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Polen und Deutsche:Schnurrbart, gefärbt?

Stefan Chwin: Ein deutsches Tagebuch. Aus dem Polnischen von Marta Kijowska. Edition fototapeta, Berlin 2015. 256 Seiten, 19,80 Euro.

Im Werk des polnischen Autors Stefan Chwin spielt seine Heimatstadt Danzig eine Schüsselrolle. Sein "Deutsches Tagebuch" ist aus Reisen ins Nachbarland hervorgegangen - und aus den Begegnungen mit Günter Grass.

Von Thomas Urban

Da die Romane und Erzählungen Stefan Chwins vor allem in seiner Heimatstadt Danzig angesiedelt sind, gilt er bei seinen deutschen Lesern als eine Art polnisches Gegenstück zu Günter Grass. Nun, in seiner Bilanz über ein Vierteljahrhundert Reisen in deutsche Lande, lobt Chwin zwar überschwänglich "Die Blechtrommel" und verteidigt Grass gegen den Vorwurf, zu spät mit seinem Jugendkapitel zur Waffen-SS herausgerückt zu sein, spottet aber zugleich über dessen Eitelkeit: "Sein Schnurrbart (gefärbt?)" sinniert er: Wenn Grass vom Verkaufserfolg seiner Werke in den USA berichtete, "blähte er sich auf".

Auch macht der deutsche Literaturstar seinen polnischen Gast sprachlos, als dieser das Gespräch auf Witold Gombrowicz bringt. Grass und Gombrowicz haben zur selben Zeit, in den Jahren nach dem Mauerbau in der Frontstadt Westberlin gelebt, der polnische Emigrant hat sich in seinem experimentellen Werk und seinem Tagebuch mit der Frage nach dem Ursprung des Bösen gequält. Aber Grass weicht aus, hat offenbar nichts davon gelesen.

"Versöhnungskitsch" nennt er so manche politische Geste

Für Chwin ist dies indes die Hauptfrage im Verhältnis zwischen Deutschen und Polen. Er setzt an am berühmten Mephisto-Zitat von der "Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" und fragt provozierend: Hatten die Nazis nicht das Ideal einer Welt, geführt von starken und schönen Menschen, wie sie Leni Riefenstahl und Arno Breker dargestellt haben? Konnten sie nicht in die Hirne junger Menschen, auch das des 16-jährigen Grass, die Überzeugung einpflanzen, dass die Schwachen und Hässlichen ausgemerzt werden müssten im Interesse des Ideals?

Irritierende Gedanken, die Chwin mit Verweisen auf die stalinistischen Henker oder die Roten Khmer ergänzt, die ja auch glaubten, mit Mord und Totschlag eine ideale Gesellschaft schaffen zu können. Für ihn der schauerlichste Moment: SS-Männer oder Stalins Schergen, die bei ihrem Tun lachten und feixten.

Chwin hat zur dröhnenden Arroganz dieser selbst ernannten Herren über Leben und Tod Berichte von Augenzeugen gesammelt. Zu ihnen gehörte seine Mutter, die angesichts der Massenmorde der SS beim Warschauer Aufstand 1944 gelobte, dem ersten Deutschen, den sie zu fassen bekomme, die Haut lebendig vom Leibe zu ziehen. Als sie aber als Sanitäterin auf der Seite der Aufständischen einen angeschossenen jungen SS-Mann fand, hat sie ihn verbunden und gepflegt, seine Rufe "Mutter, Mutter!" schnitten ihr ins Herz.

Chwin stellt nicht in Frage, dass deutsche und polnische Politiker Versöhnungsgesten machen müssen, doch glitten diese oft in ritualisierten "Versöhnungskitsch" ab. So wie er Grass mit zwei spöttischen Bemerkungen auf menschliches Maß zurechtstutzt, nimmt sich er sich auch zwei Hauptversöhnungspolitiker vor: den zweimaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (ein "patriotischer Birkhahn", der unablässig den "Pfauenschweif" seiner Verdienste aufschlägt), und Egon Bahr, der in Eigenlob für seine Entspannungspolitik schwelgt, dabei aber die innenpolitischen Repressionen in der Sowjetunion sowie deren imperialistische aggressive Außenpolitik vergessen hat.

Marta Kijowska ist es in ihrer Übersetzung gelungen, Chwins Doppelbödigkeit, die sich über deutsche wie polnische Befindlichkeiten mokiert, präzise wiederzugeben. Herausgekommen ist ein gelegentlich sarkastisches, stets fesselndes Buch, eine Pflichtlektüre für alle an Verständigung mit den Nachbarn im Osten interessierte Deutsche.

© SZ vom 13.10.2015

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