Porträt Der Debütant

Tansel Akzeybek eröffnet in diesem Jahr die Festspiele. Der 36 Jahre alte Tenor ist der erste türkische Sänger in Bayreuth.

Von Christiane Lutz

Wenn sein großer Auftritt beginnt, wird Tansel Akzeybek nicht zu sehen sein. Aber zu hören. Von der linken, oberen Seitenbühne her wird er die Schultern in seinem Glücks-Shirt lockern, dem mit den aufgedruckten Mikrofonen, Luft holen und loslegen: "Westwärts schweift der Blick, ostwärts streicht das Schiff". Die Konsonanten wird er besonders hart anschlagen. Das hat er wochenlang geübt, sein Dirigent will es so. Tansel Akzeybek ist die Stimme, die die Bayreuther Festspiele 2015 eröffnet. Ohne Orchesterbegleitung, nach der neunminütigen Ouvertüre von "Tristan und Isolde" in der Neuinszenierung von Katharina Wagner. "Ich bin gar kein Wagner-Tenor", hatte Tansel Akzeybek beim Vorsingen im Februar 2014 zu Dirigent Christian Thielemann gesagt. "Das wissen wir doch noch nicht", sagte der. Akzeybek wurde für zwei Rollen besetzt. Den "jungen Seemann" und den "Hirten". Es ist das erste Mal, dass er in Bayreuth singt. Es ist das erste Mal, dass ein Türke in Bayreuth singt.

Er: "Ich bin kein Wagner-Tenor." Thielemann: "Das wissen wir doch noch gar nicht."

Der Tenor Tansel Akzeybek ist 36 Jahre alt, lebt mit seiner Frau, einer Pianistin, in Berlin und ist Ensemblemitglied an der Komischen Oper. Dort singt er den Tamino in der "Zauberflöte", den Tony in der "West Side Story". Gerade sang er bei der Uraufführung einer "Harry Potter"-Oper der Mozart-Akademie in Izmir die Titelrolle. Er beschreibt sich als "eher so den südländischen Typ". Im Belcanto, in den italienischen Opern, da fühlt er sich wohl. Ein untypisches Umfeld für Wagnersänger oder jene, die es werden wollen.

Was trägt ein Wagnersänger bei seinem ersten Auftritt in Bayreuth? Ein Mikrofon-Shirt natürlich. "Dann klinge ich noch besser", sagt Tansel Akzeybek.

(Foto: Johannes Schäfer)

Auf seiner Terrasse in Bayreuth serviert Tansel Akzeybek Tee und Kekse. Es ist Ende Juni, er hat den halben Tag frei, die erste Orchestersitzprobe am Vormittag lief gut. Während der Proben- und Festspielzeit lebt er in einer Gegend, in der die Straßen nach Wagnerhelden heißen: Tannhäuserstraße, Ortrudweg. Akzeybek wohnt in der Hundingstraße in einer altmodisch eingerichteten Wohnung. Ein Nachbar sägt, ein anderer mäht. "Die haben schon gefragt, ob ich Tickets für die Festspiele beschaffen kann", ruft Akzeybek.

Tansel Akzeybek ist sehr korrekt und ständig besorgt, etwas Falsches zu sagen, etwas, das nicht hügelkonform ist. Wie ein Schüler, der über einen guten, aber strengen Lehrer spricht, der hinter der Tür mithören könnte. Aber eigentlich ist er eher Lausbub denn Mythosstreichler. Dem Festspielgetue kann er nichts abgewinnen und turnt in Abwesenheit seiner Chefs recht ehrfurchtsbefreit im Bühnenbild herum. "Das hier ist natürlich wichtig. Aber es ist nicht der Höhepunkt meines Lebens. Wenn ich es nicht gut mache, ist das nicht das Ende meiner Karriere."

Bis er 17 Jahre alt war, wusste er nicht, was eine Oper ist. In der Türkei, wo er aufwuchs, gibt es keine große Wagnerverehrung. Die meisten Theater sind zu klein für riesige Produktionen wie den "Ring" oder eben "Tristan und Isolde". "Wagner ist in der Türkei etwas Unerreichbares", sagt Akzeybek und gießt Kräutertee aus einem silbrigen Kännchen. "Man hat die Technik nicht, die Regisseure nicht, Solisten aus dem Ausland kann sich keiner leisten."

In Berlin geboren, zog Akzeybek Mitte der Achtzigerjahre zurück nach Izmir, die Heimat seiner Eltern. Er spielte Fußball in der Jugendliga, doch bald war Schluss. Physisch zu schwach. Zu klein. "Also wollte ich Gitarre spielen lernen, um Mädchen am Strand zu beeindrucken", sagt er. Stattdessen kaufte ihm sein Vater ein langweiliges Keyboard. Mit 15 Jahren wurde er Hochzeitssänger. Tarkans Hit "Simarik" bietet er auch gern auf der Terrasse dar: "Seni gidi fındıkkıraaaaahan, Yılanı deliğinden çıkaraaaahan. . ."

