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Philosophie des "Wir":Leuchtende Quadrate

Portrait of Tristan Garcia 24 09 2016 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright Jean FrancoisxP

Einer der produktivsten Autoren Frankreichs: der 37-jährige Philosoph Tristan Garcia.

(Foto: imago/Leemage)

Der französische Philosoph Tristan Garcia erklärt politische Identitäten anhand von Geometrie. Vielleicht übersieht er deshalb einen zentralen Begriff: Solidarität.

Von Birthe Mühlhoff

Fast stündlich, so scheint es, kommt zurzeit "das Buch zur Stunde" auf den Markt. Mal geht es darum, wie man mit Rechten redet, mal darum, wie man mit Linken lebt, oder wie man sich "desintegriert". Und in all diesen Büchern schwingt dieselbe Frage mit: Wie soll das gehen, und wollen wir das überhaupt?

Der französische Autor Tristan Garcia ist Philosoph und betrachtet das ganze Gewusel dementsprechend mit einem gewissen Abstand. In seinem neuen Buch "Wir" geht es weder um Nazis noch um Antirassisten, Schwarze, Weiße, Frauen und auch nicht um Feministen. Sondern um das, was diese Menschen trennt oder verbindet. Garcia versucht, zum Kern der Sache vorzustoßen, zum alles erklärenden Prinzip, das den gesellschaftlichen Streitereien zugrunde liegt. "Erkennen wir es an: 'Wir' ist das Subjekt der Politik" - das ist der erste Satz seines 300 Seiten starken Essays.

"Wir" - das ist gleichzeitig Problem und Lösung; ein Wort, das zu eng und zu weit ist, das lauter verschiedene Dinge bedeuten kann von der Kleinfamilie bis zur Menschheit insgesamt. Von der politischen Gesinnung bis hin zur ethnischen Zugehörigkeit und Hautfarbe, vom Geschlecht und der sexuellen Orientierung bis hin zur Generation, der man zu einer gewissen Zeit angehört. Denn "mia san mia", so simpel ist es leider nicht. Garcia greift zur Vereinfachung auf geometrische Metaphern zurück. Konzentrische Kreise, angeordnet in halbdurchsichtigen Schichten, von denen notwendigerweise immer eine zuoberst liegt: So verbildlicht er, dass man sich in einer bestimmten Situation als Frau /Mann angesprochen (oder diskriminiert) fühlt oder als junger /alter Mensch, als Hetero- oder Homosexueller. Im Grunde liefert er damit ein Bild für das Problem, das der französische Soziologe Didier Eribon in "Rückkehr nach Reims" von 2016 beschrieb: Als Homosexueller und Arbeiterkind aus der Provinz sah er sich vor die Frage gestellt, welche dieser Identitäten auf dem Kartenstapel zuoberst liegen und welche, verleugnet, untergemischt werden sollte. Diese Konfliktlinien verlaufen zwischen Personen und Personengruppen und sogar innerhalb von Persönlichkeiten. Ist Garcias Buch also das Buch zur Stunde? Sicher ist: Der Suhrkamp-Verlag hat einiges dafür getan, das zu verhindern. Die Übersetzung des 75-jährigen Ulrich Kunzmann ist spröde, wegen des Covers will man beinah das Jugendamt anrufen. Der Titel prangt in großen Lettern, die einen knallroten Kreis bilden, auf weißem Grund - eine unfreiwillige Imitation der japanischen Flagge. Man hat in den letzten 30 Jahren digitaler Typografiegestaltung wahrlich schon schönere Rundungen gesehen, und vor geschätzten 20 Jahren auch aufgehört, Buchstaben einen gräulichen Schlagschatten zu verpassen.

Fest steht aber auch, dass Tristan Garcia sein Buch durchaus mit dem Ziel geschrieben hat, es einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Garcia schreibt kurz und knapp, klar strukturiert. Das ist einer der wenige Gründe, warum man ihn mit dem deutschen Modephilosophen Byung-Chul Han vergleichen kann, der mit seinem Essay über die "Müdigkeitsgesellschaft" 2010 einen für einen Philosophen zurzeit seltenen Bekanntheitsgrad erlangte. Den Vergleich mit Han zogen die Rezensenten dann auch ausgiebig, als vor einem Jahr "Das intensive Leben" von Garcia auf Deutsch erschien, ein Essay über den Begriff der Intensität, das zunächst als Kapitel des vorliegenden Buches geplant worden war.

Garcia ist aber nicht nur methodisch sorgfältiger als Han, sondern auch besser gelaunt. Mit den kulturpessimistischen Diagnosen, die die Bücher von Han zunehmend unlesbar machten, hält sich Garcia nicht lange auf. All das, was das Thema seines Buches so wichtig macht, was im Buch selbst aber gar nicht wichtig ist, erwähnt er nur beiläufig: Die Spaltung der französischen Gesellschaft, die Krise des Parteiensystems, die Sprachverwirrung über "politische Korrektheit", über Gendergerechtigkeit und Identity Politics, die Debatten um Filterblasen und Radikalisierung.

