Pop Remix der Bandgeschichte

Christian Burchard (links) starb im Januar dieses Jahres. Seine Tochter Marja Burchard (rechts) führt die Band weiter.

(Foto: Filmokratie)

Ein Dokumentarfilm im Werkstattkino beleuchtet 50 Jahre "Embryo"

Von Dirk Wagner

"Wo bist du? Wir müssen proben", hatte Christian Burchard, Kopf der Formation Embryo, den Keyboarder Michael Wehmeyer am Telefon gefragt. Der spielte damals noch in der Münchner Band Semiramis, die öfters im Vorprogramm von Embryo auftrat. Auf privaten Treffen hatte Wehmeyer mit Embryos Keyboarder Dieter Miekautsch schon mal vierhändig Klavier gespielt, als dieser plötzlich meinte: "Du wirst mein Nachfolger bei Embryo." Wehmeyer nahm das als Kompliment - ohne zu ahnen, dass Miekautsch tatsächlich seinen Ausstieg vorbereitete. Bis ihn jener Anruf erreichte, in dessen Folge er erst mal stundenlang mit Burchard probte.

"Konditionstraining" nannte Wehmeyer das schon mal, der von 1976 an circa 15 Jahre lang in der vielleicht spannendsten Band Deutschlands mitwirkte. Eine Band, die 1969 vom Jazz kommend die Rockmusik entdeckte und diese schließlich nicht-europäischen Musikvorstellungen öffnete. Arabische Mikrotöne bestimmten etwa nach einer Reise nach Afghanistan die eigene Musik. Weitere afrikanische und asiatische Einflüsse folgten. Embryo spürten die neuen Sounds nicht mit einem ethnologischen Interesse auf, sondern mit einer musikalischen Neugier, die die Welt als Zusammenwirken gleichberechtigter Kulturen erlebte.

Wehmeyer beleuchtet dies nun in einem Film über Embryo, der zugleich auch ein Film über die Emanzipation der Musik ist. Die Emanzipation einer Popmusik von ihren anglo-amerikanischen Vorbildern zum Beispiel. Aber auch die Emanzipation von einer gewinnorientierten Kulturindustrie. Embryo taten sich mit anderen Bands wie die Ton Steine Scherben zusammen, um für ihre Schallplatten einen eigenen Vertrieb aufzubauen. Vor ihren Konzerten suchten die Musiker darum stets die Schallplattenläden der jeweiligen Stadt auf, um dort persönlich ihre Tonträger anzubieten.

Als Wehmeyer, der mittlerweile als Cutter fürs Fernsehen arbeitet, später erfuhr, die Band Can habe einen Preis für ihr Lebenswerk bekommen, ärgerte er sich: "Was für Lebenswerk? Im Vergleich zu dem, was Embryo alles gemacht hat, ist das doch gar nichts", sagt er und erinnert sich daran, wie oft Menschen ihn auf Embryo angesprochen hätten. Man habe die Band 1976 in Wuppertal gesehen, sagte man ihm zum Beispiel. Schön, hatte er da gedacht. Aber mittlerweile sind einige Jahre vergangen und die Band ist immer noch aktiv. Auch deren Musik hat sich immer wieder verändert. Was sogar dazu führte, dass Zuschauer mal ihr Eintrittsgeld zurück forderten, weil die Band nichts von dem gespielt habe, was man von deren Schallplatten her kannte.

Wehmeyer erzählt all dies aber nicht in einer chronologisch geordneten Biografie. Vielmehr taucht er ein in ein gewaltige Bilder- und Ton-Flut, die er aus Archivmaterial schöpft, das er sieben Jahre lang gesammelt hatte. Denn nichts wurde extra für "Embryo - A Journey of Music and Peace" gedreht. Wehmeyer nutzt ausschließlich bestehende Privatfilme, Fotos und TV-Beiträge, um daraus einen eindrucksvollen Remix der Bandgeschichte zu schaffen. Stets mit Musik von Embryo unterlegt, und immer wieder von diversen Stimmen kommentiert. Stimmen von interviewten Bandmitgliedern zumeist, aber auch mal von einem Lokalpolitiker, der in den Siebzigerjahren "Sexgruppen, Haschjünger und überhaupt" befürchtete, als in dem Westfälischen Ort Vlotho mit "Umsonst und draußen" eines der größten nicht-kommerziellen Musikfestivals Deutschlands startete.

Wie der Politiker heißt und welcher Partei er angehört, erfährt man im Film allerdings ebenso wenig wie, welcher Musiker von Embryo gerade spricht. Die Namen seien nicht so wichtig, sagt Wehmeyer, dem es nur darauf ankommt, was gesagt wird. Und tatsächlich reicht das auch, um einen Eindruck von der Bedeutung Embryos zu gewinnen.

Embryo, 6./7./9./11. Sep., 22.15 Uhr, 8.9., 18.15 Uhr, Werkstattkino, Fraunhoferstraße 9