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Pop-Neuerscheinungen:Das sind die Alben der Woche

Moby, das schlechte Gewissen der Starbucks-To-Go-Becher-Käufer, ist zurück. Außerdem: schön narzisstische Mini-Manifeste über das Schwulsein von Newcomer Sam Vance-Law.

Andrew W. K. - "You're Not Alone" (Sony Music)

Den Preis für das verblüffendste Album der Woche gewinnt der amerikanische Partyrock-König Andrew W. K. mit seiner zehnten Platte "You're Not Alone" (Sony Music). Die Songtitel lauten: "The Power Of Partying", "Party Mindset", "The Party Never Dies" und so weiter. Es gibt sogar eine schier endlose einmütige Motivationsrede darüber, warum es existenziell wichtig ist, mit unseren Dämonen Party zu machen. Die Musik dazu klingt wie eine Parodie von Meat Loaf und Queen, Hochglanz-Hardrock-Balladen, für die in den Achtzigern einmal das schöne Genre "Hair Metal" erfunden wurde. Mit anderen Worten: Es ist alles so gewissenhaft schlecht gemacht, dass man beinahe Demut empfindet vor der Ernsthaftigkeit, mit der hier Party-Spaß gehabt werden soll. Oje, Hedonismus ist auch nur noch ein anderes Wort für harte Arbeit am Selbst.

Jens-Christian Rabe

Joan Baez - "Whistle Down The Wind" (Proper Records)

Die 77-jährige Folksängerin Joan Baez, Gegenkultur-Star der Sechziger und zeitweilige Freundin und Komplizin Bob Dylans, war in den Achtzigern ein paar Jahre lang mit Apple-Gründer Steve Jobs liiert. Dem Spiegel schilderte sie anlässlich ihres neuen, 30. Albums "Whistle Down The Wind" (Proper Records), wie es so war mit dem Computer-Visionär: "Vor allem war er der größte Bob-Dylan-Fan. Im Grunde wollte er drei Jahre lang über exakt nichts anderes reden als über meinen Ex-Freund." Außerdem hätten sie ständig Streit gehabt, weil Jobs behauptet habe, er könne ein Trio von Brahms computerisieren und so verbessern. Und wenn man nun die Songs der neuen Platte hört, hört man irgendwie beides: die Joan Baez der Sechziger und die sympathisch lakonisch gealterte Ikone. "Whistle Down The Wind" ist ein klassisches Gitarrenfolk-Album, auf dem Baez' Stimme zum Glück nicht mehr so bedeutungsvoll bebt wie früher, aber immer noch erstaunlich kraftvoll klingt. Um damit allerdings mehr als eine nette Erinnerung an alte Zeiten zu liefern, wäre womöglich ein jüngerer Retropop-Produzent wie Jack White oder Dan Auerbach nötig gewesen. Man würde diese Stimme gerne mal in einem minialistischeren und raueren Soundgewand hören.

Jens Christian Rabe

The Breeders - "All Nerve" (4AD)

Nichts ist je zu Ende, und alle kommen irgendwann zurück. Jetzt sogar die Breeders. 1993 hatte die amerikanische Grunge-Band ihren großen Hit, den sehr feinen Stop-and-go-Indierock-Brecher "Cannonball". Da war die Band um Sängerin und Pixies-Mitglied Kim Deal für einen Moment das heißeste neue Ding im Pop - hatte sich aber nicht zuletzt wegen Deals Heroin-Problemen eigentlich schon wieder getrennt. Dann ging es viele Jahre eher glücklos hin und her, und was man nun halten soll vom neuen Album "All Nerve" (4AD), das ist nicht leicht zu sagen. Im Grunde klingt die Musik nämlich zwar ganz wie früher, also ebenso kratzig wie poppig, aber innerhalb der absoluten Gleichzeitigkeit, in die sich der Pop in der Zwischenzeit manövriert hat, wirken die Breeders auch nicht wie aus einer völlig anderen Zeit. Einerseits. Andererseits fehlt ein Hit wie "Cannonball", und der machte am Ende eben irgendwie den Unterschied, den "All Nerve" dann doch nicht bietet.

Jens-Christian Rabe

Moby - "Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt" (Little Idiot/Embassy Of Music)

Es kann mitnichten ein Zufall sein, dass die große kommerzielle Verbreitung der Kaffeehauskette Starbucks und der große kommerzielle Erfolg des Musikproduzenten Moby auf ein paar Jahre um die Jahrtausendwende zusammenfallen. Mobys elektronisches Musikgemisch und die durchschnittliche Starbucksfiliale schufen damals etwas ganz besonderes: das unpersönlich Persönliche. Etwas, das in seiner Künstlichkeit Wärme und Gefühl so gut imitiert, dass es einem tatsächlich ganz warm und gefühlig wird. Einerseits. Andererseits ist Moby - Veganer, Tierrechtsaktivist, Klimawandelbekämpfer - ja bis heute immer auch das schlechte Gewissen jedes Starbucks-To-Go-Becher-Käufers. Man lese nur einmal die wirklich hart deprimierenden Songtitel auf dem neuen Album "Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt" (Little Idiot/Embassy of Music): "The Tired and the Hurt", "The Last of Goodbyes", "This Wild Darkness". Dazu gibt es grau drückende Musik vom Abend nach der Apokalypse. Der Beat verrauscht, das Piano klirrt, Moby murmelt traurig. Alles ist hier nur noch Hauch und Hall, Erinnerung. Ein Hinübergleiten in das Nichtsein, die Auflösung einer Karriere. Ganz unpersönlich persönlich.

Julian Dörr

Sam Vance-Law - "Homotopia" (Caroline)

"I love god, but he doesn't love me", singt der kanadische Musiker in dem Song, den er nach dem englischen Schimpfwort "Faggot" benannt hat (die deutsche Übersetzung Schwuchtel ist dagegen vergleichsweise harmlos). Und damit gar nicht erst Verwirrung darüber herrscht, worum es auf seinem Debütalbum geht, hat Sam Vance-Law es "Homotopia" (Caroline) genannt: Die zehn kammermusikalischen Popsongs darauf sind Mini-Manifeste über das Schwulsein - amüsant, direkt, selbstironisch und mit gutem Gespür für Pointen, wie ein schwuler Dean Martin im Jahr 2018. Arrangiert sind die Stücke mit feiner Hand zwischen allen möglichen atmosphärischen Gewichtsklassen: vom breitbeinigen Schunkelblues über federnd gezupfte Geigen bis zu wässrig und durchscheinenden Orchester-Dunstwölkchen (koproduziert hat Konstantin Gropper von Get Well Soon). Und die dunkle, melancholische Stimme, die immer ebenso sehr Erzähl- wie Gesangsstimme ist, trägt durch die Erzählungen über Dates, die mit blutigen Nasen enden, narzisstische Spiegelungen, nächtliche Geilheit und die Homo-Ehe.

Annett Scheffel

© SZ.de/doer/rus

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