Porträt Früchte der Ruhelosigkeit

Der iranische Theatermacher Amir Reza Koohestani inszeniert in Darmstadt gerade seine erste Oper - ausgerechnet Richard Wagners "Tannhäuser". Bei ihm sind alle Pilger Moslems.

Von Egbert Tholl

Als Amir Reza Koohestani vor eineinhalb Jahren vom Staatstheater Darmstadt gefragt wurde, ob er dort Richard Wagners "Tannhäuser" inszenieren wolle, war seine erste Antwort: Was ist das? Seine zweite war: Gebt mir eine Woche Zeit. In dieser Woche las er das Libretto, schaute sich eine "sehr klassische" Produktion der Oper auf YouTube an - sie stammte aus dem Jahr 1978, seinem Geburtsjahr - und sagte zu. Am 22. April ist nun die Premiere seiner ersten Operninszenierung.

In seinem Stück "Hearing" diskutiert er das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

2002 holte Matthias Lilienthal Koohestani und dessen Produktion "Dance on Glasses" zum Festival "Theater der Welt" nach Bonn. Spätestens seitdem gilt Koohestani zusammen mit seiner in Teheran beheimateten Mehr Theatre Group als der heißeste Theaterexport aus dem Iran. Vor allem die Festivals gierten nach Koohestanis nur vordergründig entspannten, in Wahrheit aber hoch konzentrierten Arbeiten, in denen er die persische Tradition des Geschichtenerzählens mit Kritik an der Gesellschaft vor allem seines Heimatlandes verknüpft. In "Dance on Glasses" saß sich ein Paar an einem langen Tisch gegenüber, konnte nicht zueinander finden; einen Tanz gab es auch, tatsächlich auf Gläsern, einen Tanz des Lebens, zerstört von leeren Ritualen, oktroyiert durch Religion und gesellschaftliches Reglement. In "Hearing", einer etwa zwei Jahre alten Arbeit, die gerade wieder tourt - und diese Woche an den Münchner Kammerspielen zu sehen ist -, stellt er eine Anhörung auf die Bühne: Ein Mann wurde in einem Studentinnenwohnheim gesehen. Ein Skandal in einem religiös geprägten Land - für Koohestani Anlass, Überwachung und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu diskutieren. An den Münchner Kammerspielen arbeitete er auch mit Schauspielern aus dem Ensemble zusammen und brachte mit ihnen vor einem halben Jahr Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" auf die Bühne.

Egal, was er macht: Koohestani braucht in jeder Arbeit einen Aspekt, der ihn persönlich berührt. Beim "Tannhäuser" war er erst einmal irritiert. Was solle das denn im Jahr 2017 heißen, man gehe, wie die Pilger in Wagners Oper, nach Rom um Vergebung der Sünden zu erlangen? "Das glaubt nicht einmal der Papst." Er dachte über weitere strenggläubige Minderheiten nach, aber auch fanatische Vegetarier ergaben keinen Sinn für ihn.

Der Venusberg ist bei ihm der goldene Käfig des Konsums - und das gelobte Land aller Flüchtlinge

Schließlich entdeckte Koohestani, dass alle Protagonisten Wagners immer einen Teil von diesem selbst in sich trügen. Das Unbehauste, Getriebene fand er in Wagners Leben und in Tannhäusers Figur. Dann wusste er etwas mit dem Stück anzufangen. Tatsächlich entschieden sie sich in Darmstadt für die im Pariser Exil entstandene Fassung; ja, Koohestani ist auch zum Experten der unterschiedlichen Versionen des Werks geworden. Aber egal welche Fassung, entscheidend ist: Tannhäuser lebt in zwei verschiedenen Welten und kann in keiner glücklich werden. "Das ist wie bei mir", sagt Koohestani. Er meint damit nicht die Absenz von Glück, er meint das Ruhelose. "Ich habe einen Job in Europa, ich kann machen, was ich will. Und doch zähle ich die Tage bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich wieder zurück kann in den Iran." Dort werde er dann nach ein paar Wochen unruhig und warte gespannt auf den Beginn der nächsten Produktion im Westen: "Das hört nie auf, ich bin verflucht!" Da möchte man ihm als nächstes Opernprojekt Wagners "Fliegenden Holländer" empfehlen. Er hält das für eine sehr gute Idee.

