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Raubkunst:Verluste ausgleichen

Die erste Tagung des neuen "Deutschen Zentrums Kulturgutverluste": Die Probleme mit der Raubkunst sollen angegangen werden.

Von Eva Herzog

Während der NS-Herrschaft verloren zahlreiche jüdische Kunstsammler ihre Werke. Viele deutsche Museen zeigten über Jahre hinweg wenig Interesse an einer Untersuchung ihrer Sammlungen auf solche "verfolgungsbedingt entzogene" Kunst. Nach dem Fall Gurlitt endlich beschlossen Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände, die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs zu forcieren. Am Wochenende nun trafen sich Politiker und Experten zur ersten internationalen Tagung der hierfür geschaffenen Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste" im Jüdischen Museum in Berlin.

Die Bundesrepublik stehe hier in der historischen Verantwortung, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters. "Das sind wir den von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen schuldig." Mit der Besetzung des Kuratoriums der Stiftung kann die Institution nun die Arbeit aufnehmen. Die europäischen Staaten der Neuzeit hätten Kunst keineswegs nur aus kulturellem Interesse gesammelt, so der Berliner Politologe Herfried Münkler. Den Großmächten sei es auch darum gegangen, einen Anspruch auf politische Vormacht zum Ausdruck zu bringen. Politisches Prestige sei gerade durch Errichtung von Museen und Gemäldesammlungen zu erreichen. Ein solches Vorgehen komplementiere militärische Macht durch kulturelle "soft power", Macht werde verstetigt. Es sei schlicht kostengünstiger, mit Kunst zu beeindrucken, als ständig mit militärischer Gewalt zu drohen. Aus diesem Grund habe schon das antike Rom Kunstschätze geraubt und nach Rom verbracht, eine Tradition, die in der Neuzeit etwa durch die napoleonischen Raubzüge fortgesetzt wird. Ein solcher Umgang mit Kunstwerken sei keineswegs selbstverständlich, wie die Kulturzerstörung des sogenannten Islamischen Staates zeige: Hier diene die Zerstörung des Kulturguts dazu, das beherrschte Gebiet symbolisch zu reinigen.

Im kommenden Jahr wird auch die erste Professur für Provenienzforschung geschaffen

Für die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs soll das neue Zentrum als zentraler Ansprechpartner in Deutschland die Provenienzforschung fördern und koordinieren. Sowohl systematische Grundlagenforschung als auch die Aufarbeitung von Einzelschicksalen sollen finanziell unterstützt werden; durchgeführt werden die Projekte an Museen oder Universitäten. Daneben soll die Suche nach geraubten Werken transparenter werden - etwa durch die Internetdatenbank LostArt und die Veröffentlichung von bisher nicht zugänglichen Forschungsergebnissen. Jane Milosch von den Smithsonian Museen (Washington D.C.) forderte deutsche Museen auf, ihre Bestände möglichst weitreichend ins Internet zu stellen, damit Erben und Forscher weltweit sie leichter auffinden können. Auch in der kunsthistorischen Ausbildung soll das Thema verankert werden. So kündigte Stiftungsvorstand Uwe M. Schneede an, dass im kommenden Jahr die erste Professur für Provenienzforschung geschaffen wird, weitere seien in Aussicht. Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, kritisierte, dass die Limbach-Kommission, die zwischen Opfern des Kunstraubs und heutigen Besitzern vermittelt, nur angerufen werden kann, wenn beide Parteien zustimmen. Deshalb habe die Kommission bisher nur sehr wenige Fälle bearbeiten können.

Derzeit habe die Aufarbeitung des NS-Kunstraubes oberste Priorität, so Schneede. Daneben soll es sich aber auch mit Kulturgutverlusten in sowjetischer Besatzungszone und DDR sowie mit Beutekunst beschäftigen, jener Kunst also, die von den siegreichen Armeen in deren Heimat verbracht wurde. Zahlreiche Kunstwerke etwa aus Deutschland wurden von der Roten Armee abtransportiert und befinden sich noch heute in Russland. Bis die Kulturpolitik sich allerdings diesen Fragen widmen kann, ist schon mit der Aufarbeitung des NS-Kunstraubs eine wahre Herkulesaufgabe zu bewältigen. Häufig sind Dokumente im Krieg verloren gegangen, wenig weiß man bisher über den staatlichen Kunsthandel der DDR, über den Kunstwerke als Devisenbringer ins Ausland verkauft wurden. Allein die betreffenden Akten des Außenhandelsministeriums der DDR füllen 83 Regalmeter.

© SZ vom 30.11.2015

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