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Postsozialismus:Beten und Schimpfen

Eine sentimentale Notiz zum ukrainischen Epochenroman "Karpatenkarneval" von Juri Andruchowytsch, der jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt.

EXCLUSIVE Die Ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk ...

Erinnerungen an den Karpatenkarneval: Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk lebt heute in Wien und schreibt auf Deutsch.

(Foto: Sebastian Reich/dpa)

Vor Kurzem besuchte ich wieder meine Heimatstadt Iwano-Frankiwsk (Stanislau hieß sie unter Österreich-Ungarn), eine ruhige westukrainische Provinzstadt mit der genau 100 Meter langen Fußgängerzone und einem ungewöhnlichen Rathaus im Art-déco-Stil. Es ist schon fünfzehn Jahre her, dass ich zunächst nach Kiew und weiter nach Wien gezogen bin. Die Stadt hatte sich wenig verändert und war gerade dabei, die seit zwei Monaten über den Straßen hängende Weihnachtsdekoration abzuräumen. Ältere Herren in zerschlissenen Mänteln spielten am Mickiewiczplatz Schach, schweigend und mit ein bisschen verrückten Blicken, alles wie früher. Durch Krieg und wirtschaftliche Krise verarmte Bürger machten in der Fußgängerzone ihren 100-Meter-Pflichtmarsch, möglichst prächtig gekleidet, um sich vor den anderen Verarmten nicht zu blamieren. Und unter der Bahnhofsbrücke auf den Zusatzgleisen ruhten, einer satten Riesenschlange ähnlich, von Ruß geschwärzte, stinkende Wagen der ukrainischen Bahn — mit einem solchen bin ich einst weggefahren und kehre ich wahrscheinlich irgendwann wieder zurück. In der Zwischenzeit komme ich regelmäßig aber selten her, ängstlich wie eine Diebin, um meinen Weltschmerz zu lindern.

Es war bald acht Uhr abends, ich stand vor einer Apotheke auf der Sitschowi-Striltzi-Straße, als die Tür plötzlich aufging und mir ein höflicher junger Pharmazeut anbot, mir bei Bedarf noch eine Medizin zu verkaufen. Nein, nein, ich brauche keine Medikamente, sagte ich, ich stehe bloß vor der Apotheke, weil sich hier in den Neunzigerjahren eine bekannte literarische Kneipe befand, verstehen Sie, zahlreiche Schriftsteller präsentierten hier ihre Bücher, hatten Diskussionen, lasen Gedichte vor, alberten herum, solches Zeug. Der Junge schüttelte eifrig den Kopf. Es sei hier nie eine Kneipe gewesen, meinte er, Sie irren sich bestimmt. Aber nein, ich irrte mich nicht, die Kneipe hieß Peters. Ich hatte hier meinen ersten Alkohol getrunken und meine erste Lesung vor Publikum gehabt. Aber nicht das war wesentlich, sondern: im Peters erwischte ich noch die letzten Minuten des legendären literarischen Karnevals, der auf den Ruinen der Sowjetunion begonnen hatte und über die frisch unabhängigen und durchaus tristen Neunzigerjahre hinweg dauerte. Ein unauffälliger Ort wie Iwano-Frankiwsk war plötzlich zum Epizentrum des Karnevals geworden, dank Juri Andruchowytsch vor allem, aber auch dank Juri Izdryk, der eine alternative Literaturzeitschrift "Tschetwer" ("Donnerstag") herausgab (jede neue Nummer war ein Ereignis), dank Taras Prochasko, Schriftsteller, Biologe und Barkeeper in einem, der so "langsam und genau schrieb, wie eine Pflanze schreiben würde".

Die unbewusste Angst vor einer erneuten russischen Okkupation wurde seit 2014 zu einer drohenden Realität

Prochasko saß auf seinem Balkon im dritten Stock eines zentralen Altbaus und rauchte, unrasiert, barfuß, genügsam, oder eilte nach Hause mit einem Sack Gemüse in der Hand und einer Hündin an der Leine. Ich sah ihn oft auf dem Weg zur Universität und dachte dabei, dass Literatur in meiner Stadt Alltag bedeutete. Die drei wunderbaren Lyrikerinnen Halyna Petrosanjak, Maria Mykyzej und Anna Sereda lockerten mit ihren zarten Metaphern die oft männlich dominierte Gesellschaft. In den vollgestopften Kneipen, düsteren Museen oder schäbigen Bibliotheken fanden ständig Lesungen und Performances statt; im Publikum ängstliche Mädchen, "meist nicht hübsch, aber jung, und das genügt", harmlose junge Komsomolzen zahlten das Bier, Spinner und Clowns trieben sich herum, sowie Gauner und Arbeitslose, elende Phobiker, Egoisten, Opportunisten, "Geißel Gottes, Werkzeug des Teufels". Und die restlichen Bürger lächelten nachsichtig und mischten sich nicht ein. So schön war es.

