Ungarn bleiben. Was werden Sie jetzt tun?

Konrád: Ich bin noch nicht entschlossen, ob ich bleibe. Zunächst einmal bin ich neugierig. Ich möchte sehen, was passiert. Ich habe keine große Angst. So wie es 1990 einen Wechsel der Rhetorik gegeben hat, wird es auch jetzt etwas Ähnliches geben. Man sollte es auch so sehen: Vielleicht werden 30 Prozent der Bevölkerung für jene Leute stimmen, die ich nicht mag, vielleicht auch 40 Prozent. Da bleibt immer noch eine Mehrheit übrig, die es nicht getan hat. Meine Freunde bleiben hier. Während des Kádár-Regimes waren die Beziehungen unter Freunden reicher als jetzt. Man rückte zusammen. Vielleicht wird das jetzt wieder so sein.