Psychologie:Wikipedia des Gehirns

Die Rechtspsychologin Julia Shaw untersucht in "Das trügerische Gedächtnis", wie unsere Erinnerungen gefälscht werden.

Von Tobias Sedlmaier

In W. G. Sebalds Roman "Austerlitz" entdeckt der Protagonist, dass seine bisherige Biografie eine Fiktion war. Mühsam muss er daraufhin Gedächtnisarbeit betreiben, erforschen und rekonstruieren, woher er eigentlich stammt. Dass unser Gedächtnis und die sich daraus speisende Erinnerung so unfehlbar und stabil nicht sind, wie man lange annahm, kann man nicht nur in den Künsten und speziellen geisteswissenschaftlichen Theorien, etwa von Jan und Aleida Assmann, erfahren, sondern leicht auch im Alltag. Oder könnte man sich wirklich ohne weiteres erinnern, was man vor zwanzig Jahren, im Oktober 1996 gemacht hat? Ein paar Tage Herbstferien, Spaziergang unter bunten Baumkronen? All unsere Erinnerungen daran aber wären allemal brüchig, von anderen überlagert oder womöglich ganz falsch.

Psychologie: Julia Shaw: Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Aus dem Englischen von Christa Broermann. Hanser Verlag, München 2016. 304 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Julia Shaw: Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Aus dem Englischen von Christa Broermann. Hanser Verlag, München 2016. 304 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Warum sich unsere Erinnerungen "formen lassen wie eine Kugel aus Lehm", erklärt Julia Shaw in ihrem Buch "Das trügerische Gedächtnis". Die deutsch-kanadische Autorin ist Rechtspsychologin, lehrt an der Londoner South Bank University und berät Polizei und Justiz. Anhand zahlreicher Fallbeispiele aus Alltag und Forschung zeigt Shaw auf, wie fragil und unzuverlässig das menschliche Erinnerungsvermögen ist. Gerade im Bereich der frühkindlichen Erfahrungen erscheint bemerkenswert, wie weit eigene Wahrnehmung und Realität auseinanderklaffen. Über die häufigen Berichte von Menschen, die behaupten, sich an die eigene Geburt erinnern zu können, kann Shaw nur verwundert den Kopf schütteln, entsprechende Phänomene mit anschaulichen Studien und den neuesten Erkenntnissen über Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Gehirns widerlegen. Hält dieses beispielsweise für Neugeborene noch eine Vielzahl Neuronen bereit, werden im Laufe des Heranwachsens entsprechende überflüssige Verbindungen gekappt. Die sogenannte "synaptische Bereinigung" sorgt dafür, dass das Gehirn mit wachsender Größe optimiert wird und nicht mehr benötigte Information verloren gehen. Wir erleben diesen Prozess als Vergessen.

Shaw räumt auf mit weitverbreiteten Mythen wie den von der Hypnose als Verstärkungshilfe für das Erinnerungsvermögen oder der landläufigen Vorstellung des fotografischen Gedächtnisses, die untersucht auch alle möglichen Aspekte, die mit der Wahrnehmung, der Speicherung und dem Verlust von Erinnerungen korrelieren: Schlafverhalten, Selbstüberschätzung, Erregungszustand oder Aufmerksamkeit. Gerade bei letzterer stellt sich oft eine Art Betriebsblindheit ein, wie ein komisches Experiment zeigt: Eine Gruppe von Teilnehmern sollte zählen, wie oft sich Menschen in einem Video einen Ball zuwarfen. Sie waren so mit der Aufgabenerfüllung beschäftigt, dass die wenigsten eine Frau im Gorillakostüm bemerkten, die durchs Bild ging.

Es können Erinnerungen erzeugt werden an eine Realität, die es nie gegeben hat

Man hat selber immer wieder erfahren, wie einfach unser Gedächtnis manipulierbar ist: Mithilfe gefälschter Fotos, subtiler Beeinflussung oder emotionsbesetzten Erzählungen können Erinnerungen erzeugt werden, die es in der Realität niemals gab. Die Autorin selbst konnte Probanden von Straftaten überzeugen, die sie nicht begangen hatten. "Das Hirn funktioniert ein bisschen wie Wikipedia: Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch", wird eingangs die amerikanische Psychologin Elisabeth Loftus zitiert. Eine endgültige Kontrolle über unsere Gehirn-Wiki-Einträge gibt es nicht. Wenn wir also im Kino derzeit über den vergesslichen Paletten-Doktorfisch Dorie lachen, sollten wir bedenken, dass es unserer Erinnerung letztlich nur unwesentlich besser ergeht.

© SZ vom 18.10.2016
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