Indische Literatur Herbst des Patriarchen

In Srinagar, der Hauptstadt des autonomen Bundesstaates Kaschmir gehen immer wieder Hotels in Flammen auf, hier im August 2003.

(Foto: AP)

King Lear in Indien: In ihrem Breitwand-Roman "Wir, die wir jung sind" macht Preti Taneja dem Bollywood-Kino mit den Mitteln der Literatur Konkurrenz.

Von Christoph Bartmann

We that are young, shall never see so much, nor live so long", so lauten die letzten Verse in Shakespeares Tragödie "King Lear", gesprochen je nach Fassung vom Duke of Albany oder von Edgar, dem legitimen Sohn des Grafen von Gloucester. "We that are young" oder "Wir, die wir jung sind" heißt auch Preti Tanejas fulminanter Debütroman, der Shakespeares Stoff ins Indien des 21. Jahrhunderts überführt. Nicht nur der originale Lear hat Eingang gefunden in ihren Roman, sondern auch manche Bearbeitung, die Shakespeares düsteres Drama seitdem erfahren hat.

So ist bei Taneja etwa auch Edward Bonds "Lear" aus dem Jahr 1971 gegenwärtig, mit seiner exzessiven Gewalt und seinem Akzent auf Fragen von autoritärer Herrschaft, Sozialismus und Klassenkampf. Man kann Tanejas Roman aber auch ohne ständigen Bezug auf Shakespeare lesen, ja ihn vielleicht auch nur als ein besonders lebenspralles Stück aus "Bollywood" genießen, wozu die Autorin selbst rät. Neben Shakespeare und Bond haben auch Bret Easton Ellis, Martin Amis, Virginia Woolf und andere ihre Spuren hinterlassen. Nicht alle Referenzen sind gleich auffällig, der eher getreue als freie Bezug zu "King Lear" jedoch strukturiert den Roman in jedem Moment.

"Shame and Scandal in the Family" also, und dies, wie bei Lear, als Haus-, Hof- und Staatsaktion. König Lear ist hier der greise Geschäftsmann Devraj Baguji, Gründer und Chef der "India Company", eines die Nation umspannenden Mischkonzerns, einer Art Indien AG, ein Mann von adliger Abstammung und autokratischen Allüren. Wie König Lear über eine Hundertschaft von saufenden und hurenden Rittern gebietet der alte Maharadscha über eine entsprechende Zahl ebenso rüpelhafter Business-Talente, die ihm willenlos zu Diensten sind. Lears Töchter Goneril, Regan und Cordelia heißen hier Garga, Radha und Sita. Die zwei Älteren, Garga, die kühle Unternehmerin, und Radha, die dem süßen Leben verfallen ist, werden, unterstützt von ihren intrigant-opportunistischen Ehegatten, das Erbe Devrajs unter sich aufteilen, während die Lieblingstochter Sita einstweilen leer ausgeht. Mit ihrem öko-feministischen Aktivismus und ihrer Unlust zu heiraten fügt sie sich nicht ins väterliche Rollenbild.

Die fiebrige Hektik des Geschehens spiegelt sich in einem mitreißenden Erzählstrom

Aber dann ist da auch noch der langjährige Geschäftskumpan des Vaters, Ranjit Uncle, wie ihn Devrajs Töchter nennen, Graf Gloucester bei Skakespeare, selbst Vater zweier Söhne mit Ambitionen, nämlich des legitimen Sohnes Jeet (Edgar) und des "Bastards" Jivan (Edmund), den wir zu Beginn des Romans im Anflug aus dem amerikanischen Exil erleben. Hat man das Ende des "Lear" im Kopf, ahnt man, dass die Erbfolge im Hause des alten Magnaten unerfreulich verlaufen wird. Mehr als das, sie steigert sich zu einer kollektiven Raserei, zu einem frenetischen Kampf nahezu aller gegen alle, zu einer superdrastischen Soap-Opera, in der Blut, Schweiß und Whisky in Strömen fließen. Und natürlich geht es nicht ohne die notorische Blendungsszene aus dem "Lear" ab.

