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Porträt:Der Gergiev von China

Noblesse braucht Zeit. Doch immerhin gilt Long Yu als ein tüchtiger und leidenschaftlicher Dirigent, der ein Orchester fordern kann.

(Foto: PAD-Studios)

Unaufhaltsam ist der Dirigent und Musikmanager Long Yu zum wichtigsten Mann für den klassischen Musikbetrieb in China aufgestiegen.

Seine Anzüge sind nicht von schlechten Schneidern, das schwarze Haar glänzt von Gel wie bei den geschmeidigen eiskalten Stars des Hongkong-Kinos. Long Yu ist der mächtigste Mann der klassischen Musik in China mit besten Kontakten zu Politik und Hochfinanz. Wenn er Interviews gibt, wartet meist schon das nächste Flugzeug, um den ruhelosen Dirigenten zu einem seiner Arbeitsplätze in Shanghai, Guangzhou oder Peking zu jetten. Im Gespräch aber ist er zugewandt und konzentriert, manchmal überrascht er mit eigenen Fragen: "Mal ehrlich, was denkt ihr in Deutschland über China?"

Die List hinter der Frage ist einfacher zu durchschauen als zu parieren. Natürlich weiß er, der von 1988 bis 1992 an der Berliner Hochschule der Künste studierte, dass man hierzulande noch mit einem gewissen kolonialen Mitleidsbonus auf das klassische Musikleben schaut, das sich China als Verzierung zur hysterisch wachsenden Wirtschaft leiste - meist mit Importen aus Europa oder den USA. Long Yu selbst muss zugeben, dass es unter den geschätzten 30 Millionen chinesischen Klavierschülern einige gibt, die von ihren "Tigermüttern" nach dem Leistungsprinzip angespornt und mit dem weltweiten Erfolg des Klaviergotts Lang Lang getriezt werden. "Das ist der falsche Weg", philosophiert Yu. "Wir müssen lernen, dass Musik und Kunst Wege sind, die Welt anders zu verstehen als unter materiellen Aspekten."

In China wird Long Yu "der Deutsche" genannt, weil er auf Disziplin im Orchester achtet

In der Tiefe seines Herzens glaubt er wohl wirklich daran, dass die Menschen in China klassische Musik als Gegengewicht zum seltsamen Gemisch aus staatlicher Überwachung und entfesselter Wirtschaft brauchen. Nicht nur seine Erfahrungen in Berlin ("Kulturell habe ich zur Hälfte deutsches Blut in mir") spielen dabei eine Rolle. 1964 wurde Yu in Shanghai geboren - damals die europäischste, aber auch ideologisch radikalste Stadt Chinas, von der zwei Jahre später die verheerende "Kulturrevolution" ausging. Yu erlebte, wie die fanatisierten Roten Garden Noten verbrannten und Instrumente zerstörten. Die Werke seines Großvaters Ding Shande, der den Kommunismus in einer viel gespielten Symphonie über den "Langen Marsch" gefeiert hatte, wurden genauso verboten wie Bach und Beethoven. Neben den humanen und materiellen Verlusten dieser zehn schlimmsten Jahre unter Mao Zedongs Herrschaft wurden viele kulturelle Wurzeln und Werte zerstört. China, das sich immer als Kulturnation definierte, erlitt sein Identitätstrauma, an dessen offizieller Aufarbeitung die regierenden Kommunisten begreiflicherweise kein Interesse haben.

In dieser Situation war der Aufbau eines professionellen Musiklebens, wie ihn Long Yu mit seiner Rückkehr nach China in Angriff nahm, auch ein Angebot an die Landsleute, sich über die westliche Musik eines Mozart, Tschaikowsky oder Wagner zeitloser kultureller und humaner Werte zu versichern. Einerseits. Andrerseits entdeckte Yu, der als Dirigent in Europa nicht so recht reüssierte, in der Heimat einen wachsender Hunger nach klassischer Musik, der durch die bürokratische und dilettantische Organisation vor Ort nicht befriedigt werden konnte. So gründete er mit einigen Mitstreitern 1998 das "Beijing Music Festival", das seither zum wichtigsten Schaufenster des Konzertlebens wurde. Zwei Jahre später organisierte er in Peking aus Resten des alten Rundfunkorchesters durch rigorose Auswahl bei Probespielen und großzügige Gehaltsangebote das China Philharmonic Orchestra.

