Philosophiegeschichte Abschied vom Willkürgott

Kurt Flasch erhellt das Denken Hans Blumenbergs in den Nachkriegsjahren.

Von Jürgen Busche

Der Bochumer Emeritus Kurt Flasch hat ein ausgezeichnetes Buch über den Philosophen Hans Blumenberg geschrieben. Selber Philosoph, ist Flasch als Mediävist eine der großen Koryphäen seines Fachs. Er hat sich wahrscheinlich deshalb auf die ersten zwanzig Jahre des Wirkens von Blumenberg beschränkt. Über diese Jahre wussten auch begeisterte Blumenberg-Leser bisher am wenigsten. Deshalb ist Flaschs Buch gerade für sie sehr wertvoll. Aber in weiten Teilen faszinierend zu lesen ist es für jedermann.

Eine Schwelle unter dem Boden ist wohl doch keine Schwelle

Flasch gibt eine ausführliche Darstellung der unveröffentlichten Hamburger Dissertation Blumenbergs von 1949. Hier kann er zeigen, wie sehr sich der Doktorand zumeist affirmativ auf Heidegger bezog. Heidegger war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben seinem Lehrer Edmund Husserl der wichtigste Philosoph in Deutschland. In der Polemik, die beide schließlich gegeneinander betrieben, stellte sich der 29-jährige Blumenberg zwanzig Jahre später ganz auf die Seite Heideggers.

Aber die Stoßrichtung der Arbeit "Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlichen-scholastischen Ontologie" war gegen eine berühmte These Heideggers gerichtet. Dessen großes Werk "Sein und Zeit" beginnt mit der Behauptung, dass die Frage nach dem Sein seit Platon in Vergessenheit geraten sei. Unter Gebrauch der phänomenologischen Methode Husserls - Husserl sah Missbrauch - entwickelte Heidegger eine Fundamentalontologie, für die er vieles von dem, was Husserl lehrte, beiseite schieben musste. Blumenberg befand, da habe Heidegger recht daran getan, aber das mit dem "Vergessen" seit Platon stimme nicht. Die großen Philosophen der Christenheit seien genau dieser Frage nachgegangen und hätten sie mit dem Schöpfergott beantwortet, der alles aus dem Nichts erschafft. Flasch zeigt nun bei-den, Heidegger und Blumenberg, was mediävistisch eine Harke ist.

Auch in Blumenbergs schon zwei Jahre später vorgelegter Habilitationsschrift "Die ontologische Distanz" geht es um die gegensätzlich gewordenen Positionen von Husserl und Heidegger, und wieder stimmt Blumenberg dem Letzteren zu. Dann kommt lange Zeit kein größeres Buch. Blumenberg schreibt viele Aufsätze, auch in Tageszeitungen, und genießt Ausflüge in die Literaturkritik. Da gefällt Flasch manches nicht, was der junge Katholik zu Papier bringt. Besonders beim Thema Ernst Jünger wittert er Anbiederung an ein konservatives Publikum.

1960 schließlich erschien das kleine Buch "Paradigmen zu einer Metaphorologie". Blumenberg lehrt darin seine Leser, Metaphern auch in der Philosophie ernst zu nehmen. Sie sind ähnlich wichtig wie Begriffe. Es wurde sein folgenreichstes Buch, wichtig für etliche geisteswissenschaftliche Disziplinen. Flasch präsentiert es gründlich, moniert aber sein Erscheinen in einem von Erich Rothacker herausgegebenen Periodikum, weil dieser ein Nazi gewesen sei. Überhaupt kreidet er Blumenberg Höflichkeit gegen ehemalige Nationalsozialisten an.

Ein Philosoph in der Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik": Hans Blumenberg, hier auf einem Foto aus den 1970er-Jahren.

(Foto: dpa)

1966 kommt das Buch "Die Legitimität der Neuzeit", ein Paukenschlag. Seit Jahrzehnten hatte die Neuzeit in Deutschland in schlechtem Ruf gestanden. Vorgeworfen wurde ihr die entfesselte Wissenschaft, der Machbarkeitswahn, Hauptschuldiger war ihr Vollender Descartes gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte der katholische Theologe Romano Guardini ein Büchlein "Ende der Neuzeit", das zum Bestseller wurde. Blumenberg behauptete nun, mittelalterliche Philosophie, hoch entwickelte Scholastik, die Renaissance und die Fortschritte in den Wissenschaften - Kopernikus, Galilei - hätten es nach und nach intelligenten Europäern unmöglich gemacht, weiterhin an den "Willkürgott" zu glauben, also den Gott, den Augustinus und die großen Lehrer der Kirche gelehrt hätten. Der Gott, der dem Menschen keine Freiheit ließe - Esau ist schon im Mutterleib von Gott gehasst und sein Zwillingsbruder Jakob von ihm geliebt - sei nicht hinnehmbar.

Flasch: "Blumenbergs These, Theorien über den spätmittelalterlichen Willkürgott hätten die Rebellion der Neuzeit hervorgerufen und das mache sie legitim, nennt als wesentlichen Auslöser der Selbstbehauptung den Nominalismus. Wie von Heidegger vorausgesehen, hätte wieder einmal ein Intellektueller - diesmal Wilhelm von Ockham - die Epoche angestiftet. Das hat ihm Kritik eingetragen. Er assoziiert: Spätes Mittelalter mit Nominalismus, Voluntarismus, Willkürgottheit und bewertet die davon provozierte Neuzeit als berechtigte, humane Selbstbehauptung gegen theologischen Absolutismus." Der Nominalismus, schreibt Blumenberg, habe die "Destruktion des human relevanten und verläßlichen Kosmos" gründlich besorgt.

