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Nachruf Raimund Hoghe:Zärtlicher Krieger

FRANCE-THEATRE-FESTIVAL

Raimund Hoghe während einer Probe im Jahr 2007.

(Foto: AFP)

Bei dem Tänzer und Choreografen Raimund Hoghe war die Rückgratverkrümmung angeboren. Im Bühnenraum wurde sie zur Chiffre seiner Botschaft, zur Waffe seiner Mission. Jetzt ist dieser Künstler überraschend im Alter von 72 Jahren gestorben.

Von Dorion Weickmann

Wie er da stand, ans Rednerpult des Essener Aalto-Theaters gelehnt, schien die Welt für einen Moment stillzustehen. Raimund Hoghe rang um Fassung, als sei dieser Abend im Oktober 2020 nur eine Halluzination. Als habe er die Auszeichnung mit dem Deutschen Tanzpreis und die so herzenswarme wie hellsichtige Laudatio der Tanzwissenschaftlerin Katja Schneider nur geträumt. Aber das alles galt ihm, dem Tänzer und Choreografen, der als Schulbub am Wuppertaler Theater zur Statisterie bei den "Räubern" stoßen wollte und stattdessen als buckliger Schneider besetzt wurde. Weil, wie er später einmal schrieb, solche Rollen "für Leute mit meinem Körper vorgesehen sind". Für Menschen, die einen Höcker mit sich tragen. Bei Raimund Hoghe war die Rückgratverkrümmung angeboren. Im Bühnenraum wurde sie zur Chiffre seiner Botschaft, zur Waffe seiner Mission: "Diesen Körper gibt es auch." Hoghe lebte, atmete, formte Vielfalt in Choreografien voller Wunder und Wunderlichkeiten. Er hat dem Tanz schon vor zwanzig Jahren jene Diversität eingeimpft, die heute in aller Munde ist - obwohl er das Theater erst im dritten Kapitel seines Lebens wirklich entdeckte.

1949 in Wuppertal geboren, wächst Raimund Hoghe allein mit der Mutter auf. Sie sitzt in der Küche, näht Kleider für Geld. Der Vater hat die Familie verlassen. An den Hoghes ziehen die Aufschwungssegnungen der Adenauer-Ära vorbei, nicht aber die giftigen Blicke auf das behinderte Kind. Je entschiedener die Nazivergangenheit beschwiegen wird, umso heftiger wirkt sie nach. Es ist diese Erfahrung, die Raimund Hoghe für immer zeichnet. Sie prägt seine Jahre als Journalist, als Menschenbeobachter und Porträtist, der Promi- und Prostituiertengesichter ausleuchtet. Und irgendwann Pina Bausch begegnet.

Raimund Hoghes Solo "Meinwärts" ist eine Abrechnung mit dem NS-Terror, mit der Klassifizierung und Aussonderung von Menschen anhand physischer Merkmale

Hoghe wird Dramaturg des Wuppertaler Tanztheaters und bleibt es zehn Jahre lang. Währenddessen wütet die HIV-Epidemie, Tänzer erkranken, Freunde sterben. Und einmal mehr dreht sich alles um den Körper. Hoghe realisiert: "Wenn ich dazu Stellung beziehen will, muss ich es selbst tun - ich kann nicht einem Tänzer mein politisches Statement auf den Körper schreiben." So entsteht 1994 das Solo "Meinwärts": keine Nabelschau, sondern eine Abrechnung mit dem NS-Terror, mit der Klassifizierung und Aussonderung von Menschen anhand physischer Merkmale. Es ist ein Anfang mit Aplomb, der Beginn einer ungemein schöpferischen Künstlerkarriere.

Stück um Stück verhandelt Raimund Hoghe gesellschaftspolitische Fragen, skizziert Flüchtlingsschicksale ("Lettere amorose" 1999/2017 und "Sans-titre", 2009), Kreativität und Tod ("Si je meurs laissez le balcon ouvert", 2010), Beziehungsspiele ("Pas de Deux", 2011). Er setzt sich mit Ikonen wie "Schwanensee" auseinander, kreist um Legenden wie Maria Callas, ohne je dem Reiz der Oberfläche zu erliegen. Sein entschleunigtes Tanztheater huldigt der Kraft des Rituals und setzt auf die Macht der Bilder. Es betrachtet die Welt, trostlos wie sie ist, mit großer Zärtlichkeit.

Über die Jahre hat Hoghe eine Schar regelmäßiger Mitstreiter um sich versammelt. Die Pandemie fährt wie ein Blitz dazwischen, seine letzte Arbeit "Traces" bleibt unvollendet. Gänzlich unerwartet ist Raimund Hoghe am 14. Mai kurz nach seinem 72. Geburtstag in Düsseldorf verstorben. Die Verehrung, die ihm Katja Schneiders Tanzpreis-Rede bezeugte, wird von vielen Menschen geteilt. Die Trauer um ihn auch.

© SZ/RJB
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