bedeckt München 17°

Punker Richard Hell:Ein bisschen hart, aber schamlos

Richard Hell

Pop entsteht im Auge des Betrachters, wir machen uns ein Bild... Die große Geste des Richard Hell.

(Foto: Roberta Bayley)

Sittengemälde einer untergegangenen Zivilisation: Die Autobiografie des legendären Punk-Pioniers Richard Hell ist voller Klatsch und Selbstverliebtheit und existentieller Bedrohung.

Von Klaus Walter

Richard Hell ist ein dilettantischer Musiker, gescheiterter Schauspieler, selbstsüchtiger Narzisst, schwanzgesteuerter Sexprotz und ein Koks- und Heroin-Junkie, der seine Freunde beklaut. So steht's in seiner Autobiografie. Das Buch ist ein Hit. Warum? Weil er "einer der größten Rock'n'Roller, die ich je gehört habe", ist, so Lester Bangs, einer der größten Rock'n'Roll-Kritiker, die es je zu lesen gab.

"Blank Generation" heißt das Buch in der deutschen Übersetzung, so wie der bekannteste Song von Richard Hell & The Voidoids. Das war die vierte Punkband, die Hell im New York der Siebzigerjahre gründete - nach den Neon Boys, den Heartbreakers (mit Johnny Thunders) und den noch legendäreren Television (mit seinem Freund Tom Verlaine).

Er gehöre zur "Blank Generation", singt der 1949 als Richard Meyers in Kentucky geborene Sohn einer Südstaaten-Methodistin und eines deutschen Juden: "I can take it or leave it each time!" In dem Song von 1977 wandelt seine Stimme auf dem schmalen Grat zwischen Selbstliebe und Selbsthass. Jederzeit gehen können, abhauen: Leitmotive seines Lebens. "Blank" bedeutet auch: ausdruckslos.

Der Einfluss von Richard Hell ist nicht zu unterschätzen. Nach seinem Proto-Punk-Ebenbild erfand Malcolm McLaren in England die Sex Pistols: Stachelhaare, Junkie-Augen, phallische Nase, Stoßstangenlippen. Vergiss Mick Jagger, vergiss Billy Idol. Das Coverfoto von "Blank Generation", dem Album, ziert jetzt auch das Buch. Die entscheidende Geste - Hell reißt sein Hemd auf und zeigt den entblößten Oberkörper - kommuniziert Widersprüchliches: der Exhibitionist, der den Trenchcoat aufklappt? Der Posterboy, der sich nehmen lässt, von Frauen, Männern, anybody? Und da ist noch dieser Schriftzug, mit Edding auf die blanke Brust gemalt: "YOU MAKE ME __". Pop entsteht im Auge des Betrachters, wir machen uns ein Bild.

2010 taucht das ikonische Foto auf dem Plakat einer Tagung der Universität Halle auf: "Jüdische Identität und Subkultur in den Jahren 1967-77 zwischen Bürgerrechtsbewegung und Punk." Was Hell da zu suchen hatte? "Ich verstand nicht wirklich, was ein Jude ist, auch wenn ich wusste, dass die Familie meines Vaters irgendwie dieser Spezies angehörte", schreibt er in der Autobiografie. Sein Vater habe ihn atheistisch und kommunistisch erzogen, das Jüdischsein spielte keine Rolle. Für einen Antisemiten sei er aber definitiv ein Jude. Wer Jude ist und wer nicht, das bestimmen die Antisemiten. "YOU MAKE ME": Ihr macht mich (zum Juden).

Eine irrwitzige Kopfgeburt: die Lyrikerin Theresa Stern. Unter ihrem Namen schrieb er Gedichte

So unbedeutend ist das Jüdische für Richard Hell aber doch nicht. Dafür spricht die irrwitzigste seiner an irrwitzigen Figuren nicht armen Lebensgeschichte. Tom Verlaine und Richard Hell sind jung in Manhattan, verbunden in symbiotischer Hassliebe, entflammt für die Kunst. Es sind die frühen Siebzigerjahre, große Dichter wollen sie werden. Oder große Musiker. Oder beides. "Es war Theresa Stern, die mir zum ersten Mal den unleugbaren Beweis dafür gab, und es war in dieser Zeit, als wir beide 21 waren und Tom und ich sie erfanden." Die Lyrikerin Theresa ist eine Kopfgeburt: "Ich nannte sie Theresa Stern und stellte mir vor, dass sie einen deutschen jüdischen Vater und eine puertorikanisch-amerikanische Mutter hatte und dass sie schwierig war." Für den Kopf zur Kopfgeburt tragen Hell und Verlaine schwarze Perücke, lassen sich identisch schminken und in identischer Pose fotografieren. Die Negative werden überblendet, fertig ist ein hinreißend androgynes Mischwesen aus Tom und Richard. "Theresa sah ein bisschen hart, aber schamlos aus", schreibt Hell, und: "Theresa war eine Hure."

Unter dem Namen der Hure veröffentlicht Hell damals Gedichte, bis heute hält er manchmal Lesungen als Theresa Stern. Der jüdische Kritiker Steven Lee Beeber, der mit "Die Heebie-Jeebies im CBGB's", einer Untersuchung zu den jüdischen Wurzeln der Punk-Bewegung, bekannt wurde, analysiert die Kunstfigur so: "Theresa war die Jüdin als Zigeunerin, als exotisches, starkes Mädchen. Der Jude als das Fremde, als sexuelle Bedrohung und Rauschmittel."

So problematisch diese Attribuierung des Jüdischen ist, so virtuos spielt Hell auf der Klaviatur der Ängste der "Goj", der Nichtjuden, vor dem hyperpotenten, blitzgescheiten, sich selbst hassliebenden, keinem Rausch abholden Juden - ohne dies auszusprechen. "Der Sexualtrieb überwältigt fast alles. Viele sind beim Ficken gestorben", weiß Richard schon mit vierzehn. Er lässt sich überwältigen, fickt neben vielen anderen Patty Oldenburg, die Frau des Pop-Artisten Claes Oldenburg, die wunderbare Sängerin Lizzy Mercier Descloux und Kathy Acker. Die Dichterin mag's anal.

Ja, das Buch hat einen hohen Klatschfaktor, und ja, Hell lässt den dreckigen alten Mann raushängen. Sein Verhältnis zu Frauen ist konsumistisch, verehrend, verzehrend, verheerend. Kondome kommen nicht vor. Und kaum Autos. Die Autobiografie endet pünktlich 1984, als Hell mit den Drogen aufhört und Aids den Teil Manhattans, um den es hier geht, in eine Hölle verwandelt. Die billigen Apartments, die Buch- und Plattenläden, die Galerien und Clubs in den unteren 15, 20 Straßen Manhattans sind alle zu Fuß zu erreichen. So wie die Dealer.

"Blank Generation" ist das Sittengemälde einer untergegangenen Zivilisation. Und ein tolles Drogen-Aufklärungsbuch, nach Lou Reeds Diktum: Um den Horror einer Droge angemessen zu beschreiben, muss man ihre Faszination begreifen.

Richard Hell: Blank Generation. Autobiographie. Aus dem Englischen von Norbert Hofmann. Edition Tiamat/Verlag Klaus Bittermann (Critica Diabolis 228). 288 Seiten, Abbildungen, 20 Euro. E-Book 14,99 Euro.

© SZ vom 16.10.2015
Zur SZ-Startseite