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Poetica Köln:Jedes Kilo wiegt nur 700 Gramm

Aris Fioretos hat als Schirmherr für die Kölner "Poetica" das Motto "Rausch" ausgegeben. Und will die eingeladenen Autoren in ein Fantasiegespräch verwickeln.

Damit hatte man offenkundig nicht gerechnet: Der Andrang bei der Eröffnungsveranstaltung der "Poetica 5" ist so groß, dass der Raumteiler, der die Aula 2 der Kölner Universität auf ihre halbe Zuschauerkapazität verkleinert, wieder hochgefahren werden muss. Dadurch verzögert sich alles ein wenig, aber es gibt schlimmere Probleme für ein Poesiefestival als ein unerwartet großes Publikumsinteresse. Veranstalter wie Zuschauer nehmen es jedenfalls mit der gebotenen heiteren Gelassenheit.

Gelassenheit stellt gleichsam das ergänzende Gegenstück zu jenem Zustand dar, dem die fünfte Auflage der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und dem Internationalen Kolleg Morphomata veranstalteten "Poetica" ihr diesjähriges Motto verdankt: "Rausch - States of Euphoria" lautet der Titel, den der Kurator Aris Fioretos ausgegeben hat. Noch bis kommenden Samstag wird Fioretos an verschiedenen Orten in Köln in Zwiegesprächen mit sieben teilnehmenden Autoren um dieses Thema kreisen (die achte, Agi Mishol aus Israel, brach sich einen Tag vor Beginn die Hand und musste absagen).

In kultivierter Weise euphorisiert wirkt der schwedische Autor, selbst Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, beim Gespräch über Programm und Gäste der "Poetica". Auf den Rausch sei er beim Nachdenken über seinen Roman "Nelly B's Herz" gekommen, in dem es um die deutsche Pilotin Nelly Becker, ums Verliebtsein und das Fliegen gehe, und um die Ähnlichkeit zwischen beiden Zuständen, bei denen "jedes Kilo nur noch 700 Gramm" wiege. Und das Format der Veranstaltung begünstige, was Hölderlin die "Psyche unter Freunden", das Entstehen des Gedankens im Gespräch nannte.

Die "übliche, etwas fad gewordene Verfahrensweise" bei Literaturfestivals - Kurzvorträge mit Interventionen eines Moderators - wird durch die Beteiligung von Schauspielern und Musikern aufgelockert. Im Lauf der Jahre hat sich im Programm der "Poetica" zudem eine Mischung aus Prosa und Lyrik etabliert. Wenn es um Weltliteratur gehe, sei weniger die Gattung entscheidend, als die gemeinsame Richtung, findet Fioretos. "Lyrik hat ja sämtliche Merkmale einer Subkultur - man hält zusammen, man schafft seine eigene Infrastruktur, und so bleibt oft alles im eigenen Diskursmilieu." Die "Poetica" sieht er als Chance, dieses Milieu einem breiteren Publikum zu öffnen - eine Geste, die in Zeiten sich selbst bestätigender Echokammern umso notwendiger erscheint. "Zum Glück muss ich die Verantwortung für diese Öffnung nicht alleine schultern", sagt Fioretos. " ,Rausch' ist in diesem Fall nicht in erster Linie mit Drogen verbunden, es geht um ein ganzes Repertoire menschlicher Grunderfahrungen - und darüber können die Gäste, die ich eingeladen haben, hoffentlich vieles sagen."

Die südafrikanische Autorin und Schauspielerin Lebogang Mashile, die dem Winter auch in geschlossenen Räumen mit einer silberfarbenen Steppjacke trotzt, euphorisiert am Eröffnungsabend das Publikum mit ihrem Gedicht "Vulva Vulcano", mit dem sie die "vulkanartigen Eigenschaften des gesprochenen Wortes" feiern will. Der Südtiroler Oswald Egger liefert mit ähnlicher darstellerischer Verve eine Sprachgirlande im Geiste von Lewis Carolls "Jabberwocky" ab. Am anderen Ende der Adrenalinskala bewegt sich die in Südkorea geborene schwedische Dichterin Mara Lee. Nach einem nervös-konzentrierten Vortrag zweier Gedichte unterhält sie sich mit Aris Fioretos über die Bedeutung von Konjunktionen ("Sie helfen uns, eine Verbindung zwischen Dingen herzustellen, die gar nicht verbunden sind").

Christian Kracht, fraglos der prominenteste Name im Aufgebot und eigens aus Los Angeles angereist, trägt den Auszug aus seinem Roman "Die Toten" in einem nachgerade hypnotischen Flüsterton vor, und betont hinterher, ihm gehe jeder kreative Furor ab. Marion Poschmann und Jo Shapcott, Dichterinnen aus Deutschland und England, befassen sich in ihren Beiträgen auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Phänomen der Transformation, und der Rumäne Mircea Cărtărescu, den Fioretos den "Proust der Ceausescu-Ära" nennt, erklärt im Gespräch mit dem Kurator apodiktisch: "Eros ist Poesie!"

Man müsse einfach charmant bleiben und dürfe nicht zu verkopft sein, sagt Aris Fioretos über den angepeilten Grundton der "Poetica 5". Die Gefahr einer Elfenbeinturmexistenz solcher Veranstaltungen, also eines Ignorierens der drängenden geopolitischen Realitäten, die viele als bedrohlich empfinden sieht der Schwede nicht: "Beim Thema des Rausches liegt es nahe, den Mehrwert der Literatur zu feiern, nicht nur ihren Gebrauchswert."

Diesem Mehrwert wolle er mit einer Art "sachlicher Begierde" begegnen. Dass sich im Übrigen auch in der vermeintlich exklusiven Atmosphäre eines Poesiefestivals leicht Bezüge zur politischen Gegenwart herstellen lassen, beweist in der Kölner Universität die Britin Jo Shapcott. Vor ihrer Lesung hält sie im Hinblick auf die Brexit-Agonie ihres Heimatlandes fest, es sei schön, zur Abwechslung "an einem Ort zu sein, in dem Wände nicht aufgebaut, sondern entfernt und Menschen nicht ausgewiesen, sondern hereingelassen werden".

© SZ vom 24.01.2019
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