Wenn Garcia einen Begriff analysiert, geht er meist so vor, als würde er sich fragen: Wie viel hält dieser Begriff aus? Wie weit kann man ihn dehnen - und wie weit zusammenpressen? Man kann mit "Wir" die ganze Menschheit meinen oder alles, was lebt. Das ist das Ideal des Humanismus, des Christentums und - als klassenlose Gesellschaft - des Kommunismus. Dem stellt Garcia Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung gegenüber, die das "Wir" so klein wie möglich fasst. "Wir" gegen "Euch". Garcias Schluss: Je kleiner das "Wir" ist, desto klarer und stärker tritt es hervor und desto intensiver wird es erlebt. Je weiter man das "Wir" fasst, desto mehr Risse bekommt der Kreis, desto mehr Spaltungen treten im Inneren auf und desto blasser ist es. Das Problem des Buches aber liegt darin, dass Garcia überhaupt voraussetzt, dass ein "Wir-Gefühl" notwendig ist, damit Politik stattfindet. Eine gute Begründung, warum das der Fall sein sollte, bleibt er schuldig.

Zwar unterscheidet Garcia zwischen einem "Wir der Idee", für das man sich freiwillig entschieden hat (wie zum Beispiel eine politische Ausrichtung), und einem "Wir des Interesses", für das man nichts kann, ein Wir, das sich beispielsweise durch die Hautfarbe ergibt. Doch das hört sich an, als müsste man, um gegen Ausländerfeindlichkeit aktiv zu werden, entweder selbst Ausländer sein oder ein Aktivist, der in entsprechenden Kreisen verkehrt - in jedem Fall aber ein Teil eines kohärenten "Wir" sein. Doch das ist nicht der Fall.

Wer nach dem Anschlag auf die französische Zeitschrift Charlie Hebdo ein "Je suis Charlie"-Bild teilte, um Mitgefühl und die Wertschätzung von Pressefreiheit auszudrücken, der hat damit noch nicht behauptet, dass er irgendwas sei oder zu irgendetwas gehöre (und damit den Begriff des "Wir" ausgehöhlt, wie Garcia nahelegt). Anders gesagt: Garcias Modell lässt keinen Platz für Solidarität. Es scheint, als habe sich Garcia, der vielen Abgrenzungen und Abspaltungen eigentlich müde, mit seiner Analyse nur noch mehr an einem Identitätsbegriff festgebissen. Wie einer, der irritiert beobachtet, wie sich Menschen in ihren Grabenkämpfen die Köpfe einschlagen, und dann anmerkt, dass es doch um die Hügel geht, nicht um die Gräben.

Die Linguistin Marielle Macé machte letztes Jahr in einer Ausgabe der französischen Zeitschrift Critique auf das Problem aufmerksam, dass die erste Person - ich und wir - nicht so funktioniert wie die dritte Person - er/sie/es und sie. "Wir" ist nicht einfach der Plural von "Ich", so wie zwei Äpfel eine Mehrzahl von einem Apfel darstellen. "Wir" ist nämlich keine Anzahl, sondern eine Beziehung. Deshalb macht es wenig Sinn, das Wir als einen Kreis zu denken - eher wäre es eine Linie zwischen Punkten. Die geometrischen Bilder, die Garcia verwendet, sind zwar geeignet, um gewisse Konflikte zu veranschaulichen. Kämen Außerirdische auf die Erde, würde man ihnen Garcias Buch aber wohl nicht in die Hand drücken, um ihnen nahezubringen, wie Menschen ihre Gemeinschaften bilden und Konflikte untereinander austragen. Sie würden wahrscheinlich den Eindruck bekommen, Politik liefe ab wie "1, 2 oder 3", diese Quizshow für Kinder, die seit 1977 im deutschen Fernsehen läuft. Um auf eine Wissensfrage zu antworten, hopsen die Kinder auf wild leuchtenden Quadraten hin und her, bevor sie sich für ein Feld entscheiden. "Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht" raunt es dann aus dem Off, und schön wäre es, gäbe es das in der Politik. Aber es ist nicht Garcias Anliegen, Außerirdischen die Welt zu erklären. Im Gegenteil, Garcias Buch ist als philosophische Ergänzung zu den Debatten zu verstehen, die jetzt und hier in den Zeitungen und im Internet geführt werden. Sich ausklinken aus der Hektik der Gegenwart, ohne sich von ihr abzuwenden - das ist das große Potenzial von Philosophie. Und es ist eine riesige Herausforderung.

Am Ende des Buches bleibt auch vieles offen. Für die Zukunft hofft Garcia, dass sich ein neues Wirgefühl einstellt, das stärker ist als die Differenzen zwischen uns, ohne diese jedoch zu nivellieren. Er zählt dabei auf alle, die einmal Abstand gewinnen wollen zum Tagesgeschehen und zu den Grabenkämpfen. Ein weiteres Potenzial der Philosophie: Gedanken, die nirgendwohin führen, die sich festgefahren haben, können manchmal dennoch Ausgangspunkt für neue Überlegungen sein. Uneinverstanden sein: Damit fängt das Gespräch überhaupt erst an.

Tristan Garcia: Wir. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 332 Seiten, 28 Euro.

© SZ vom 19.10.2018
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