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Psychogramm:Arzt ohne Grenzen

Natascha Kampusch trifft auf Ingeborg Bachmann. Thomas Jonigk zeichnet im Roman "Liebesgeschichte" das Bild eines Sexualstraftäters.

Von Insa Wilke

Dem Liebeskonzept zufolge, wie es sich von Platons Kugelmenschen ableitet, wonach jeder Mensch auf der Suche ist nach seiner verlorenen anderen Hälfte, organisiert sich bis heute unsere Gesellschaft. Wer von Liebe erzählt, spricht also immer auch über Politik, man lese dazu die Literatur von Shakespeare bis Thomas Brasch, von Marlene Streeruwitz bis Monika Rinck. Gilt das auch für den Theaterautor, Regisseur und Dramaturgen Thomas Jonigk? Er hat gerade seinen vierten Roman unter dem Titel "Liebesgeschichte" veröffentlicht: eine Ansage. Aber welche?

In einem Gespräch, das man auf Thomas Jonigks Website nachlesen kann, sagt er: "Diese Individualisierung, die anfangs romantische Sehnsucht erzeugte, scheint direkt in eine postromantische Welt zu führen, in der das Gegenüber keine Ergänzung mehr ist, sondern wo im Du nur noch das Ich gesucht und nicht gefunden wird." In diesem narzisstischen Dilemma des postmodernen, gottlosen und eigentlich liebesunfähigen Menschen sieht Jonigk seine Hauptfigur.

Alexander Wertheimer ist Arzt. Angeblich, denn er ist zugleich auch der Urheber und Erzähler seiner Geschichte, die er als Ermittlung gegen sich selbst protokolliert. Er beschreibt sich so: "Ich bin ein aufgeklärter, emanzipierter, für Gleichberechtigung eintretender Mann, der sich weigert auf die Sirenenklänge der Pornografie hereinzufallen." Und so: "MÄNNLICH. / WIDERWÄRTIG. / SCHULDIG." Und weiter heißt es: "glatt gekämmtes, ausgedünntes Haar, Rasurbrand im schlaffen Bereich von Hals, Kinn und Mund und rote, verquollene Augen".

Thomas Jonigk: Liebesgeschichte. Roman. Droschl Verlag, Graz 2016. 224 Seiten, 19 Euro.

Thomas Jonigk hat einen Täter geschaffen, einen fettleibigen, schwitzenden Sexualstraftäter. Zumindest war da schon mal was mit seiner Schwester, bevor es die ukrainische Kinderprostituierte Maria in Wertheimers Praxis verschlug. Ganz genau weiß man das nicht, denn Alexander Wertheimer scheint eine blühende Fantasie zu haben. Ob es also stimmt, dass an einem Abend nach Dienstschluss ein zwielichtiger Typ eine schwer verletzte junge Frau in Wertheimers Praxis bringt, ob es stimmt, dass er sie in Tiefschlaf versetzt hat, um mit Sinn für Gottfried Benns Ästhetik ("Auf den noch immer leicht bläulichen, schmalen Lippen zeigt sich Herpes simplex labialis mit zwei nässenden und einem noch geschlossenen Fieberbläschen im Bereich des Amorbogens.") vor seiner Maria zu onanieren, ist ungewiss. Ob er überhaupt Arzt ist, auch. Gewiss ist nur: Die Masturbation wird ihn und uns als Schuldkomplex über die restlichen Seiten verfolgen. Und gewiss ist auch: Mit Maria wird es so oder so kein gutes Ende nehmen. Wenn es sie denn gibt.

Mit Tätern und ihren Opfern hat sich Thomas Jonigk schon mehrmals beschäftigt, in seinem ersten Roman "Jupiter" zum Beispiel oder in seinem Stück "Täter" (beide 1999). Ihn habe damals umgetrieben, dass Opfer immer "rein" sein müssten, um als Opfer akzeptiert zu werden, und er glaube, dass Sexualstraftaten oft viel mit der "Unfähigkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen" zu tun hätten, so Jonigk.

Alexander Wertheimer ist nun das Gegenmodell zu solchen Tätern. Er ist Feminist. Er reflektiert, dass er einerseits als "gewöhnlicher Mann" anerkannt werden will und es nicht wird, andererseits aber über dem Mann an sich steht, der ja schon immer den Vergewaltiger in sich trage und von dem er sich distanziert. Seine Schwester habe ihm vorgeworfen, dass er nur Feminist geworden sei, um ihr als Frau auch noch den letzten Rückzugsraum zu nehmen. Diese Auseinandersetzung exerziert Wertheimer im monologischen Dialog mit Maria durch, die er am Ende entführt, vergewaltigt, gefangen hält und ermordet. Möglicherweise.

Es ist kompliziert mit der Verquickung von individuellem Kopfraumtheater und gesellschaftlichem Über-Ich in diesem Roman. Der "Tatort"-Plot wird zum erzähltheoretischen Labor. Schade, denn in Zeiten von extremen Fällen wie dem Natascha Kampuschs oder des Horror-Paares aus Höxter hätte man sich für das Psychogramm dieses Menschen und einer literarischen Analyse der Mittäterschaft des sozialen Umfelds schon sehr interessiert. Aber Jonigk dreht die Schraube weiter, vielleicht dringt da das Theater in den Roman. Er munitioniert uns via Wertheimer mit Zitaten von Ingeborg Bachmann und Verena Steffen, von Ursula Kosser, dem Landesfrauenrat und aus der hinduistischen Mythologie - sein Wertheimer hat alles gelesen. Beeindruckend. Und jetzt?

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman bietet der Verlag hier an.

Jetzt steht man da und kriegt die Puzzleteile nicht zusammen. Möchte uns Thomas Jonigk von diesem Mann erzählen oder möchte er mit uns ein intertextuelles Spiel spielen, rund um die Bachmannsche Frage: Gibt es mich überhaupt? Das wird leider immer unklarer. Was bei Thomas Meinecke ("Lookalikes", 2011) die Coolness eines Theorie samplenden DJs hat und bei Clemens Meyer ("Im Stein", 2013) die Glaubwürdigkeit authentischer Erfahrung, wirkt bei Thomas Jonigk, als schieße er mit seiner Figur übers Ziel hinaus.

Wertheimers Bemühen um Präzision, wenn er nach Worten sucht und Alternativformulierungen anbietet, scheitert an seinem Mangel an Durchsetzungskraft und Entschiedenheit. Diesen Mangel teilt er mit seinem Autor, sodass man am Ende weder ein gutes "Tatort"-Drehbuch gelesen, noch eine Antwort gefunden hat auf die sich aufdrängende Frage: Welche Haltung vertritt dieses Buch und zu welcher Debatte soll es überhaupt ein Beitrag sein? Von der Sache mit der Liebe ganz zu schweigen.

© SZ vom 06.05.2016
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