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Rechtsextremismus:Chor der Angst

Angst vor dem sozialen Abstieg. Vor Übervorteilung, Ausländern, Gewalt und dem eiskalten Markt. Es sind unheimliche Momente, als sich in Dresden Volkes Stimme auf der Bühne entlädt.

Zweimal bekommt man an diesem Wochenende Volkes Stimme zu hören, einmal die einfachen Leute aus einem Dorf in der Uckermark, das andere Mal die Theaterbesucher einer Großstadt. Einmal als stilles Kammerspiel, das andere Mal als wüstes Oratorium. Und doch hat man das Gefühl, zweimal ein Thema mit nur beklemmend wenig Variationen erlebt zu haben.

Rechtsextremismus in Ostdeutschland

Volkes Stimme - ein Chor der Angst. Angst vor dem sozialen Abstieg, vor Übervorteilung, Ausländern, Gewalt und dem eiskalten Markt

(Foto: Foto: ddp)

Hier wie dort die zehrende Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach einem stabilen Alltag, der von Arbeit strukturiert wird. Hier wie dort wird die Wende als Schock erfahren, als "zweite kopernikanische Wende: Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens, die Gemeinschaft hat sich aufgelöst." So schreibt es der Dramaturg Stefan Schnabel in einem Text über den "Woyzeck von Georg Büchner und 529 Dresdner Theaterbesuchern".

Das Staatsschauspiel Dresden hat im Frühjahr seine Zuschauer befragt nach ihrem "Lebensgefühl, ihren Erfahrungen, und ihrer Meinung zu Familie, Politik und Gesellschaft". 529 Besucher haben darauf reagiert, der Regisseur Volker Lösch und der Dramaturg Stefan Schnabel - die vor drei Jahren auf ähnliche Art Hauptmanns "Weber" mit den Arbeitserfahrungen der Dresdner Bürger kurzschlossen -, haben diese Antworten mit Büchners "Woyzeck" verwoben.

Als eigenständige Rollen gibt es nur den Woyzeck, Marie und den Tambourmajor, ein Laienchor spricht Volkes Stimme und die restlichen Rollen, ein Chor, der sich aufteilt in Alte und Junge, der ansonsten aber nicht polyphon, sondern nur polyphob agiert: ein Chor der Angst. Angst vor dem sozialen Abstieg. Vor Übervorteilung, Ausländern, Gewalt und dem eiskalten Markt.

Ein Zittern wie beim Bleigießen

Die Bühne: ein Puppenheim, Schrebergarten, Wohnzimmer, Jägerzaun - hier bin ich Kleinbürger, hier darf ich's sein. Die Alten geben sich als hedonistische Freizeitkohorte, veranstalten Partys mit Rotkäppchensekt, summen auf Picknickdecken ostalgische Lieder und klagen über die Kälte: "Heute wird man als Individuum alleingelassen, das bedeutet also Freiheit." Teilweise hat man den Eindruck, hier parliert der nationale Widerstand, so nah sind die verängstigten Sätze an den Pamphleten der NPD.

Heiner Müller schrieb 1985 über den "Woyzeck", der ja Fragment blieb: "Eine Struktur, wie sie beim Bleigießen entstehen mag, wenn die Hand mit dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert." Bleigießen. Das fehlt noch in den Angstbetäubungsritualen der rüstigen Alten, sonst lässt dieser Chor nichts aus: Putzen, Picknick, Singen, Sonnenbaden...

Ihre Kinder, die Jugendlichen, kennen nur vier Aggregatszustände: Saufen, Langeweile, Gewalt und Angst. Marie und Woyzeck sind hyperaktive Jugendliche in einem grausamen Rudel, lebenslang sitzen sie in Stammelheim ein und übertönen die eigene Sprachlosigkeit mit größtmöglichem Lärm.

Der Tambourmajor, eine Art Techno-Alphamännchen, fängt das launische Girlie Marie mit nationalen Gesängen ein. Woyzeck wird getrieben von einer übermächtigen Angst, "alles hohl da unten". Sein Gefühl, von der Natur gar nicht vorgesehen gewesen zu sein, seine halbparanoide Totalverstörung passt sich nahtlos ein in die Abstiegsängste der Dresdner Jugendlichen.

Wer ist schuld am Zustand der Gesellschaft?

Auf die Frage, wer schuld sei am Zustand der Gesellschaft, antworteten die Dresdner im Fragebogen, Junge wie Alte, mit Versatzstücken populistischer Welterklärung: Schuld sind das globale Kapital, die antiautoritäre Erziehung, und, immer wieder, die da oben.

Auf der zweiten Seite: Warum der Begriff Rechtsextremismus längst irreführend ist

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