In diesem Kapitel gerät Flasch, der jüngst ein Buch schrieb, warum er kein Christ sei, in das frischeste Fahrwasser, er kanzelt Blumenberg ab, das es eine Art hat, er ist der kompetente Mediävist. Aber mit Respekt vor des Autors großem und überaus gelehrtem Werk in den Büchern nach 1966 tut er es hier, ohne bissig oder gar böse zu werden. Allenfalls wird er höhnisch. Er verwirft Blumenbergs Rede von einer Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die gebe es nicht. Und wenn, dann sei es ein Zeitraum von 150 Jahren. Blumenbergs Ausrede, das sei eine untergründige Schwelle, begegnet er mit dem Hinweis, eine Schwelle unter dem Boden sei eben keine Schwelle. Bedauerlich ist, dass Flasch die Mediävistin Anneliese Maier, deren in Rom entstandenes Riesenwerk über die gelehrte Welt in Mittelalter und Renaissance Blumenberg in den Fünfzigerjahren mit einer fünfzig Seiten langen Rezension in der Philosophischen Rundschau gewürdigt hatte, zwar oft erwähnt, aber sie zur "Handschriftenforscherin" degradiert und nicht näher vorstellt - was er bei anderen gern tut. Anneliese Maier war die Tochter des Berliner Philosophen Heinrich Maier. Und was hatte sie wohl in den Dreißigerjahren nach Rom und in den Vatikan gebracht? Flaschs Buch endet mit der Vorstellung der wichtigsten Reaktionen auf das Legitimitätsbuch: Wie kann man nach der Säkularisation noch vernünftig und zugleich Christ sein?

Der Bruch mit dem katholischen Milieu wird von beiden Seiten als heftig erlebt worden sein

Das alles ist sehr lehrreich und oft vergnüglich zu lesen. Flasch macht Witzchen wie viele Professoren, die ihre Studenten in der Vorlesung wach halten wollen. Er gibt auch etliche Hinweise zu Blumenbergs Leben. Und da wird sein umfangreiches Buch problematisch. Er nennt Blumenberg einmal einen eigenwilligen Katholiken, kommt auch oft darauf zu sprechen, dass diese oder jene Tendenz in Blumenbergs Argumentationen typisch katholisch sei. Aber ansonsten hält er das Katholische in der Biografie des Philosophen überraschend im Abseits. Das beginnt mit der Erzählung, dass dem Lübecker Abiturienten, der 1939 als Halbjude nicht studieren durfte, vom Vater geraten worden sei, an einer kirchlichen Hochschule Theologie zu studieren und sich dabei auf die Philosophie zu konzentrieren. Das gibt Flasch klugerweise in indirekter Rede wider. Tatsächlich hat sich Blumenberg ausweislich seiner reichhaltigen Privatbibliothek schon als Schüler auf das Theologiestudium vorbereitet, und zwar mit dem Blick auf das Priesteramt. Was man aus Paderborn, wo er zunächst hinging, eruieren kann, bestätigt die Ernsthaftigkeit dieses Ziels. Der Wechsel nach drei Semestern zu den Jesuiten nach St. Georgen erfolgte mit dem Segen seines Osnabrücker Bischofs.

Das der 27 Jahre alte Student in Hamburg 1947 einen langen Aufsatz über Pascal in einer renommierten Zeitschrift veröffentlichen konnte, die in einer anderen Besatzungszone erschien, deutet auf mehr als nur gute Vernetzung im katholischen Akademikermilieu hin. In den Fünfzigerjahren schrieb Blumenberg für das katholische Hochland eine Reihe brillanter Schrift-steller-Porträts, so über Evelyn Waugh, William Faulkner und andere gleichen Ranges. Flasch erwähnt das beiläufig, geht aber nicht darauf ein. Dabei bereitet sich hier das Arbeitsfeld vor, auf dem der Autor einmal große Erfolge erzielen sollte.

In der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre müssen dann Beziehungen zerbrochen sein. Blumenberg behauptete oft, seit 1950 ("Holzwege") nichts mehr von Heidegger gelesen zu haben. Der Bruch mit dem katholischen Milieu wird von beiden Seiten her als heftig erlebt und empfunden worden sein. Wie ist es erklärlich, dass im Philosophischen Jahrbuch, Blumenbergs erstem Publikationsort, in den Jahrzehnten, in denen Buch um Buch von ihm herauskam, kein einziges davon behandelt wurde?

Bei Flasch erfährt man davon nichts. Das kommt vielleicht nicht von ungefähr. Es gibt Blumenbergianer, die alles Katholische aus dem Bild ihres Helden entfernen wollen - soweit das geht. Was sie antreibt, weiß kein Mensch. Womöglich meinen sie, dem Wunsch des verehrten Philosophen zu entsprechen. Für Biografen ist das schlecht. Kurt Flasch hat ein sicherlich bedeutendes Werk zur Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben, aber keine Biografie.

Kurt Flasch: Hans Blumenberg. Philosoph in Deutschland. Die Jahre 1945 bis 1966. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2017. 620 Seiten, 98 Euro.