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Rapper El Général:"Das Internet lieferte das Dynamit"

SZ: Welche Rolle spielte das Internet beim Aufstieg Ihres Songs zur Protesthymne in so vielen Ländern?

El Général: Für unsere Raps ist Facebook bisher die einzige öffentliche Plattform. Es war auch bis zur Revolution die einzige Möglichkeit, offen zu reden, oder Jugendliche zu mobilisieren. Lassen Sie es mich so formulieren: Das Internet lieferte das Dynamit für den Einsturz des alten Regimes. Auch algerische und ägyptische Rapper stellten nach "Rais Lebled" gerappte Solidaritäts-Erklärungen auf Facebook.

SZ: Darf der Song inzwischen auch im Radio gespielt werden?

El Général: Der Song läuft hier jeden Tag fünf, sechs Mal im Radio. Zumindest die Redefreiheit haben wir erkämpft. Jetzt arbeite ich gerade an meinem ersten Album: La Voix Du Peuple. Ein politisches Werk. Die Arbeit, das alte System umzukrempeln, fängt ja erst an.

SZ: Rechnen Sie mit Widerstand? Immerhin sind immer noch eine Menge alter Kräfte in Machtpositionen.

El Général: Aber auf der Straße bekomme ich mehr als 99 Prozent positive Rückmeldung. Und seit ich im Gefängnis war, explodiert meine Facebook-Seite. Da habe ich mehr als 80.000 registrierte Anhänger. Das Beste aber ist: Unser Kulturministerium hat mir nun jede mögliche Unterstützung für die Fertigstellung des Albums versprochen.

SZ: Die Unruhen in Tunesien begannen bekanntlich, nachdem sich der von den Behörden schikanierte Verkäufer Mohamed Bouazizi selbst verbrannte.

El Général: Lassen Sie mich eines klarstellen: Mein Song war keine Reaktion auf die Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi, ich hatte Rais Lebled schon zwei Monate zuvor veröffentlicht. Bouazizis Tod war der wirklich letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

SZ: In Algerien, wo es schon seit 1988 eine politische Hip-Hop-Szene gibt, haben Islamisten Rap-Stars als Vertreter dekadenter westlicher Einflüsse angegriffen. Haben Sie ähnliche Probleme?

El Général: Nein, ich komme aus einer sehr religiösen Familie, meine Mutter und meine Schwestern tragen alle Kopftuch, und finden meine Musik dennoch gut. Ich habe auch einen Song Allah Akbar geschrieben - Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns von Unrecht befreien können.

SZ: Gerade fliehen Tausende Ihrer Landsleute übers Mittelmeer nach Italien. Ist die Lage so hoffnungslos?

El Général: Nein, der Optimismus der Revolution ist noch nicht verflogen. Dennoch kann ich die Flüchtlinge verstehen. Sie haben jahrelang vergeblich nach Arbeit gesucht, und jetzt liegt die Wirtschaft erst recht am Boden. Der Zusammenbruch des Polizeistaates bot ihnen erstmals die Chance, zu fliehen.

SZ: Zieht es Sie nicht auch ins Ausland? Bekommen Sie nicht schon Angebote?

El Général: Mich hat noch keine ausländische Plattenfirma angesprochen, mein Album erscheint auf einem kleinen lokalen Label. Trotzdem möchten es mir gerade alle tunesischen Jugendlichen nachmachen. Jeder will hier Rapper sein. Manche glauben auch, das wäre ihre Fahrkarte ins Ausland. Denen rate ich, ihre Energie doch erst mal hier bei uns einzusetzen. Ich selbst möchte auf jeden Fall in Tunesien bleiben. Sonst könnte ich keine politisch relevanten Raps mehr schreiben.

Dolmetscherin: Reem Ensslen

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