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Porträt:Eintauchen in die Transzendenz

Akram Khan befeuert den fernöstlichen Tanz. Beim Festival Movimentos in Wolfsburg zeigt der britische Choreograf sein neues Stück.

Von Dorion Weickmann

Fein haben die Eltern sich das ausgedacht: Die Kinder machen einen Eins-a-Schulabschluss in London, studieren - und schon ist vergessen, dass die Familie aus Bangladesh stammt. Die Tochter paukt, wie ihr geheißen. Der Sohn rebelliert. Akram Khan will tanzen lernen. Sein Tutor heißt Michael Jackson, das Lehrmaterial sind Videoclips. Der Knabe nervt die Eltern so lange, bis sie ihn in einem Kathak-Studio anmelden, wo er den indischen Traditionstanz bimst. Stampfende Füße, Arme, die sich girlandenartig durch die Luft winden und ein stolz erhobener Kopf. Akram ist endlich in seinem Element.

Probe, Garderobe, Vorstellung - bis heute kann sich der 42-Jährige keine schönere Routine vorstellen. Obwohl die Stressoren gleich mehrfach zuschlagen: Khan ist Tänzer mit eigener Kompanie, auf Jahre hinaus ausgebuchter Choreograf und Frontmann der britischen Tanzszene. Entsprechend handygehetzt erscheint er zum Gespräch und kippt den Cappuccino so schnell hinunter, dass man um seine Speiseröhre fürchtet. Bevor dieses Turbotempo eine Notbremsung erzwingt, will Khan sich demnächst als Tänzer von der Bühne zurückziehen. Schon plagen ihn diverse Zipperlein: "Mal kneift das Knie, dann die Schulter oder der Knöchel."

Wer ihn je tanzen sah, kann sich eine Khan-Kreation ohne Khan kaum vorstellen. Mit animalischer Angriffslust und ebenso anmutiger Eleganz gesegnet, ist der Mann eine Sensation. In dieser Woche gastiert er bei Movimentos, der womöglich letzten Ausgabe der von VW gesponsorten Festwochen in Wolfsburg. Deren Kreativdirektorin Maria Schneider verabschiedet sich, nicht ohne dem Festival mit Khans jüngster, im Januar uraufgeführter Produktion "Until the Lions" ein finales Glanzlicht zu bescheren.

Movimentos - Until the Lions

Eine Baumscheibe als Spielfläche: In seiner neuen Produktion "Until the Lions" tanzt Akram Khan (r.) mit Christine Joy Ritter (l.) und Ching-Ying Chien.

(Foto: Jean-Louis Fernandez)

Ein Mann, zwei Frauen, eine Baumscheibe als Spielfläche, auf der sich ein Drama entfaltet, das die ringsum postierten Musiker vorwärts peitschen. Der Krieger Bhishma entführt und verführt die Prinzessin Amba und verstößt damit gegen den Zölibat. Pflicht oder Neigung, Prinzip oder Gefühl? Bhishma entscheidet, er verlässt das Mädchen. Die entehrte Amba schwört Rache und wird als Furie wieder geboren, die den Missetäter stellt und tötet.

Akram Khan gibt Bhishma, Ching-Ying Chien die unschuldige Prinzessin Amba, Christine Joy Ritter ihre martialische Reinkarnation. Alle drei agieren so flamboyant, dass das Kammerspiel zum Welttheater wird. Welttheater, und zwar gigantisch dimensioniert, war auch die Inszenierung, mit der Khans kometenhafte Laufbahn begann. 1985 ging er mit Peter Brooksʼ legendärem Mammutprojekt "Mahabharata" auf Tournee. Ein Team von Ersatzmüttern wirbelte um den Zwölfjährigen herum: Die Frauen des Brook-Ensembles, die er als starke Persönlichkeiten, grandiose Aktricen, wunderbare Beschützerinnen in Erinnerung hat. Mit "Until the Lions" setzt er ihnen ein Denkmal. Denn die Stückidee hat Khan, wie einst Meisterregisseur Brook, dem "Mahabharata" entnommen. Das indische Epos wurde von der Schriftstellerin Karthika Naïr neu gefasst und mit dem Titel "Until the Lions" versehen - Anspielung auf ein afrikanisches Sprichwort, demzufolge die Jäger nur so lange verherrlicht werden, bis die Löwen die Geschichte der Beute erzählen.

