Popmusik-Biografie:Splitter eines Genies

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"Love and Mercy" von Bill Pohlad ist eine kluge Annäherung an die Poplegende Brian Wilson. In den Sixties bastelt er am Meisterwerk "Pet Sounds", in den Achtzigern ist er verloren.

Von Annett Scheffel

"Sogar die fröhlichen Songs sind traurig", beschwert sich Brian Wilsons Cousin Mike Love. Ratlos beugt sich der Bandkollege von den Beach Boys über einen Stapel Notenblätter. Es sind jene rauschhaften, bis in letzte Details ausgetüftelten Kompositionen, die später als "Pet Sounds" legendär werden sollen - schwelgerische, kühne Musik voll neuer Ideen. Brian Wilson erklärt ihm ganz offen, was das werden soll - "das beste Pop-Album, das je gemacht wurde". Mike Love aber wäre der einfache Weg, das alte Erfolgsrezept lieber: sorgenfreie Surfer-Songs, Spaß in der Sonne.

Und doch sagt er hier schon das Wichtigste, was man über "Pet Sounds" sagen kann: In den "Good Vibrations" hallen immer auch schlechte wider, in der kreativen Hochbegabung gärt immer auch der Wahnsinn einer gequälten Seele. "Pet Sounds", das ist Brian Wilson pur: eine Seelenskizze in Form eines Popalbums.

Dass Regisseur William Pohlad deshalb die Entstehungszeit des legendären Albums als Ausgangspunkt für sein Wilson-Biopic "Love & Mercy" wählt, ist die erste von vielen klugen Entscheidungen. Die zweite ist, dass es mehr als diesen einen Ausgangspunkt gibt - sogar mehr als einen Brian Wilson. Wir begegnen dem Erfinder des California Sound nämlich gleich doppelt: zwei völlig verschiedenen Männern in völlig verschiedenen Lebensaltern und Jahrzehnten. Gespielt auch noch von verschiedenen Darstellern, zwischen denen der Film fröhlich hin- und herspringt. Auf den ersten Blick haben sie gar nichts gemein, sehen sich noch nicht einmal ähnlich.

Love & Mercy; Love and Mercy

Der Mann, der den Soundtrack des Sommers schrieb: Brian Wilson (Paul Dano), hier noch ganz bunt.

(Foto: Studiocanal)

Als Erstes treffen wir auf den jungen Wilson, gespielt von dem sensationellen Paul Dano. Im Südkalifornien der Sechzigerjahre arbeitet er an "Pet Sounds", und etwas später auch an dem unvollendeten, lange unveröffentlicht gebliebenen Album "Smile", während die anderen Beach Boys auf Welttournee sind. Nach einer Panikattacke in einem Flugzeug haben sie eingewilligt, ihn allein zu Hause an neuen Liedern tüfteln zu lassen. Neben den visionären Sounds hallen aber bald auch wahnsinnig fauchende Stimmen durch Wilsons Kopf, verstärkt von den ersten LSD-Trips.

Brian Wilson hat zwei Gesichter in diesem Film, ihren Zauber entfalten sie in der Überblendung

In einem zweiten Erzählstrang folgen wir John Cusack als ängstlichem, schwer gestörtem Mittvierziger. Zwanzig Jahre nach seinem großen Pop-Meisterwerk, irgendwann in den späten Achtzigerjahren, trottet er durch einen von Pharmazeutika vernebelten, monotonen Alltag. Ein bleicher Geist von einem Menschen, kontrolliert und manipuliert von seinem Psychotherapeuten und Vormund Eugene Landy (Paul Giamatti). Gestört wird dieses abgründige Beziehungsgeflecht der gegenseitigen Abhängigkeit - eigentlich einem Psychothriller angemessen - plötzlich von der freundlichen Cadillac-Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), in die Wilson sich sofort verliebt. Sie wird später seine zweite Ehefrau werden.

Das große Popgenie Wilson - bei Pohlad ist er im wahrsten Sinne des Wortes ein gebrochener Mann. Zersplittert in zwei Bruchstücke seiner Biografie, die nicht weiter voneinander entfernt sein könnten und dennoch untrennbar miteinander verflochten sind: der Musiker auf dem Zenit seiner künstlerischen Schaffenskraft - und am seelischen Tiefpunkt, einsam und erschöpft. Ihre ganze Kraft entfalten die beiden Wilson-Bilder aber erst in ihrer Überblendung. Da ist das fein akzentuierte, nervöse Zucken in Paul Danos Mundwinkeln - und die trübe Regungslosigkeit in John Cusacks Blick. Was sich dazwischen entspinnt, das kommt schon nah und gewaltig an den Menschen Brian Wilson, an die Figur und die Legende heran. Diese ist in "Love & Mercy" aber auch sonst immer im Wandel, etwa wenn über den Sechziger- Jahre-Wilson langsam der Wahnsinn hereinbricht. Mit zerzausten Haaren liegt er einmal auf einer Luftmatratze in seinem Pool. Alles ist so wie immer. Die Sonne leuchtet funkelnd und orangefarben, Pool und Himmel wetteifern wie sonst auch um das tiefste Blau - nur die schief auf die Seite gekippte Kamera deutet das zunehmende seelische Chaos an. Wie hier das nahende Unheil schon durchscheint, sehen wir aber auch hinter Cusacks wunderbar spröder Darstellung mehr als einen gebrochenen Mann - etwas Warmes, Kindliches nämlich. Und sogar trockenen Humor.

Am besten aber ist dieser Film, wenn Pohlad die Leinwand von allen cineastischen Kunstgriffen, Überblendungen und Doppeldeutigkeiten freiräumt, um Wilson und seine Musiker bei der Studioarbeit für "Pet Sounds" zu zeigen. Wir sehen die Aufnahmesession in einem rauschhaften, beinahe dokumentarischen Stil: Handkameras folgen Paul Dano eifrig durch die holzvertäfelten Studioräume, zeigen seinen fiebrigen Blick, seine manische Lust am perfekten Klang.

Das Erstaunlichste an diesen Bildern ist, dass sie eine Ahnung vom langwierigen, aufreibenden Studioalltag in sich tragen - und zugleich eine romantische Vorstellung vom kreativen Prozess bewahren. Und so kommt der Zuschauer neben dem Menschen Brian Wilson auch noch dem Musiker ein ganzes Stück näher. Und die Musik, darum geht es ja doch eigentlich - darauf hat Brian Wilson am Ende auch selbst immer wieder hingewiesen.

Love & Mercy, USA 2015 - Regie: William Pohlad. Buch: Oren Moverman, Michael Alan Lerner. Kamera: Robert D. Yeoman. Mit Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks. Studiocanal, 122 Minuten.

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