Popkultur Hausmeister des Wahnsinns

"Spex" war vier Jahrzehnte nicht nur die einflussreichste Musikzeitschrift des Landes, für uns war sie der Sinn des Lebens. Mindestens. Eine sehr persönliche Erinnerung.

Von Diedrich Diederichsen

Wie schon frühere Krisen und Umbrüche wird auch das Ende der Zeitschrift Spex, die zum Jahresende eingestellt wird, überwiegend strukturell gedeutet. Es gäbe den Wissensvorsprung der Musikschreiber gegenüber ihrem Publikum nicht mehr, heißt es, vielmehr wäre dieses Wissen überall zugänglich.

Damit wäre aber die tendenziell auch politisch anachronistisch gewordene Funktion des Gatekeepers und des meist männlich autoritären Besserwissernerds an eine Grenze geraten, welcher seine Urteile darüber legitimiert, dass er im Gegensatz zu seinem Publikum eben auch hundert weitere, ähnliche Tonträger durchgehört und abgehakt habe, die er gar nicht erst erwähnt. Meist fügen die so Nachrufenden aber hinzu, dass sie Spex entweder ganz viel verdanken, Epiphanien und Ekstasen der Rezeption, oder dass sie diesen ganzen verschwurbelten Gymnasiastenscheiß noch nie verstanden hätten, was das denn mit gutem Rock oder Tanzen gehen zu tun hätte.

Ich fand die strukturelle Krisendiagnose auch früher schon unbefriedigend. Ihr innerer Widerspruch ist denn auch bezeichnend: Bürokraten eines Gatekeeperprinzips verdankt man keine Epiphanien, Besserwissernerds sind nicht unverständlich. Sie sind dröge und berechenbar, nicht barock und verschwurbelt. Ich glaube nicht, dass irgendjemand je, in irgendeiner Phase dieser und anderer vergleichbarer messianischer Musikzeitschriften wie de-bug oder Sounds oder Heaven Sent, diese Blätter gekauft hat, weil er oder sie sich informieren wollte, einen Weg gebahnt wissen unter zu vielen Neuerscheinungen - gerade das wäre im Übrigen heute eigentlich viel nötiger, wo drei Phantastilliarden Neuerscheinungen in der totalen Entropie des wärmetoten Weltalls von Spotify verenden, die auch noch zum größten Teil superinformierte, voll dufte Musik enthalten (deswegen halte ich ein Abo von The Wire).

Die Leserinnen und Leser nahmen Anteil an den Dramen, von denen wir berichteten, wenn wir über Schallplatten schrieben - sie glichen nicht nur ihren eigenen, unordentlichen, aber erhitzten Szenen eines Lebens mit Artefakten. In Spex wurde gelebt, intensiver als anderswo, dass ein Kunstgespräch (und damit der Kern von Rezeption und die Keimzelle jedes Kulturlebens) aus Urteilen besteht, wohl abgewogenen und kühn hingeworfenen, verantwortungslos präpotenten und geduldig begründeten - und natürlich sind all diese Urteile auf die Dauer haltlos. Das Gespräch aber, das sie ermöglichen, ist - mindestens - der Sinn des Lebens.

Es haut nämlich auch nicht hin, wenn freundliche Nekrologen der Spex und des Musikzeitschriftenwesens von wichtigen Texten raunen, die dort früher die Welt gedeutet hätten und heute nicht mehr zu finden wären - oder die Welt sich sowieso nicht mehr deuten ließe. Zum einen sind die da immer noch, zum anderen haben diese großen Essays immer nur die Welt außerhalb der Spexosphäre wie Schaumkronen angefeuchtet.

Der tiefe attraktive Alltag bestand in den zahllosen tapferen Texten, die sich durch ihrerseits zahllose Tonträger, Outfits, Behauptungen wichtiger und vor allem genial unwichtiger Menschen durcharbeiteten. Gewühle: Rezensionen, News, Einlauftexte, Anmoderationen von Abowerbung, in denen man sich mit Wundern wie dem zweiten Album der Honolulu Mountain Daffodils beschäftigte. Wir waren keine Gatekeeper, sondern vergebens um Ordnung bemühte Hausmeister inmitten des wimmelnden Gefühlsüberschwangs von Millionen, die Hausmeister des Wahnsinns, von denen Nico singt: "Oh, Janitor of Lunacy".

Das war unser Leben. Zarte, spekulative Seufzer, viel zu empathische Nachspürereien, die hinter Objekten herschnüffelten, die vielleicht in einer Auflage von zehn Exemplaren in Europa zirkulierten - ein Exemplar lag bei Michael Ruff in Hamburg, eines hatte jemand in Westberlin, zwei waren in Bayern auf dem Land gelandet, eines in Wien, eines in Rotterdam, eines hatte ich und eines war im Nebenzimmer bei Clara Drechsler. Der Rest blieb bis zum Erscheinen meines Reviews unverkauft im Lager des Semaphore-Vertriebs liegen: drei Wochen später war das Album für immer ausverkauft.

