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Preise in Frankreich:Ungeschminkt

Der Prix Goncourt und der Prix Renaudot wurden an zwei Romane verliehen, die beide historische Themen aus Deutschland behandeln.

Als hätte die französische Literatur nach der Frankfurter Buchmesse von Deutschland noch nicht genug, hat sie bei zwei Preisvergaben nachgelegt. Die Goncourt-Jury kürte den Roman "L'ordre du jour" (Tagesordnung) von Éric Vuillard über die Starthilfe der deutschen Wirtschaft beim Aufstieg Hitlers. Die Juroren des Prix Renaudot entschieden sich für den Roman "La disparition de Josef Mengele" von Olivier Guez. Das Interesse der Literatur für historische Themen hart an der Grenze zum Dokumentarischen bestätigt sich.

Der 1968 geborene Éric Vuillard ist ein sprechendes Beispiel dafür. Seine schmalen Bücher - "Traurigkeit der Erde" über Buffalo Bill ist bei Matthes & Seitz nach zwei anderen Titeln gerade auf Deutsch erschienen - geben sich nicht als Romane, sondern als "Erzählungen" aus. Über minutiös recherchierte Begebenheiten versetzt der Autor sich in bestimmte historische Ereignisse - den Sturm auf die Bastille, die Kolonialisierung Afrikas oder eben den Aufstieg Hitlers - und erzählt dann die Geschichte als Mischung aus politischer Kleinkrämerei und großem Spektakel.

"L'ordre du jour" beginnt mit dem am 20. Februar 1933 von Hermann Göring einberufenen Treffen von 24 deutschen Industriekapitänen, Krupp, Opel, Bayer, Siemens, Allianz, mit Hitler im Berliner Reichstag und rollt dann in sarkastischer Kürze die Verwicklung der europäischen Mächte ins Netz der nationalsozialistischen Strategen auf. Diese ungeschminkte Erzählform machte aus Vuillard einen Außenseiter unter den französischen Schriftstellern und einen Unerwarteten in der Endrunde für den Goncourt.

Noch überraschender kam sein Sieg. Vieles sah danach aus, dass sein Verlag Actes Sud diesmal passen müsste, denn geleitet wurde er bis vor sechs Monaten von der heutigen Kulturministerin Françoise Nyssen. Mit Mathias Énard und Jérôme Ferrari hatte er in den letzten Jahren schon zwei Goncourt-Preisträger. Die zehn Goncourt-Juroren mochten sich dadurch nicht beeinflussen lassen und votierten in einem offenbar schwierigen Entscheidungsprozess mit 6 gegen 4 Stimmen im 3. Durchgang wohl nicht für das beste, gewiss aber für das originellste der vier Bücher in der Endauswahl. Und die Kollegen vom Prix Renaudot vervollständigten den Geschichtsrückblick mit Olivier Guez und seinem Roman über das gehetzte Leben des Nazi-Arztes Josef Mengele in Südamerika.

© SZ vom 07.11.2017

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