Auf der rechten Seite seines "Tannhäuser"-Regiebuchs, das er von hinten nach vorne liest, befinden sich Bühnenbild- und Kostümskizzen. Die linke Seite ist unterteilt in drei Spalten: Rechts steht der Text auf Farsi ("damit ich ihn verstehe"), in der Mitte auf Englisch ("damit die Sänger mich verstehen"), links auf Deutsch ("damit ich die Sänger verstehe").

In Teheran entwickelte sich nach dem Ende des Krieges mit dem Irak eine blühende Theaterszene, allen Zwängen zum Trotz. "Ich weiß, es klingt seltsam, aber in gewisser Weise ist Teheran ein Paradies für Theater. Es ist für die Leute selbstverständlich geworden." Wohl auch, weil es dort kein Nachtleben gibt. Man geht ins Theater, um sich zu treffen. In der ersten Hälfte des Jahres 2016 wurden in Teheran 320 verschiedene Theaterproduktionen gezeigt, in kleinsten und auch großen Häusern. Der Boom geht weiter, Investoren hätten entdeckt, dass man mit Theater Geld verdienen könne, erzählt Koohestani. Erst in ein paar Jahren werde der Bedarf an Spielstätten gedeckt sein. Oper gab es bislang nur zwei Mal.

Schließlich fällt in Koohestanis unablässigem Redefluss der Satz, auf den man während des Gesprächs in der Kantine des Darmstädter Staatstheaters schon gelauert hat: "In meinem ,Tannhäuser' werden alle Christen Moslems sein. Natürlich singen sie alle Halleluja. Und wahrscheinlich werden mich alle Wagnerianer hassen." Die Pilger und die Ritter sind also Moslems, man trägt Hijab, Kopftuch. Seine Kostümbildnerin habe entdeckt, dass die Kleidung im 13. Jahrhundert, ungefähr zu der Zeit, in der der "Sängerkrieg auf der Wartburg" spielt, in gewisser Hinsicht der Kleidung in arabischen Ländern ähnele. Koohestanis Augen leuchten: "Was die Männer heute in arabischen Ländern tragen, trugen die Frauen im 13. Jahrhundert."

Schon zweimal wurde Koohestani gefragt, ob er eine Oper inszenieren wolle, beim dritten Mal sagte er zu. Bis dahin hatte er "weniger als fünf" Opernaufführungen live gesehen. "Ich hasste es." Vielleicht sah er bislang die falschen Inszenierungen, denn er wunderte sich darüber, dass vor allem in den USA die Stücke so gemacht werden, wie sie geschrieben sind. Also: historisch. Während er lernte, dass der europäische Weg der Operninszenierung - damit meint er das Regietheater - für manche den Ruin der Oper bedeute, befand er, dass nur dieser "Ruin" nicht langweilig sei.

Und so ist bei ihm der Venusberg der goldene Käfig des Konsums, auch das "gelobte Land" aller Flüchtlinge. Seine Moslem-Pilger würden keine Bomben werfen, sie wollten nach Europa, das normale Leben sei die Vergebung, die sie ersehnen. Für Koohestani ist das die erste Stufe, sein Leben zu ruinieren. Denn im realen Leben wundert er sich über die Pilgerfahrt ins vermeintliche Glück. Natürlich weiß er, wie privilegiert er als Künstler ist, aber dennoch: "Warum bleiben Flüchtlinge unter sich? Warum beschweren sie sich andauernd, selbst die erfolgreichen? Warum vergessen sie ihre Heimat?" Sie seien nirgendwo glücklich, es sei wie in einer Dreiecksbeziehung. Oder eben: Wie bei Tannhäuser, der zwischen zwei Frauen, Venus und Elisabeth, stehe. Und alles vermassele.

Auf der ersten Probe sagte Koohestani zu den Sängern, er habe drei schlechte Nachrichten: Er könne kein Deutsch, es sei seine erste Oper und sie sollten bitte keine Antworten auf komplizierte Fragen erwarten. Was er vergessen hat: Er kann auch keine Noten lesen. Aber er hat einen erstaunlichen Instinkt. Wenn er die Chöre im "Tannhäuser" hört, wandelt sich die Sprache für ihn in Klang. In einen Klang, den er versteht. Amir Reza Koohestani sagt, letztlich inszeniere er diese Oper für sich. Als ein Bild für seine eigene Reise, die nie zu Ende geht, hin und her zwischen den Welten.