Jäger oder Löwe, Herrscher oder Beherrschter? Für Khan sind Zugehörigkeiten unwichtig. Zu oft hat er auf dem internationalen Markt die Erfahrung gemacht, dass man ihn in eine Stilschublade stecken oder in die Ethno-Ecke schieben wollte: "Ich bin im Kathak ausgebildet, habe zeitgenössischen Tanz studiert und arbeite inzwischen mit Ballett-Tänzern. Eine solche Karriere ist nur in England möglich." Was hat ihm den Weg vom Einwandererkind zum Starkünstler geebnet? "Dass dieses Land wirklich multikulturell ist und jenseits aller Klassenproblematik die Überzeugung vertritt, dass jeder eine Chance verdient."

Khan hat seine Chance gekriegt, und er hat sie genutzt. Einmal mit dem zeitgenössischen Tanz in Berührung gekommen - "Pina Bausch und Lloyd Newson waren meine Initialzündung" -, ackerte er sich binnen fünfzehn Jahren zu einem seiner weltweit profiliertesten Vertreter empor. Eine Melange aus fernöstlicher Formstrenge und den Energie-Protuberanzen westlicher Experimentalkunst kennzeichnet seine Werke seit "Kaash" (2002), mit dem sein Ensemble debütierte. Dabei ist der Choreograf stets auch als Brückenbauer zwischen Kontinenten, Genres, Kunstdisziplinen unterwegs. Er arbeitet mit Turner-Preisträgern wie Anish Kapoor und Antony Gormley, mit der Jahrhundertballerina Sylvie Guillem, der Schauspielerin Juliette Binoche, dem Flamenco-Guru Israel Galván, dem Komponisten Steve Reich - also ausnahmslos mit absoluten Könnern: "Es geht um Exzellenz, um die vollkommene Beherrschung der Mittel, egal was du tust. Kreative Freiheit beginnt da, wo du dein Fundament in- und auswendig kennst."

Akram Khan wurde 1974 in London geboren, seine Eltern sind aus Bangladesh. Als Choreograf mit eigener Kompanie ist er der Star der britischen Tanzszene.

(Foto: Laurent Ziegler)

Sein eigenes Fundament bleibt der Tanz fernöstlicher Provenienz. Weil er eine Dimension besitzt, die den westlichen Spielarten abgeht: "Hier murkelt jeder im Studio erst mal vor sich hin. Wenn wir in Indien tanzen, verneigen wir uns vor dem Raum, den Anwesenden, tauchen ein in die Transzendenz." Dass der Okzident Körper und Körperlichkeit vorzugsweise unter wissenschaftlichen Kriterien betrachtet, empfindet er als Profanierung, die der Kunst die Seele austreibt und nichts als platte Bewegungsfloskeln gebiert.

Der Mann mit den indischen Wurzeln schafft Bilder von berückender Sinnlichkeit

Unlängst hat Akram Khan ein paar Sätze geäußert, die ihm gehörig Ärger eintrugen. Er legte sich mit Kollegen an, die für die spezielle Förderung weiblicher Choreografen eintreten. Niemand, verkündete er, dürfe aufgrund von Geschlecht, Glauben, Ethnie diskriminiert werden - und keiner aus den nämlichen Gründen gepusht. Früh habe ihm seine Mutter eingetrichtert: "Nur was du selbst fertig bringst, zählt." Daran glaubt er felsenfest.

Die Eltern haben ein kleines Restaurant im Stadtteil Wimbledon betrieben. Khan ist nie von dort weggezogen, wohnt in dem Viertel, das er von klein auf kennt, mit Frau, Sohn und Tochter. Das Mädchen sei ein Wildfang und lehre ihn, die Welt mit fremden Augen anzuschauen: "Frauen haben wohl schlechtere Ausgangsbedingungen. Aber am Ende teilen wir die gleichen Träume, den gleichen Himmel der Fantasie." Und diesen Himmel soll seine Tochter genauso stürmen können, wie es ihm selbst mit seinen Choreografien gelingt.

Akram Khan rückt den Körper aus der Horizontalen in die Vertikale und erzeugt dabei Bilder von berückender Sinnlichkeit. Sein Paradies ist kein ätherisches Nirwana, sondern ein sehr menschlicher Garten der Lüste - einer der schönsten, die in den internationalen Tanzgefilden derzeit zu besichtigen sind.

© SZ vom 20.04.2016
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