Von den Geldscheinen, die ihm die Festgesellschaft reichlich zuwarf, kaufte er seinen Freunden neue Jeans. Die Erkenntnis: Mit Musik kann man Geld verdienen. Er ging zum Studium ans Konservatorium in Izmir, im Musikkorps der Armee trat er bei Staatsbesuchen auf. Akzeybek zog 2004 von Izmir nach Lübeck, auf Rat eines befreundeten Musikers. Der Anfang war schwer, Lübeck kalt. Ich konnte kein Wort Deutsch mehr." Er studierte noch drei Semester an der Musikhochschule, dann legte er los. Engagements in Dortmund, Bonn, Salzburg und schließlich Berlin. Nur Wagner, Wagner hat er nie gesungen.

Nun wird ausgerechnet er, der jüngste Sänger in Bayreuth, der Türke, diese sehr deutschen Festspiele eröffnen. Ist das nicht aufregend? Darüber dürfe er gar nicht nachdenken, sagt er, sonst vermassle er seinen Auftritt. Na ja, er hat es viel drastischer ausgedrückt, sich dann aber sofort korrigiert - noch immer sorgt er sich, dass ihn irgendwer rauswerfen könnte.

Akzeybek weiß, welchen Stellenwert Bayreuth in der Kulturwelt hat. Er erinnert sich genau, wie er den Zuschauerraum zum ersten Mal betrat: "Du siehst das Orchester nicht. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig." Im Jahr 2009 war das, da war er Stipendiat des Richard Wagner-Verbands in Bayreuth. Die Musik durchdrang ihn von überall her, als käme sie aus einer Surround-Anlage im Kino. Der Orchestergraben in Bayreuth ist in der Tat einzigartig, unsichtbar für die Zuschauer, von einer Kuppel abgeschirmt. Die schwitzenden Musiker tragen da unten Hawaiihemden und Flip-Flops, während sie fortissimo gegen die Architektur anspielen, damit überhaupt etwas oben ankommt von der Wagnermagie. Auch für die Künstler sind die Konditionen in Bayreuth nicht glamourös. Ein Sänger in Bayreuth verdient nicht überdurchschnittlich, viele müssen pendeln, weil sie an ihren eigentlichen Arbeitsstätten noch Vorstellungen zu spielen haben. So fährt auch Tansel Akzeybek alle paar Tage nach Berlin, singt die "West Side Story" und düst zurück in seine Oma-Wohnung. Er sieht das gelassen, "ich hab' eh Zeit ohne Ende und muss während der Proben ständig warten". Seine Rollen sind klein. Die Aufgabe des jungen Seemanns ist, die Oper zu eröffnen und Isolde vom Schiffsmast herab zu ärgern. Der Hirte im dritten Akt ist zuletzt Verkünder einer schlechten Nachricht: Ein zweites Schiff taucht auf, das nicht die von Tristan ersehnte Isolde, sondern den fiesen König Marke heranbringt.

Dieser Klang in Bayreuth - als käme die Musik von überall her

Für seine Eröffnungsarie haben Katharina Wagner und Christian Thielemann viel ausprobiert. Mal musste Akzeybek von der rechten Seitenbühne singen, mal von links, von hinten. Seine Stimme sollte fern klingen, schließlich singt da ein Seemann von einem Schiffsmast herunter. Doch das Mastgefühl wollte sich bei den Zuhörern lange nicht einstellen. Dann die Lösung: Seitenbühne, oben links, vom Publikum abgewendet. Akzeybek findet das nicht so gut. Ein Sänger möchte immer so präsent wie möglich sein. Aber was will er machen. Nächstes Jahr kommt er wieder nach Bayreuth, wird eine Rolle im laufenden Castorf-Ring übernehmen und in der Neuinszenierung des "Parsifal" den 1. Gralsritter singen. Seit zwei Jahren hat der Tenor die deutsche Staatsbürgerschaft. Aus pragmatischen Gründen, denn mit einem deutschen Pass komme er wesentlich schneller an ein Visum, als mit einem türkischen.

Es ist natürlich Unsinn anzunehmen, ein kleiner, lustiger Mann könne nicht groß singen. Dennoch überrascht Tansel Akzeybek, als er am Abend auf der schwarzen Probebühne umhergeht, sich zu Klavierklängen aufwärmt, die aus einem törtchenförmigen Lautsprecher scheppern und plötzlich sein "Westwärts" aus seinem Körper herausbricht, bis die Ader an seiner Schläfe hervortritt. Die Konsonanten knallen. Bei der Premiere wird sein Seemann nach 20 Minuten abgespielt sein. Dann geht Tansel Akzeybek nach Hause, macht ein Nickerchen, kocht sich etwas und nimmt den Bus um 19.34 Uhr zurück zum Festspielhaus, wo er sich für den Hirten einkleiden lässt. Um 20.40 Uhr beginnt der dritte Akt.