Das Getümmel bekam später einen prätentiösen Namen: Stanislauer Phänomen. Ich hingegen bevorzuge das Ganze als ein Fest des auferstehendes Geistes in der Erinnerung zu behalten, als einen frivolen Karpatenkarneval, obwohl die Berge in der Stadt nur bei sehr klarem Wetter am Horizont sichtbar sind, man spürt jedoch die gewaltige Bergnähe und das dort verborgene Geheimnis des Authentischen. Es war eine Wiederentdeckung des freien Schreibens, eine feierliche Entlassung aus dem Gefängnis. Man könnte bedauern, dass diese Zeit keine große Geschichte hervorbrachte, aber das war nicht ihre Aufgabe. Man lernte aufs Neue zu beten und zu schimpfen. Das genügte.

Die unbewusste Angst vor einer erneuten russischen Okkupation wurde seit 2014 zu einer drohenden Realität

Der Geist der ukrainischen Dichtkunst versuchte im 20. Jahrhundert bereits zweimal eine Auferstehung, in den Zwanziger- und in den Sechzigerjahren. Mehr als dreihundert Schriftsteller, die sogenannte "Hingerichtete Wiedergeburt", wurden während des Roten Terrors von Stalin inhaftiert und erschossen, nicht einmal Gräber von ihnen blieben übrig. Die "Sechziger" hatten ein etwas milderes Schicksal, sie wurden schikaniert, gemobbt, verhaftet, für psychisch krank erklärt und eingesperrt, oft für viele Jahre.

Die Autoren wurden entweder gefügiger - es gab den Schriftstellerverband der UdSSR mit mehr als 1000 glücklichen Mitgliedern - oder sie hörten überhaupt auf zu schreiben. Manche erhängten sich in der Toilette wie Hryhir Tjutjunnyk (im Abschiedsbrief hieß es: "quält jemand anderen") oder starben im Lager für besonders gefährliche Wiederholungstäter wie einer meiner Lieblingsdichter Wassyl Stus. Das geschah 1985. Stus war eines der letzten Opfer des untergehenden Regimes. Und im selben Jahr, wenig davon wissend, gründeten drei junge Dichter, Juri Andruchowytsch, Wiktor Neborak und Oleksandr Irwanez, die possenhafte literarische Gruppe Bu-Ba-Bu. Somit hatte die neue Epoche begonnen.

"2013 sah ich ihn wieder. Auf dem Majdan. Um drei Uhr in der Nacht."

1992 erschien der erste Roman des Dichters Andruchowytsch unter dem Titel "Rekreaciï", Ferien also, Urlaub. "Karpatenkarneval" heißt der Roman nun in der deutschen Übersetzung von Sabine Stöhr. Drei Dichter kommen darin ins mysteriöse Tschortopil irgendwo in den Karpaten, um ein Fest "des auferstehendes Geistes" mitzufeiern, "den Sieg über den TOD", wie es der Programmleiter laut verkündete. In Wirklichkeit saufen alle drei die ganze Nacht durch. Im Laufe dieser langen grotesken Nacht erlebt jeder etwas Besonders. Es gibt einen gelbäugigen Teufel im Roman, einen schicken Chrysler Imperial, eine barmherzige Hure, einen Betrug, eine dunkle Vergangenheit. "Fledermäuse in den Glockentürmen, Kerzen auf dem Friedhof, Folterkammern in den Kellern, Brunnen, angefüllt mit Knochen." Im Keller einer Schule in Iwano-Frankiwsk wurden gleich nach der Unabhängigkeit tatsächlich menschliche Knochen ausgegraben, das waren Opfer von NKWD-Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Vielleicht symbolisiert das beinah abenteuerlich dargestellte Fest im Roman die Auferstehung der Ukraine (so wird zumindest oft von den Kritikern vermutet), vielleicht aber gar nichts. Als zweifellos auferstanden im "Karpatenkarneval" gilt die in der Sowjetzeit missbrauchte ukrainische literarische Sprache. Jetzt klang sie frisch, modern und provokativ, voll mit raffiniertem gesunden Zynismus und frei von leblosem Pathos und Doppelmoral.

