Pop & Soul Mühelose Mühelosigkeit

Klingt so, als habe es eine irrsinnig begabte Schülerband mal eben aus dem Ärmel geschüttelt: Sängerin Syd.

(Foto: imago)

Die amerikanische Soul-Sängerin Syd, ihre Band "The Internet" und die große Pop-Kunst, eine schwache Stimme aus eigenem Recht zum Strahlen zu bringen.

Von Jens-Christian Rabe

Aretha Franklin, James Brown, Ray Charles, Nina Simone - Soul ist in den Sechzigerjahren die aus dem Gospel gewachsene schwarze Popmusik, welche die Stärke der vermeintlich Schwachen beweist. Es ist die Musik derer, denen es gegen alle noch so mächtigen Widerstände gelingt, sich mit Macht Gehör zu verschaffen. Durch eine physische Power des Tiefempfundenen. So konnte der Soul zum Welten bewegenden Soundtrack der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden gegen Rassentrennung und Diskriminierung der schwarzen amerikanischen Bevölkerung. Und in den Siebzigerjahren hatte er auch die Kraft, mit Disco sein eigenes Klischee als neues Musikgenre zu gebären, das seither immer mal wieder die Welt erobert. Zuletzt zum Beispiel mit den beiden Überhits "Get Lucky" von Daft Punk und "Happy" von Pharrell Williams.

Diese beiden Songs sind jedoch auch der Beleg für eine andere erstaunliche Entwicklung. Soul und später Disco waren immer Musikstile der starken schwarzen Stimmen. Selbst da, wo sie - wie bei den Soul-Genies Curtis Mayfield oder Marvin Gaye - auch mal fragil und sensibel klangen, waren sie hörbar souverän daraufhin inszeniert, eine Position der unantastbaren vokalen Stärke einzunehmen und zu behaupten. Von Pharrell Williams wiederum, Leadsänger sowohl auf "Get Lucky" wie auf "Happy", kann man das nicht behaupten. Im Gegenteil. Seine Stimme ist unüberhörbar limitiert, fast dünn, die Intonation manchmal erstaunlich wackelig. Pharrell Williams ist die beispielhaft schwache Stimme des Pop der Gegenwart.

Zufall ist das aber nicht. Und Williams selbst dürfte es am besten wissen. Im Hauptberuf ist der Mann seit etwa 20 Jahren einer der cleversten und erfolgreichsten Pop-Musik-Produzenten. Er weiß genau, was er tut. Und im Falle Disco/Soul bedeutete das paradoxerweise, dass er ihn an seiner vermeintlich stärksten Stelle schwächte - um ihn zu retten. Man kann das leicht überprüfen, indem man auf Youtube Coverversionen von "Get Lucky" und "Happy" von talentierteren Soul-Sängern sucht. Wenn sie nicht verstanden haben, worauf es bei diesen beiden Songs wirklich ankommt, wenn sie sich also zu viel Mühe geben und ihre ganze Soul-Power zeigen wollen - dann ruinieren sie diese ausnahmslos.

Was übereifrige Kritiker bisher zu dem Album meinten, stimmt so zum Glück alles nicht

Man muss das einmal zusammenfassen, weil einem sonst womöglich der Zauber der eindrucksvollsten schwachen Stimmen des Pop dieser Tage entgeht. Sie gehört der 26-jährigen amerikanischen Produzentin, Rapperin und Sängerin Sydney Bennet alias Syd. Als Teil der ebenso grandiosen Low-Fi-Neo-Soul-Band The Internet um den erst 19-jährigen Produzenten Steve Lacy hat sie soeben ein neues Album veröffentlicht: "Hive Mind" (Columbia/Sony). Es ist das vierte der Band. Bevor man einen Ton gehört hatte, erfuhr man schon von amerikanischen Kritikern, dass es ihr bislang bestes sei. Nur leider nannten sie dafür ausnahmslos die falschen Gründe. "Hive Mind" sei substanzieller musiziert und besser produziert als die Vorgänger, und Syds Stimme sei nun endlich auch mal überwältigend. Stimmt so zum Glück alles nicht. Man hört vielmehr hinreißend federnden Neo-Soul-Minimalismus auf Songs wie "Roll (Burbank Funk)" oder dem fast psychedelisch dahingeschüttelten "La Di Da". "Come Over" und besonders "Stay The Night" sind große Studien in müheloser Mühelosigkeit, auf denen sogar ein angeberisches Fusion-Jazz-Gitarren-Solo wie ein netter kleiner Gag wirkt.

Mit anderen Worten: Die Musik von The Internet klingt also immer noch im besten Sinne so, als habe sie eine so irrsinnig begabte wie extrem tiefenentspannte und popgeschichtlich bestens informierte Schülerband an einem viel zu heißen Sonntagnachmittag im Wohnzimmer aus dem Ärmel geschüttelt. Die Schwäche wird - darin sind Syd und The Internet dann im Übrigen über Bande auch eminent politisch - dabei nicht als Schwäche ausgestellt. Sie soll durch die Songs aus eigenem Recht strahlen. Wobei sich das natürlich unendlich viel bedeutungsschwerer liest, als es sich hier anhört. Das ist ja die Kunst.