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Zum Tod von Raimund Fellinger:"Der Autor hat immer Recht"

Raimund Fellinger

Voll ehrlicher Hochachtung vor der schöpferischen Arbeit: Raimund Fellinger im Jahr 2012.

(Foto: dpa)

Er war Schachspieler, besaß Anschmiegsamkeit und den absoluten Blick für Texte. Als Cheflektor bei Suhrkamp hat Raimund Fellinger das literarische Leben in Deutschland geprägt. Ein Nachruf von einem seiner Autoren.

Raimund Fellinger wurde 1951 im Saarland geboren. "Vater Postbeamter, Mutter Hausfrau, Bauernfamilie", wie er dem SZ Magazin im Interview sagte. Siegfried Unseld engagierte den 27-Jährigen Doktoranden der Germanistik 1979 vom Fleck weg für den Suhrkamp Verlag. Er wurde sein Vertrauter, der Lektor unter anderem von Thomas Bernhard, Uwe Johnson und Peter Handke. Als Cheflektor von Suhrkamp seit 2006 und von Insel seit 2010 prägte Fellinger nicht nur das Verlagshaus, sondern überhaupt das literarische Leben in Deutschland. Im Dezember 2019 begleitete er Peter Handke noch zu dessen Nobelpreisverleihung und verteidigte ihn gegen seine Kritiker. Am 25. April starb Fellinger in Frankfurt am Main. Im folgenden ruft der Schriftsteller Ralf Rothmann seinem Lektor und Freund nach.

Dass ein Lektor zu einem Autor passt, dass die Chemie stimmt (schon eine Formulierung, die Raimund Fellinger streichen würde), ist ein Glücksfall. Das Handwerkliche, die Arbeit am Text, versteht sich natürlich bei allen von selbst, und Raimund Fellinger hatte zudem den absoluten Blick. Er betrachtete eine eng beschriebene Seite eine halbe Sekunde lang und sagte: "Zuviel doch. Zuviel aber." - Indes: Ein guter, ein wahrer Lektor wirkt vor allem durch seine Persönlichkeit.

Er war Schachspieler, Siegfried Unselds bevorzugter Partner, wobei es ihn nie wirklich interessierte, ob er gewann oder verlor. Es ging ihm um das Durchdenken aller möglichen Züge und Strategien, das Resultat war zweitrangig. Und so war es in der Literatur. Natürlich freute er sich, wenn das von ihm betreute Buch Erfolg hatte. Aber letztlich war das nicht so wichtig, denn in seinem langen Lektoren- und Cheflektoren-Dasein im Suhrkamp Verlag hatte er mehr als einmal erlebt, dass Erfolg nicht unbedingt etwas mit Qualität zu tun haben musste - aber Qualität, die der Aussicht auf massenhaften Erfolg geopfert wurde, einen lebenslangen Fluch für alle Beteiligten darstellen konnte.

Raimund Fellinger war hart gegen sich selbst, musste es wohl sein bei dem ungeheuren Arbeitspensum, das er sich auferlegte. Aber er war zudem ein anrührend sanfter Mensch, ein Liebender, nicht nur der Literatur, auch der Autoren. Auf die Frage, wie um alles in der Welt er mit den unterschiedlichen "Kotzbrocken" (sein augenzwinkernd geäußertes Wort), mit ihrem Ich-Getöse und ihren Ungerechtigkeiten zurechtkomme, schmunzelte er nur und sagte: "Na, das wird wohl an meiner Anschmiegsamkeit liegen."

Er verlangte sich absolute Geistesgegenwart ab, Routine kam in seinem Tun nicht vor

Es lag vor allem an seiner ehrlichen Hochachtung vor dem, was man schöpferische Arbeit nennt. Sein Respekt vor Autoren hing auch damit zusammen, dass er die meisten, auch die jüngeren, prinzipiell für älter hielt als er selbst es war, und ihnen damit einen Vorschuss an Autorität gab. "Liegt es an der Vorstellung, dass notwendigerweise erfahrener sein müsse, wer über so viel Umgang mit dem Leben wie mit der Literatur verfügt und das auch noch formulieren kann? Ich weiß es nicht", schrieb er mir einmal. Und diese Hochachtung, die ihn auch in Streitfragen nie verließ - darin konnte es um Buchumschläge oder Werbemittel gehen -, gipfelte für ihn in dem Satz: "Gut, dann machen wir es so. Der Autor hat immer Recht."

Ihm waren Klüngelei und Betriebs-Zynismus natürlich nicht fremd; aber er gestattete sich so etwas nicht. Beklagte man sich bei ihm über diesen oder jenen Kritiker oder Verlagsmitarbeiter, von dem man sich beleidigt oder ungerecht behandelt fühlte, schüttelte er traurig den Kopf - traurig darüber, dass man nicht erhaben war über diesen Kleinkram, und sagte höchstens einmal: "Ist das denn wirklich so wichtig?" Und wenn man bekräftigte, dass es das sehr wohl sei, lächelte er und präsentierte eine völlig unerwartete Lösung für das Problem: Er war ein Schachspieler, wie gesagt, und sah stets weiter als alle Gegner.

Niemand kann ein guter Lektor sein, der im Innersten nicht auch ein Dichter ist. Immer wieder verblüffte mich die Genauigkeit seiner Lektüre, das Gespür für die Echoräume und Unterströmungen eines Textes. Jeder seiner Briefe, ein neues Manuskript betreffend, war originell, nie gab es eine Einschätzung oder Formulierung darin, der man ansah, dass er sie vielleicht schon einmal bei den vielen anderen Autoren oder Büchern verwendet hatte. Was er sich abverlangte war nichts weniger als absolute Geistesgegenwart in jedem Augenblick seines Tuns, und Routine kam darin nie vor.

Wer ihn in seiner Sanftheit unterschätzte, sah schnell alt aus

Wohl aber viel verschmitzter Humor. Er war ein Genießender, nicht nur der Wiener Küche, ein durch und durch Lebensfroher, machte aber kaum je Witze und lachte allenfalls einmal höflich über einen. Vielmehr war sein Humor ein goethischer, also von existenziellem Ernst und bejahender Hellsicht grundierter, so wie seine Demut der Literatur und dem Leben gegenüber eine selbstbewusste war. Wer ihn aber in seiner Sanftheit unterschätzte, sah sehr schnell alt aus.

In Frankreich zum Ritter geschlagen, in Deutschland zum Doktor ehrenhalber ernannt, blieb er stets immun gegen Anstecknadeln aller Art, und als ich ihm zuletzt zur Krönung seines Lebenswerks gratulierte, dem Nobelpreis für Peter Handke, schrieb er nur lakonisch: "Ja, schönen Dank. Wir aber arbeiten weiter. Wohin soll ich Dir den Vertrag für den neuen Erzählungsband schicken?"

Den hatte er noch zum Teil durchgesehen, dann verließen ihn die Kräfte. Wir, seine Autoren, seine Mitarbeiter und die Leser der von ihm herausgegebenen Bücher, sind durch seinen Tod um einiges ärmer geworden. Aber die Erinnerung an seine warmherzige Person und seine starke und gewissenhafte Art zu arbeiten wird uns, nach aller Trauer, reicher machen.

© SZ vom 28.04.2020/cag
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