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Pop und Politik:Böse Träume

Taylor Swift

Selbstbewusstes Opfer: Taylor Swift im Februar in Houston.

(Foto: John Salangsang/dpa)

Taylor Swift ignoriert alle Versuche der neuen Rechten, sie als Galionsfigur zu instrumentalisieren - zu Recht.

Von Jens-Christian Rabe

Mit ihrer neuen Single "Look What You Made Me Do" hat der amerikanische Pop-Superstar Taylor Swift in der vergangenen Woche im Handumdrehen ein paar Pop-Rekorde gebrochen. Die Welt hatte kaum einmal drüber geschlafen, da war der Song schon 19 Millionen Mal auf Youtube abgerufen worden, bei Spotify wurde er innerhalb des ersten Tages acht Millionen Mal gestreamt und das offizielle Video innerhalb der ersten 24 Stunden nach seiner Veröffentlichung fast 30 Millionen Mal angesehen. Aber was sind schon Rekorde, wenn man ebenso zügig zur Galionsfigur der neuen Rechten gemacht wird? Ein vergleichsweise kurzes Vergnügen. Von einer geschickt exerzierten ideologischen Vereinnahmung hat man viel länger etwas. Das liberale New York Magazine kürte die neue Swift-Single soeben entsprechend zum "ersten echten Stück Popkunst" der Ära Trump. Trifft das zu?

Die rechte amerikanische Nachrichtenseite Breitbart News, zu der soeben der berüchtigte ehemalige Chefstratege Donald Trumps, Stephen Bannon, zurückgekehrt ist, hatte sich den Song immerhin tatsächlich sofort genau angehört und am Morgen danach die Tweets zu seinen Artikeln mit Taylor-Swift-Zeilen garniert. Und die passten verblüffend gut. Den Hinweis auf einen Breitbart-Kommentar zu einem Artikel der New York Times über Bannon zierte der "Look What You Made Me Do"-Vers: "I don't trust nobody and nobody trusts me / I'll be the actress starring in your bad dreams." - "Ich traue keinem und keiner traut mir, ich werde die Hauptdarstellerin in deinen bösen Träumen sein."

Und alle, die sich daraufhin die Mühe machten, im ganzen Song Zeilen zu suchen, die sich im Sinne der neuen Rechten verwenden lassen, fanden mühelos noch viel mehr. Der Song, in dessen Text zunächst nicht mehr steckt als die Abrechnung einer enttäuschten Geliebten mit einem offenbar entlaufenen ehemaligen Liebhaber, wird aus dieser Perspektive zu einer Hymne der Alt-Right-Bewegung und Donald Trumps: Die Zeile "I don't like your little games" - Ich mag deine kleinen Spiele nicht - gilt dann dem Sumpf der liberalen Mainstream-Medien, die ihre Spiele spielen mit allen, die nicht ihrer Meinung sind. Die Zeilen "The role you made me play / Of the fool, no, I don't like you" über eine Rolle, die Swift nicht spielen will, gilt den Hitler- und Nazi-Vergleichen, denen sich die Alt-Right-Anhänger zu Unrecht ausgesetzt sehen. "Honey, I rose up from the dead / I do it all the time" - die Auferstehung von den Toten - lässt sich wiederum leicht auf Trumps Triumph gegen alle Widerstände beziehen. Und die im Song von Swift perfekt ironisch-affektiert vorgetragene Kernzeile "Look what you made me do" - "Schau dir an, wozu du mich gebracht hast" - ist natürlich die sarkastische Antwort auf alle selbstgerechte liberale Empörung: Warum wundert ihr euch, ihr seid doch selbst schuld, nach allem, was ihr getan habt? Das offizielle Musikvideo, in dem Taylor Swift eine Art selbstreflexives Spiel mit all ihren alten Song-Rollen spielt, lässt sich ebenso gut rechts auslegen, wenn man es denn will.

Die rechte Affinität zu der 27-jährigen Sängerin ist nicht neu. Das grausigste Dokument (das sich wie seine eigene Parodie liest) dürfte ein Kommentar des Bloggers Andrew Anglin sein, des Gründers der rechtsradikalen Nachrichtenseite The Daily Stormer. Im vergangenen Jahr schrieb er: "Taylor Swift ist eine reine arische Göttin, wie aus einem Gedicht der alten Griechen. Eine wiedergeborene Athene." Und: "Es ist außerdem längst bekannt, dass sie im Geheimen ein Nazi ist und nur auf den Moment wartet, in dem Donald Trump es geschafft hat, dass sie der Welt gefahrlos ihre arische Agenda der Welt offenbaren kann. Wahrscheinlich wird sie sich dann mit Trumps Sohn verloben und als amerikanische Prinzessin gekrönt werden."

Die neue Vereinnahmung allerdings, das muss man ihr lassen, ist subtiler und präziser. Schon in seinem Wahlkampf hatte Trump mit einer Songauswahl geglänzt, für die er im ersten Moment ausgelacht wurde, die dann aber umso treffender erschien. Seine Berater hatten etwa den Stones-Klassiker "You Can't Always Get What You Want" oder den R. E. M.-Hit "It's the End Of The World As We Know It" einfach genauer gelesen als ihre Gegner. Bei den Stones heißt es schließlich gleich hinterher "But if you try / sometimes / you get what you need" und bei R. E. M. "and feel fine".

Am Ende doch zu kriegen, was man will und sich gut zu fühlen, auch wenn die Welt untergeht - das passte perfekt zu Trump. Auch Taylor Swift Haltung, wenn sie ihre Songs schreibt, haben die Rechten vollkommen richtig verstanden. Diese Haltung ist nämlich exakt ihre eigene, nur dass der Originalzusammenhang ein völlig anderer ist, aber da hilft ihnen die Vagheit der Kunst: Sie fühlen sich als unschuldige, aber nicht zuletzt deshalb umso stärkere und selbstbewusste Opfer. Seht an, wozu ihr uns gebracht habt. "Look What You Made Me Do" als erstes echtes Stück Popkunst der Trump-Ära zu bezeichnen, ist also nicht ganz falsch. Taylor Swift dafür zu tadeln, dass sie dazu schweigt, ist allerdings falsch. Den Gefallen sollte sie der Rechten auf keinen Fall tun. Die beste Antwort ist ja schon im Video enthalten. Da sagt sie am Schluss, selbstironischer, als ihre rechten Deuter je sein werden: "I would very much like to be excluded from this narrative." "Ich würde sehr gerne nicht mehr in dieser Geschichte vorkommen."

© SZ vom 05.09.2017

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