Egal, man musste es nicht kennen, obwohl es diesen Nachmittag verschönte, unerhörte Ideen in die Wolken schrieb und irgendwo auf dem Flur ein Lächeln auf das Gesicht eines sich in unserer Poststelle beschwerenden Abonnenten zauberte, das wertvoller war als das von Bert Brecht. Man hätte aber ebenso gut die neue von Ottos Chemical Lounge hören können. Und darüber schreiben.

In unseren Büros landeten einfach Unmengen von zufällig gestrandeter Flaschenpost. Es war die Zeit, als alle halbe Jahre ein Mann, der sich My Dad is Dead nannte, eine melancholische Post-Rock-LP aufnahm, manchmal auch Doppel-LPs, auf denen er dann alle Instrumente selbst spielte. Wir kümmerten uns um das Zeug, fühlten uns ein und antworteten. Aber auch unsere Flaschenpost kam nie irgendwo an. Joseph A Viglione, der sich The Count nannte, wird nie erfahren haben, dass sein leidenschaftliches "Love, oh Love, of Frustrating Love" unsere Redaktionshymne wurde. Wir ruderten in einem Strudel inmitten leidenschaftlicher abgebrochener Kommunikationsvorgänge im Spätherbst poetischer Vereinzelungen, bevor all diese losen Enden "vernetzt" wurden - um dann wirklich irrelevant zu werden.

Klar, es gab auch in unserer Welt die großen Namen, auf die sich alle einigen konnten, Public Enemy und The Fall, Prince und Hüsker Dü, aber meistens ging man der Frage nach, was Skatemaster Tate eigentlich für eine Type war und wer der Irre, der "Spiral Wall Containing Autumns of Light" veröffentlicht hatte. Er hieß The Divine Styler, natürlich, mindestens.

Aber wie meinte er das: "Spiralförmige Wände, die Herbste von Licht" enthalten - meinte er die Architektur unseren Lebens? Haargenau! Oder vielleicht genau ein ganz anderes, diametral entgegengesetztes Leben? Das riesige, unförmige, wuchernde, ebenso abenteuerliche wie sich ungut permanent ausdehnende Leben da draußen - von dem wir beständig stark beunruhigt und himmlisch angefixt wurden und das sich mit jedem neuen Paket von den Engeln der Flaschenpost voller Dringlichkeit bei uns meldete. "Texas always seemed so big, but you know that you are in the largest state of the Union, when you're anchored down in Anchorage", sang eine Country-Punkerin namens Michelle Shocked, die wohl mal nach Alaska umziehen musste, und traf unser Kölner Lebensgefühl wieder auf den Punkt: Ist das riesig da draußen, in Alaska, wo unsere Briefe nie eintreffen werden und die arme Michelle vor die Schlittenhunde geht. Ja, Alaska - den Namen hatte Lou Reed schon zwanzig Jahre vorher dem einsamen Herz der armen verprügelten Caroline auf seinem Album "Berlin" gegeben.

Mit Berlin war dann schon vieles vorbei, fast alles. Alle, die da landeten - wie ich - und ungefähr zur gleichen Zeit auch im World Wide Web (1995 plus/minus zwei oder drei Jahre), hatten plötzlich andere Sorgen als die letzte LP von "Vintage Urban Nothing".

Andere Modelle wurden ausprobiert, auch von der Spex. Wenn Datenunternehmen und Algorithmen an die Stelle von Postkarte und Flaschenpost treten, muss man vielleicht direkt zu politischen und poetischen Praktiken finden. Das haben verschiedene Generationen versucht. Warum nicht gleich über die Wolke schreiben, auf die ein Track meinen Blick gelenkt hat? Über die Marie A., die man einst küsste, oder über das Geld, das einem fehlt?

Ganz einfach: Da bleiben die Anzeigenkunden aus, denen man 38 Jahre mehr oder weniger erfolgreich erzählen konnte, dass "Vintage Urban Nothing" zwar jetzt nur eine aufgeregte Mikrogruppe interessieren, aber das nächste große Ding werden können. Anscheinend sind sie darauf gekommen, dass man ihnen einen Bären aufgebunden hat. Dabei ist doch ein "Vintage Urban Nothing" und die Gespräche, die es bündelt, so viel glanzvoller und reicher als jede zielbewusst gesteuerte Kommunikation. Dass die Kulturökonomen das nicht verstehen, ist natürlich ganz gut; sich damit zu trösten aber der älteste peinliche Reflex des Kleinbürgertums.

Der Autor ist Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er war von 1985 bis 1990 "Spex"-Chefredakteur.