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Polen und die Kartoffel-Affäre:"Das war Soap Opera. Allerdings schlechte."

Polens Präsident Lech Kaczynski, hieß es in einer deutschen Tageszeitung, kenne von Deutschland nicht mehr als "den Spucknapf der Herrentoilette des Frankfurter Flughafens". Das ist mäßig witzig, aber ist es eine Staatsaffäre? Wir fragten den polnischen Publizisten Konstanty Gebert.

Jetzt haben auch Deutschland und Polen ihren Karikaturen-Streit, genauer: ihren Satire-Streit. Polens Präsident Lech Kaczynski und dessen Bruder (und künftiger Premierminister) Jaroslaw sind erbost über einen Text in der taz (SZ vom 11. Juli). Lech Kaczynski, hieß es da, kenne von Deutschland nicht mehr als "den Spucknapf der Herrentoilette des Frankfurter Flughafens", er sei eine "junge Kartoffel". Das ist mäßig witzig, aber ist es eine Staatsaffäre? Das fragten wir Konstanty Gebert. Unter dem Pseudonym Dawid Warszawski hat Gebert zu Solidarnosc-Zeiten im Untergrund publiziert. Heute schreibt er für die Zeitung Gazeta Wyborcza und gibt die jüdische Zeitung Midrasz heraus.

SZ: Verstehen die Polen keinen Spaß?

Konstanty Gebert: Doch, natürlich. Polen hat eine lange, stolze Tradition politischer Witze, selbst zu Zeiten des Kriegsrechts. Und man darf dieses Getöse des Präsidenten nicht mit der Meinung der Bevölkerung verwechseln. Begeistert waren die Polen allerdings auch nicht. Das Privatleben der Politiker - nicht der Promis! - ist kein Gegenstand öffentlicher Witze bei uns.

SZ: In der Satire war die Rede davon, dass Jaroslaw Kaczynski "mit der eigenen Mutter zusammenlebt - aber wenigstens ohne Trauschein".

Gebert: Und damit war eine Grenze überschritten. Lech Walesa hat die Zwillinge zwar mal eingeladen mit den Worten: Lech Kaczynski könne ja mit seiner Frau kommen und Jaroslaw mit seiner Katze. Und auf der Gay-Parade in Warschau gab es ein Schild: "Der Schwule ist dein Bruder". Aber das konnte man auch metaphorisch verstehen, es war sophisticated, witzig und klug.

SZ: Vielleicht ist diese Diskretion europäisch. Amerikaner interessieren sich sehr für das Privatlebein ihrer Politiker.

Gebert: In Polen ist natürlich viel Heuchelei im Spiel, denn heimlich reden doch alle über die Schlafzimmer der Politiker. Aber ich lebe lieber in einer bigotten Gesellschaft als in einer puritanischen.

SZ: Die Satire kam aus Deutschland.

Gebert: Ja, ein heikles Thema. Der deutsche Humor über Polen bewegt sich oft auf dem Niveau von "Kommen Sie nach Polen, Ihr Auto ist schon da". Da sind die Polen empfindlich geworden. Andererseits gibt es einen deutschen Kabarettisten in Polen, Stefan Möller, der grauenvoll Polnisch spricht und wirklich fiese Witze macht, aber die Polen lieben ihn: Weil er ihre Sprache gelernt hat und weil er denselben Humor hat.

SZ: Und die polnischen Witze über Deutschland?

Gebert: Sind auch nicht ohne. Die Zeischrift Wprost hat Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, in SS-Uniform gezeigt. Das war geschmacklos.

SZ: Deutschland ist ein dankbares Objekt. Nazi-Montur, Stechschritt - fertig!

Gebert: Zugegeben, es gibt da eine gewisse Neigung zum Stereotyp.

SZ: Ihr Lieblings-Witz über die Kaczynski-Zwillinge?

Gebert: Schwierig, es gibt so viele. Die Zeiten sind so trübsinnig, da blüht der politische Humor. Viele Witze sind Wortspiele: "Kaczysmus - Faschismus", in dieser Art. Vielleicht den: Die beiden haben ja als Kinder in einem Film mitgespielt mit dem Titel "Wir stehlen den Mond". Jetzt gibt es ein Wortspiel mit den Buchstaben ihrer Partei PiR. Auf Deutsch heißt das: Wir stehlen die Sonne.

SZ:Und über solche Witze hat sich der Präsident nie beschwert?

Gebert: Ich habe es noch nicht gehört.

SZ: Nun fordert die polnische Außenministerin Anna Fotyga eine Entschuldigung von der deutschen Regierung - als wäre diese Herausgeberin der taz.

Gebert: Unverzeihlich! Aber es sagt nichts über das Verhältnis der polnischen Regierung zu den Medien aus. Es war eine rein menschliche Reaktion: Du hast jemandem wehgetan, den ich mag, also tu gefälligst etwas! Das war Soap Opera. Allerdings schlechte.

© SZ vom 12.7.2006
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