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"Plötzlich alles da":Wiegende Worte für die Mutter

Dorothea Grünzweig hat ihren neuen Gedichtband als Erinnerungshaus an die Toten eingerichtet. Sie wollen Ansprache und Lieder. Der geheime Fluchtpunkt ihres Buches ist der Tod der eigenen Mutter.

Von Nico Bleutge

In Karelien wurden die Verstorbenen einst an Erinnerungstagen in ihre Häuser zurückgeholt. Sie erhielten Essen, ein eigenes Bett, sogar die Sauna bot man ihnen an. Vor allem aber widmete man ihnen Lieder - Strophen und Melodien, die im ganzen Haus zu hören waren: "sie wurden / geschildert besungen danach wieder zurückgefahren zum hiisi / dem hain mit den heiligen unantastbaren bäumen".

Als ein solches Erinnerungshaus hat die Dichterin Dorothea Grünzweig ihren neuen Gedichtband eingerichtet. Die Toten wollen nicht nur Blumen und Besuche am Grab, sie wollen Ansprache und Lieder, davon ist Grünzweig überzeugt. Der geheime Fluchtpunkt ihres Buches ist der Tod der eigenen Mutter. Wie jene Bartflechten, die einmal erwähnt werden, durchzieht er mit seinen metaphorischen Verästelungen noch den unscheinbarsten Vers. Hängt in Form von Tropfen und Herzen an Wänden, Decken und Fenstern, zusammengerollt oder ausfasernd, in jedem Fall zugewandt - "ein dichter zusammenhalt durch den wir nicht fallen können".

Grünzweig verbindet den inneren Blick mit dem äußeren

"Naava" heißt die Bartflechte im Finnischen. Vor vielen Jahren hat sich Dorothea Grünzweig aus Baden-Württemberg in den hohen Norden zurückgezogen. Von ihrem finnischen Dorf aus schickt sie nicht nur Lieder in die Welt, sie zieht auch los und sammelt finnische Wörter, sei es auf Reisen, sei es in Wörterbüchern. Diese Wörter, die zum Beispiel der samischen Mythologie entnommen sind, verbindet sie mit schwäbischen Kindheitswörtern wie "luderer", "biberle" oder "einschnurren". Als kleine Einsprengsel rauen sie die Oberfläche der Verse immer wieder auf, schließen sich mit versteckten Reimen kurz, die den erzählenden Grundton der Gedichte liedhaft anreichern.

Mit der Erinnerung an die Mutter tritt die eigene Kindheit hervor, das religiöse Elternhaus mit seinen Riten und Kirchenliedern, aber auch die Welt der Erzählungen mitsamt den "schlupflöchern" zu einer unfassbaren Sphäre: "legenden und mythen denken in uns seit unserer / kindheit (...) / haben das zeug sich über alle tage zu breiten / alle alle erdenklichen tage als wehrhaftes dichtes gefieder".

Die Kehrseite ist ein einfaches Abwehren aller Gegenwartsmomente

So wundert es kaum, dass Grünzweig nach dem Durchwandern des "trauerschlicks" den inneren Blick mit dem Blick nach außen verbindet und sich die Landschaft ersingt. Das Lied trägt nicht nur lautlich Leid und Liebe gleichermaßen in sich. Geleitet von der alten romantischen Idee, die Dichterin müsse die Namen befreien, die in den Tieren, Pflanzen und Steinen sitzen, schafft sie es in ihren stärksten Gedichten, zugleich Sprache als Sprache zu zeigen und aus Lautwirbeln, aus dem Brabbeln und Lullen der Wörter die Vorstellungen zum Klingen zu bringen: "laulaa singen / mit lintuja den vögeln / lallen mit allem laub".

Allerdings ist die Kehrseite dieses Versuchs, in den Sommer und sein Grün "ganz hineinzukommen", ein sehr einfaches Abwehren aller Gegenwartsmomente, die Pflanzen und Tiere vermeintlich gefährden. Anstatt die Kritik an einem Denken, das alles entfernt, "was kein geld bringt", genauso wundersam gebrochen und sprachlich verschlickt zu gestalten wie das Lob der Landschaft, greift Grünzweig zu platter Gegenwartskritik in Form von klaren Aussagen. Hier die "leisen wörter" des finnischen Dorfes, dort der "sprachlärm" der Stadt, hier die "huf- und tatzenspuren" der Tiere, dort "die jäger die zum morden in den norden fahren", hier "all you need is love", dort die "abgestumpften herzen". So gelingt es ihr nicht, die sprachlichen Strukturen der kritisierten Ideologie zu reflektieren, stattdessen wiederholt sie nur deren Sagweisen, die ganz auf Eindeutigkeit und Abgrenzung zielen. Und manchmal einfach Kitsch sind.

Viel lieber liest man Grünzweigs Gedichte, wo sie "wiegende worte" für die Mutter und die eigene Wahrnehmung findet. Und erinnert sich sehr gerne an die "drosseltrauer", die über dem Frühling liegt. An Formulierungen wie "kleines wärmchen". Oder an den "regen möglichkeitssinn", der beim Singen alter Lieder angefacht wird.

Dorothea Grünzweig: Plötzlich alles da. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 140 S., 24 Euro.

© SZ vom 30.10.2020

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