Taneja erzählt nah an ihren Figuren, ja, sie kriecht ihnen regelrecht unter die Poren. Man könnte diesen Zugriff als "immersiv" oder fast auch schon als (maximal) "invasiv" beschreiben. Die fiebrige Hektik des Geschehens spiegelt sich in einem mitreißenden, manchmal auch enervierenden Erzählstrom. Wer Hindi kann, ist im Vorteil, denn auch längere Passagen bleiben unübersetzt, was andererseits dem Text eine schöne Widerborstigkeit verleiht: "Sie hatte Radha pagal genannt und gesagt, eher werde Lord Shiva als ungewaschene Gopi verkleidet auftauchen und die Kühe für ihre Morgen-doodh melken, als dass Bapuji seiner mittleren Tochter erlauben könnte, Jivan zu heiraten." Nun, zum Glück gibt es ein Glossar: "Pagal" bedeutet "verrückt, Verrückter", "doodh" ist "auf Hindi Milch; Wortspiel mit der umgangssprachlichen amerikanischen Anrede 'dude'" (aber vielleicht gilt das nur hier im Roman?). "Gopi" muss man woanders nachschlagen, es handelt sich um die mythologischen Kuhhirtinnen des Hinduismus.

Man kann Preti Taneja dankbar sein, dass sie gar nicht erst anfängt, die überwältigenden indischen Realien dem westlichen Leser gefällig darzubieten. Andererseits leistet sie mit ihrem Hang zur blumigen Metapher auf ihre Weise selbst einem gewissen "Orientalismus" Vorschub. Der Sirup ist neben dem Blut die andere dicke Flüssigkeit, in die dieser Roman getaucht ist. Shakespeare-Paraphrase, Bollywood-Seifenoper, modernistischer Verweise-Parcours - es ist vielleicht etwas zu viel, was sich Taneja hier vorgenommen hat. Gerade in seinen grellen, drastischen Momenten erinnert der Roman ein wenig auch an eine Tortenschlacht. Kein Lebensmittel, das nicht unsachgemäß auf Kleider und Körper verschmiert werden könnte. Taneja verfügt über viele bunte Effekte, ist aber nicht allezeit deren Herrin.

Es gibt in diesem Roman nichts, was sich jemand aus den besseren Kreisen nicht leisten könnte

Wie zu erwarten, liefert ein großes indisches Gegenwartsepos wie dieses reichlich Themen und Thesen. Der Kaschmir-Konflikt etwa spielt eine bedeutende Rolle; die "India Company" steht vor der Eröffnung eines Luxushotels ausgerechnet im von Unruhen erschütterten Srinagar, wo einst die Gattin des Patrons Opfer eines politischen Mordes wurde. Probleme des indischen Kasten- und Klassensystems, von systembedingter Gewalt, Ungleichheit und Willkür treten in den Blick. Betrachtet man Tanejas Roman von der "India Company", was fast unvermeidlich ist, als satirisch zugespitzte Allegorie der indischen Gesellschaft, fällt ihr Befund verheerend aus.

Die Elite, beispielhaft verkörpert durch Devraj und die Seinen, hat, mit Ausnahme der abtrünnigen Tochter und des kurzfristig zum asketischen Mönch avancierten Jeet, überhaupt noch nicht damit angefangen, ihre Privilegien zu "checken". So kann es sich der alte Patriarch etwa leisten, aus nichtigem Anlass einen Diener beinahe tot zu prügeln, ohne dass dies die versammelte Gesellschaft irgendwie störte, von polizeilichen Ermittlungen ganz zu schweigen.

Derselbe Patriarch verwandelt sich, kaum dass ihn seine Töchter aus der Firma gedrängt haben, in einen demagogischen Volkstribun, der durch die Slums zieht und seine neuen Anhänger zum Kampf gegen das ihm und ihnen widerfahrende Unrecht aufruft. Es gibt, jedenfalls in diesem Roman, nichts, was man sich als Angehöriger der indischen besseren Gesellschaft nicht leisten könnte. Ein sozialkritisches "J'accuse" lässt sich Tanejas Buch dennoch kaum abgewinnen. Dafür ist ihr indischer "Lear" doch zu fantastisch, zu sarkastisch geraten. Wer wolle, sagt die Autorin, könne ihren Roman als ein Stück "Bollywood" lesen. Ein Musical, wie die meisten Bombay-Filme, ist es nicht geworden, wohl aber ein Breitwand-Melodram, wenn auch eines von der dunklen Art.

Preti Taneja: Wir, die wir jung sind. Roman. Aus dem Englischen von Claudia Wenner. Verlag C.H. Beck, München 2019. 630 Seiten, 26 Euro.