Zum ersten Mal sah ich Juri Andruchowytsch nicht auf der Bühne, sondern in seiner Wohnung, als ich seine Tochter besuchte. Er trug eine kurze Hose und hörte eine Oper aus dem Rekorder, er sang mit, scherzte, ein Guru, ein Patriarch, wie er sich auch selbst nannte. Wie die anderen hörte ich ihm mit achtungsvoller Scheu zu. Seine Texte, mutig leicht, beißend ironisch, drehten meine Wahrnehmung von Literatur komplett um. Ich genoss jedes Wort und schämte mich zugleich, als hätte ich etwas Unanständiges gelesen. Ich lernte Lieblingszitate auswendig und verwendete sie als Schutz gegen Kitsch und Pathos, oder als Trost in der Verbitterung. "Wie immer werden die Gottlosen gewinnen", so Andruchowytsch im "Karpatenkarneval", "denn für den Ukrainer ist die Zahl der Tücher in der Kirche wichtiger als die Bergpredigt."

Und 2013 sah ich ihn wieder. Auf dem Majdan. Um drei Uhr in der Nacht. Andruchowytsch stand mit seinem Kameraden irgendwo in der Mitte, zitterte wegen der Kälte, es war Dezember, Mütze tief bis über die Augen gezogen, und hielt Wache, während die Polizei den verbarrikadierten Platz von allen Seiten stürmte. Es war eine furchtbare Nacht und das Ende jeglichen Karnevals. Aus Wien beobachtete ich die polizeiliche Willkür im Livestream (Majdan war wohl eine solche Revolution, die man live verfolgen konnte). Ein Journalist erkannte den Schriftsteller, ging zu ihm und befragte ihn. Juri Andruchowytsch antwortete, man solle sofort herkommen, jetzt, sonst haben wir das Land morgen nicht mehr. Und sein Kamerad, ein bekannter Kritiker und Essayist, fügte noch ein Zitat von Albert Camus hinzu, das ungefähr so lautete: Es sei nicht möglich die Pest zu besiegen, aber das Leben habe ohne Kampf keinen Sinn.

Juri Andruchovytsch: Karpatenkarneval. Roman. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 171 Seiten, 16 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

In jenem Augenblick verstand ich, was ich beim Erstlesen des Romans von Andruchowytsch übersehen hatte. Seine Vorahnung einer unvermeidlichen Katastrophe, die zwischen den Zeilen durchschimmerte und aus der alkoholisierten Tollkühnheit der Protagonisten heraustönte, all diese ukrainischen Traumata und Phobien, wieder deportiert zu werden, flüchten zu müssen, Knochen im Schulkeller auszugraben. "Denn sie haben Kiew und Lemberg eingenommen und sogar Saporishja, und alles in nur zwei oder drei Stunden, jemand hat das sehr gut vorbereitet, jemandem wird dafür der Goldene Stern verliehen, und wir können nichts tun, Marta, meine Kleine, ich kann nur die für dich bestimmte Kugel durch mich hindurchgehen lassen." Unbewusste körperliche Angst vor einer erneuten russischen Okkupation, so bildhaft 1992 in den letzten Seiten des "Karpatenkarnevals" dargestellt, wurde seit 2014 zu einer drohenden Realität.

Für mich ist das Buch eigentlich kein Buch mehr, sondern eine Epoche. Und so sollte es vielleicht gelesen werden. Wie eine vergnügliche Pause zwischen den finsteren Vorkommnissen. Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus. Ein Gedicht, ein Witz, ein Glas. Wie lachen, obwohl die Nacht hinter jedem Einzelnen tief und schwarz steht.

Tanja Maljartschuk lebt in Wien und wurde 2018 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Roman "Blauwal der Erinnerung" bei Kiepenheuer & Witsch.

© SZ vom 16.03.2019

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