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Postkoloniale Literatur:In ihren eigenen Worten

Tanya Tagaq

Vor ihrem literarischen Debüt war sie vor allem als Sängerin bekannt, die in ihren Songs mit einem Inuit-Kehlkopfgesang arbeitete: die kanadische Autorin Tanya Tagaq.

(Foto: Dave Brosha)

Traumtagebücher aus der Zeit vor der Kolonialisierung: In ihrem Debütroman "Eisfuchs" erzählt die kanadische Autorin Tanya Tagaq von der Welt der Inuit, ohne sie westlichen Literaturtraditionen unterzuordnen.

Von Lea Schneider

In "Eisfuchs", dem Debütroman der kanadischen Autorin Tanya Tagaq, kommen unter anderem vor: Oralsex mit einem Fuchs, Gedichte auf Inuinnaqtun (einer der indigenen Sprachen Nordkanadas), Polarlichter, die in den Körper eindringen und ein junges Mädchen schwängern. Auf knapp 200 Seiten mischt das Buch die Genres, sprachlichen Register und Stilformen mit einer programmatischen Unvorhersehbarkeit, die den Kunstmann Verlag, wo das Buch in deutscher Übersetzung erschienen ist, aus guten Gründen davon abgehalten haben dürfte, die Bezeichnung "Roman" aufs Cover zu setzen.

Tatsächlich gilt Tagaqs Werk in der englischsprachigen Welt als Paradebeispiel eines genreverweigernden Genres, das Daniel Heath Justice, Professor für Indigene Studien an der University of British Columbia, als "wonderwork" bezeichnet. Dahinter steckt der Gedanke, dass im heute geläufigen literarischen Gattungsbegriff des Romans zahlreiche Konzepte der westlichen Moderne impliziert sind - etwa die Vorstellung einer linear ablaufenden Zeit oder eines von der Gemeinschaft klar abzugrenzenden Individuums - die mit indigenen Literaturtraditionen und Wissenssystemen unvereinbar sind.

"Wonderworks" sprengen diese Gattungsbegriffe, indem sie, wie Tagaqs Buch, ein lineares Fortschreiten der Erzählung oder psychologische Erklärungen für die Handlungen ihrer Figuren an vielen Stellen verweigern und stattdessen hin und her springen: Zwischen autofiktionalen Sequenzen, Gedichten, Traumtagebüchern, romanartigen Erzählsträngen und der Verschriftlichung oral tradierter Mythen wie der Qaujimajatuqangit, traditioneller Inuit-Erzählungen zur Wissensweitergabe.

Bis in die Achtzigerjahre trennte Kanada indigene Kinder von ihren Eltern

Vor ihrem literarischen Debüt ist Tanya Tagaq als Folkmusikerin einer Form des Inuit-Kehlkopfgesangs bekannt geworden. 2004 kollaborierte sie mit der isländischen Sängerin Björk für deren Album "Medúlla", seitdem sind fünf zum Teil mehrfach ausgezeichnete Solo-Alben erschienen. Eines der durchgängigen Themen in diesen Songs ist der Animismus, also die Vorstellung, dass alle Bestandteile der Natur ebenso beseelt sind wie der Mensch; ein anderes die kaum erträgliche strukturelle und direkte Gewalt, denen die Inuit wie andere kolonialisierte Nationen bis heute ausgesetzt sind.

Im Residential-School-System, das in Kanada bis in die 1980er Jahre Bestand hatte, wurden die Kinder indigener Gruppen gewaltsam von ihren Eltern getrennt und in Internaten untergebracht, in denen ihre Sprachen und religiösen Praktiken verboten waren. Viele Schüler starben aufgrund mangelnder Hygiene an Krankheiten oder Mangelernährung, ebenso viele wurden sexuell missbraucht. Das intergenerationelle Trauma dieses kulturellen Genozids besingt Tagaq in ihren extrem körperlichen Performances ebenso wie die Zerstörung der Lebensgrundlagen einer nomadischen Kultur durch die Klimakatastrophe und ihre Folgen: Drogenabhängigkeit, Depression, Armut, eine bedrückend hohe Vergewaltigungsrate unter indigenen Frauen.

All diese Themen beschreibt auch die namenlose Erzählerin, deren Erwachsenwerden in "Eisfuchs" geschildert wird. Die stumpfe Gewalt des kolonialen Systems tritt dabei in ein bemerkenswertes Spannungsverhältnis mit den persönlichen Gewaltfantasien der Erzählerin, die zugleich Ausdruck von Lebenslust und Emanzipation, in jedem Fall aber sehr lustvoll zu sein scheinen: "Er ist klein. Er ist ein Opfer. Ich finde ihn zum Kotzen", heißt es da etwa über einen Lehrer, der die Residential School in seiner Kindheit überlebt hat, oder: "Hätte ich je Gelegenheit, einen Feind zu foltern, dann würde ich ihn in der Mückensaison nackt in die Tundra schicken, die Hände auf dem Rücken gefesselt." Durchs ganze Buch zieht sich so eine erstaunliche Ausdifferenzierung verschiedener Qualitäten von Gewalt, und damit auch die Postulierung einer unmittelbaren Nachbarschaft von Gewalt und Gnade, Schönheit und Tod.

Die Zeilenumbrüche aus dem Englischen wirken im Deutschen artifiziell

Mindestens ebenso ungewohnt und blickerweiternd ist die drastische und zugleich ekstatische Körperlichkeit, die in "Eisfuchs" beschrieben wird, etwa, wenn die Erzählerin sich jeden Tag einen Molch unter die Zunge legt, der dort einschläft; wenn sie sich daran hindern muss, das Fuchssperma zu schlucken, weil es so gut schmeckt, oder von den Polarlichtern penetriert wird: "Ich werde aufgeschlitzt bis zum Bauch, meine Leber leuchtet, die Blase wird freigelegt. Eine unvorstellbare Säule grünen Lichts bohrt sich in meine Vagina und meinen Anus zugleich. Meine Klitoris explodiert."

Schade, dass die körperliche Unmittelbarkeit von Tagaqs Sprache es nur sehr ungleichmäßig ins Deutsche geschafft hat. So wechseln sich in Anke Caroline Burgers Übersetzung Kapitel, in denen sie ganz deutlich zu spüren ist, mit Textstellen ab, denen eine merkwürdig altmodische Betulichkeit anhaftet. Formulierungen wie "steige hektisch in die Hosen", "sie packt mich am Schlafittchen" oder "ein Schwips wäre das Risiko wert" wollen weder zur Teenagersprache der Erzählerin noch zum Überzeitlichen der Inuit-Mythen passen.

Besonders irritierend ist das in den Gedichten, bei denen die Übersetzerin sich offenbar an die Zeilenumbrüche des Englischen gehalten hat, die im Deutschen artifiziell wirken, während von Rhythmus, Direktheit und Klanglichkeit des Originals wenig zu spüren ist. So ist "Eisfuchs" auch auf Deutsch eine im besten Sinne verunsichernde, perspektiverweiternde Lektüre; von der poetischen Sprache, die viele englischsprachige Kritiken Tanya Tagaq bescheinigen, bekommt man hingegen leider nur einen schwachen Eindruck.

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Kunstmann, München 2020. 195 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 07.05.2020

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