So begann der unaufhaltsame Aufstieg des Long Yu. 2003 wurde ihm das Symphonieorchester in der Millionenstadt Guangzhou (Kanton) anvertraut, seit 2009 ist er Musikdirektor des ältesten asiatischen Symphonieorchesters in Shanghai, vom kommenden Herbst an erster Gastdirigent der Philharmoniker in Hongkong. Ein musikalisches Repertoire wurde aufgebaut, Konzertreihen konzipiert, Abonnements und ein professionelles Management eingeführt - Dinge, die man in China bis dato nicht kannte. "Hier nennen sie mich den ,Deutschen'", sagt Long Yu in einer Mischung aus Ironie und Stolz, "weil ich auf Disziplin und Systematik bestehe. Aber das ist mein Erfolgsgeheimnis, denn ohne ein System kann hier im nächsten Moment alles zusammenbrechen." Und weil zur Disziplin auch die westlichen Konzertrituale gehören, pocht Yu darauf, dass die Musiker ihre Kleidung in Ordnung halten und das Publikum während der Aufführung nicht telefoniert, speist oder schwatzt.

"Long Yu füllt bei uns eine große Marktlücke", zitierte die New York Times den (später wegen Korruption verurteilten) Tycoon und Kultursponsor Bonko Chan. "Er kennt sich aus mit Musik, hat erstaunliche Management- und PR-Qualitäten - und er kennt die Leute in der Regierung. Ich wüsste niemanden sonst in China mit diesen Fähigkeiten." Damit aber ist Long Yu weniger der "Karajan von China", zu dem ihn das New Yorker Blatt krönte, als der "chinesische Gergiev", wie er in einigen Musikblogs im Internet genannt wird. Wie der russische Pultstar und Putin-Intimus Valery Gergiev weiß auch Yu, dass ein Überleben der klassischen Musik in posttotalitären Systemen nur durch gute Kontakte zur Macht möglich ist - zu Chinas "eiserner Lady" Wu Yi etwa oder zu Deng Rong, der kulturbegeisterten Tochter vom einstigen Parteiführer Deng Xiao-Ping, die im Vorstand des Pekinger Musikfestivals präsidiert.

Der Bau eines neuen Konzertsaals in Shanghai ist unter seiner Leitung vorangetrieben worden

Die Kehrseite des Vertrauens, das Long Yu an oberster Stelle in Staat und Wirtschaft genießt, ist der Mangel an Konkurrenz, wie er sich in der fast grotesken Ämterhäufung des Dirigenten niederschlägt (worin er dann doch dem Karajan der Fünfziger- und Sechzigerjahre ähnelt). Zwar erweist er sich in Konzerten und CD-Aufnahmen als tüchtiger, auch leidenschaftlicher Dirigent, der ein Orchester fordern und klanglich erziehen kann. Das Schaulaufen der großen Kollegen von Kent Nagano bis Paavo Järvi beim letzten "Beijing Music Festival" machte allerdings auch klar, dass Yu und seine Orchester noch dazulernen können: an Brillanz, Zusammenspiel, klanglicher Noblesse. "Das braucht Zeit", räumt er ein, nicht ohne eine Spitze gegen den Erzrivalen im Osten. "Schließlich sind auch die japanischen Orchester noch nicht auf westlichem Niveau, obwohl sie länger klassische Musik spielen."

Kritische Stimmen in den Orchestern von Shanghai und Hongkong sollen bei der Wahl eines neuen Chefs statt des omnipräsenten Yu einen Dirigenten mit internationalem Renommee gefordert haben. Erhört worden sind sie nicht. Wichtiger als ein Orchesterchef von überragender musikalischer Qualität ist den Kulturbehörden ein Mann wie Yu, der es fertigbringt, dass ein chinesisches Orchester erstmals in Rom vor dem Papst oder bei den Londoner "Proms" auftritt.

Oder einer, der wichtige Impulse für das Musikleben einer Stadt gibt. Der Bau eines neuen Konzertsaals in der 15-Millionen-Metropole Shanghai ist unter Yus Leitung vorangetrieben worden: Im letzten September wurde im ehemals französischen Stadtviertel die Shanghai Symphony Hall eröffnet - ein flacher, schreinartiger Bau vom japanischen Architekten Arata Isozaki mit einem reichen Innenleben aus Holz und Sichtbeton, einem Kammermusiksaal und einem Konzertsaal mit 1200 Plätzen. Als Haus der Musik soll der Bau auch tagsüber geöffnet sein; klassische Musik präsentiert sich hier volkstümlicher, weniger elitär. Und weil ihm an der kompetenten Ausbildung von Orchestermusikern gelegen ist, hat Yu gemeinsam mit seinem Orchester, dem Konservatorium von Shanghai und den New Yorker Philharmonikern die erste chinesische Orchester-Akademie für Nachwuchsmusiker angeregt, die im vergangenen Herbst ihre Arbeit aufnahm.

"Vor 1998, als wir das 'Beijing Music Festival' gegründet haben, waren klassische Konzerte in China eher lokale Ereignisse. Wir haben dem Musikleben eine professionelle Plattform gegeben, die man sich in ganz China zum Vorbild nimmt." Sagt Long Yu, der Gergiev von China, und strebt dem nächsten Flugzeug zu, das ihn nach Shanghai, Guangzhou oder auch Hongkong bringt. Gebraucht wird er überall.