bedeckt München 13°

Politisches Theater:Es ist nicht und es wird auch niemals gut

Die Schuld mit Fleisch bezahlen? Antonio (Silas Breiding, Mitte) und sein Kreditgeber Shylock (Pascal Fligg, rechts) im goldenen Banker-Milieu, im Hintergrund Bassiano (lJonathan Hutter, links).

(Foto: Arno Declair)

Christian Stückl inszeniert den "Kaufmann von Venedig" - gegen den grassierenden Antisemitismus.

Von Christine Dössel

In Zeiten wachsenden Judenhasses Shakespeares Stück "Der Kaufmann von Venedig" zu inszenieren, ist eine heikle Sache. Die Figur des jüdischen Geldverleihers Shylock, der auf der Abmachung besteht, bei säumiger Rückzahlung aus dem Körper seines Schuldners Antonio ein Pfund Fleisch herauszuschneiden, hat seit je den Antisemiten in die Hände gespielt. Das Drama wurde im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich interpretiert, die Frage, ob es per se antisemitisch ist, nie letztgültig beantwortet. Zu Shakespeares Zeiten waren die Juden aus England verbannt, also kannte man gar keine. Doch war "der Jude" eine mythische Figur, von Christen gehasst aus Glaubensgründen, verachtet als Zinsnehmer und von Christopher Marlowe zerrbildhaft dämonisch dargestellt in seinem Stück "Der Jude von Malta".

Dagegen ist Shakespeare nachgerade ein Traumapsychologe. Der Hass Shylocks, sein stures Pochen auf die Erfüllung des Schuldscheins, also auf sein "Recht", ist die Folge des Hasses, den er selbst als Jude sein Leben lang erfahren musste. Es ist eine wunde, trotzig-stolze Reaktion auf die Missachtung, Demütigung und Verspottung seiner Person durch die Gesellschaft, seine permanente Ausgrenzung aus dieser. Das kommt bei Shakespeare klar heraus. Noch klarer wird es in der klug fokussierten, sehr heiteren und doch so bitteren Inszenierung von Christian Stückl am Münchner Volkstheater. Ein Theaterabend, dem man in einer Zeit, in der jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken hat (wie eine erschütternde Studie des Jüdischen Weltkongresses jüngst ergab), jedem, jeder nur ans Herz legen kann, nein: muss.

Den jungen Bankern kommen wie selbstverständlich antisemitische Sprüche über die Lippen

Auf Stückl, den Fachmann nicht nur fürs Katholische, ist Verlass. Der Münchner Volkstheaterintendant inszeniert seit Jahrzehnten mit Stücken wie "Ghetto", "Der Stellvertreter", "Nathan der Weise" oder "Hiob" leidenschaftlich gegen Antisemitismus an und hat auch das Oberammergauer Passionsspiel, dessen Leiter er ist, im Sinne einer religiösen Weltversöhnung (und im Namen der Kunst) von sämtlichen Anti-Judaismen befreit. Nächstes Jahr, im Mai 2020, ist es wieder so weit. Stückl fängt in Kürze mit den Proben an.

Wie immer hat Stefan Hageneier ihm auch für den "Kaufmann" die Bühne gebaut, diesmal eine Hotellobby aus gülden angestrichenen Stahlstreben; oder vielleicht ist es eher, dem Auftreten junger, geschniegelter Businessmänner entsprechend, das Foyer einer Großbank. Drei Drehtüren führen in dieses leere, nach Gold schimmernde Finanzmilieu. Sie sind das zentrale Bühnenelement, bieten die Möglichkeit für dynamische, tänzelnde, oft lustige Auf- und Abtritte und halten die Inszenierung buchstäblich in Schwung.

Die jungen Anzugträger, die sich hier bei italienischer Musik tummeln, scheinen direkt der Frankfurter Börsenwelt entsprungen. Vordergründig geht es erst einmal nur um Frauen und wie man sie rumkriegt, man albert und kumpelt herum. Dabei kommen ihnen wie selbstverständlich antisemitische Sprüche über die Lippen, ihre Haltung ist elitär und der Grundmotor allen Liebens und Werbens immer: das Geld.

Stückl und die Dramaturgin Rose Reiter greifen in ihrer fabelhaft komprimierten, pointierten Textfassung auf die alte Übersetzung von Schlegel zurück, mischen diese aber auf mit sehr viel Komik und Alltagsjargon ("Bekommt dein Hirn eigentlich Arbeitslosengeld?"). Die besten Witze reißt die zynisch-feministische Porzia, bei Carolin Hartmann eine in jeder Hinsicht scharfe Wuchtbrumme. Sie lässt die Männer reihenweise abblitzen und macht aus der "Brautlotterie" - der Geschichte mit den drei Kästchen, von denen ihre Freier eines wählen müssen - gemeinsam mit dem hitzig um sie werbenden Bassiano (Jonathan Hutter) eine Fetzennummer. Großartig. Am Schluss, wenn Porzia als verkleidete Richterin tätig wird, erweist auch diese Sympathieträgerin sich als Antisemitin, wie alle anderen. Das ist ein Schlag.

Am harmlosesten in der Banker-Boygroup ist noch Lorenzo (Vincent Sauer). Der hat sich, wiewohl ein Judenfeind, in Shylocks Tochter Jessica (Henriette Nagel) verliebt, und diese, ein Mädchen, das dazugehören will, brennt mit ihm durch, lässt sich taufen, haut mit ihm des Vaters Geld auf den Kopf. Angefeindet von den anderen wird sie trotzdem. "Es ist und es wird auch niemals gut", heißt ein wiederkehrender Satz, der hier den Antisemitismus auf den schwarzen Grund trifft. Er stammt aus "Hamlet".

Der schlimmste Hetzer ist der selbstgefällige Graziano (Jan Meeno Jürgens), ein echter Widerling und Wadlbeißer. Der Kaufmann Antonio (Silas Breiding spielt ihn mit randloser Brille und herzlosem Blick) ist anders schlimm, kälter, gerissener, aasiger. Er spuckt Shylock hasserfüllt an, schreit ihm brutal seine Verachtung ins Gesicht, Geld von ihm leiht er trotzdem. Er tut es für seinen Buddy Bassiano, den er küsst und insgeheim liebt. Und weil er das Geld nicht binnen Frist zurückzahlen kann, spitzt sich das turbulente Geschehen auf bekannte tragische Weise zu. Es ist nicht und es wird auch niemals gut.

Pascal Fligg, der noch junge und doch schon in vielen großen Rollen bewährte Protagonist des Volkstheaters, ist ein moderner, gefasster, sehr einnehmend sich am Riemen reißender, allenfalls implodierender Shylock, Typ "Wolf of Wallstreet". Ein kühler Geschäftsmann in Nadelstreifen, dem man die Einsamkeit anmerkt, die Verletzungen, die er schon hinnehmen musste. Die Szene, in der er den berühmten Shylock-Monolog hält ("Hat nicht ein Jude Augen?"), ist bewegend, regelrecht spannend, und die Gerichtsszene am Ende, in der dem Juden alles weggenommen wird, ist bei Stückl von jeglichem Gnadenkitsch und Wohlwollen befreit. Knallhartes Urteil, bittere Unversöhnlichkeit. Der Jude tritt ab, komplett allein. Am Ende kommt seine Tochter auf die Bühne, Jessica, ernüchtert, verstört, mit dem Messer in der Hand, während hinten die christlichen Paare feiern. Sie blickt ins Publikum und sagt: "Ich habe Angst."

© SZ vom 29.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite