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Persönliche Literaturgeschichte:Schreiben als Rettung

Gabriel Garcia Marquez, Fidel Castro

Im Zuge der kubanischen Revolution 1959 lud Fidel Castro den Reporter Gabriel García Márquez auf die Insel ein. Beide blieben Freunde: Hier sind sie im März 2000 zu sehen.

(Foto: Jose Goitia/AP)

Ein politischer Streifzug durch 500 Jahre Literatur: Als Lektorin hat Michi Strausfeld Lateinamerikas größte Autoren nach Deutschland gebracht. Davon erzählen ihre Erinnerungen an ihr literarisches Leben.

Lateinamerika ist in Aufruhr. Proteste und Ausschreitungen prägen in diesen Wochen das Bild des Kontinents, und wer verstehen will, was dort passiert, kommt schnell an eine Grenze, wenn er oder sie nur Politikern zuhört. Wer Lateinamerika historisch, politisch und sozial verstehen will, muss seine Literatur lesen. Schriftsteller sind zwischen Rio Grande und Feuerland die eigentlichen Chronisten ihrer Länder, sie sind es, die enormen sozialen Spannungen, die den Halbkontinent prägen, nachvollziehbar machen.

Oft werden sie als höchste moralische Autoritäten ihrer Länder verehrt; nicht selten steigen sie selbst in die Politik ein. Der Autor und Journalist Domingo Faustino Sarmiento war Präsident Argentiniens, Mario Vargas Llosa wollte es in Peru werden. Er scheiterte zwar, doch er ist noch heute die Stimme der lateinamerikanischen Rechtsliberalen - so wie es Gabriel García Márquez auf der Linken war.

Die Verse Mario Benedettis halfen seinen Landsleuten, die Diktatur in Uruguay zu überstehen. Pablo Neruda und Carlos Fuentes waren im diplomatischen Dienst Chiles und Mexikos, weil sich die jeweiligen Regierungen ihre Rolle als oberste Botschafter der Kultur zunutze machen wollten.

Michi Strausfeld gebührt das Verdienst, die Bedeutung der Literaten für Lateinamerika nun umfassend beschrieben zu haben, und man möchte sagen: wer, wenn nicht sie? Dass deutsche Leser Jahrhundertwerke wie "Hundert Jahre Einsamkeit" oder "Das Geisterhaus" überhaupt in die Hand bekamen, haben sie der Verlagslektorin und Agentin von Suhrkamp und später Fischer zu verdanken.

Augusto Roa Bastos glaubte, dass die "Literatur Lateinamerika retten wird"

Von Barcelona aus sondierte, sammelte, sichtete Michi Strausfeld seit Ende der Sechzigerjahre Neuerscheinungen von jenseits des Atlantik und brachte sie auf den deutschen Buchmarkt. Barcelona war damals - vor der fast vollständigen Katalanisierung des kulturellen Lebens - das "Mekka des lateinamerikanischen Literaturbetriebs", wie Strausfeld schreibt.

Ihr Erinnerungsband "Gelbe Schmetterlinge" ist ein politisches Buch, wie die Autorin betont, denn "Literatur und Politik sind in Lateinamerika untrennbar verbunden". Als Kronzeuge wird García Márquez zitiert, der sagte: "In Wirklichkeit gibt es keine einzige Zeile in meinem gesamten Werk, die nicht auf Wirklichkeit beruht".

Der Auftrag der Lateinamerikaner an ihre Schriftsteller ging über das Beschreiben hinaus, meint Strausfeld: Er habe darin bestanden, den Kampf für mehr Gerechtigkeit und gegen Imperialismus, Korruption, tradierte Missstände, eben gegen "die monströsen sozialen Ungerechtigkeiten zu führen", an denen die Politiker und Revolutionäre gescheitert waren. In den Sechzigerjahren hätten die Lateinamerikaner ihren Schriftstellern mehr vertraut als ihren Volksvertretern. Der Paraguayer Augusto Roa Bastos etwa, ein minutiöser Erkunder der Macht, glaubte sogar, dass die "Literatur Lateinamerika retten wird".

Das ist zwar nicht passiert, doch Autoren, die es versucht haben, hat es viele gegeben. Michi Strausfeld kannte die Größten von ihnen: Sie ließ sich von García Márquez in die Mechanismen der Macht einführen, brachte Carlos Fuentes und Günter Grass in Mexiko-Stadt zusammen. Der schüchterne Juan Rulfo hinterließ ihr ein Feuerzeug. Sie spazierte mit Julio Cortázar durch Paris. Sie schipperte mit Mario Vargas Llosa auf dem Amazonas herum, und sie holte die jungen Vertreter der neuesten Gattung lateinamerikanischer Literatur, der literarischen Reportage, nach Deutschland. Genug Material für ein Buch, sollte man meinen, doch Strausfeld wollte mehr: sie hat sich vorgenommen, auf 568 Seiten die gesamte Geschichte Lateinamerikas Revue passieren zu lassen - gesehen durch die Augen seiner Autoren.

Strausfeld lebt ein Leben für Lateinamerika, erzählen lässt sie lieber andere

Da kommen sie alle zu Wort, von dem spanischen Mönch Bartolomé de las Casas und seinem "Bericht über die Verwüstung der Westindischen Ländern" bis zu dem uruguayischen Schriftsteller José Enrique Rodó, der in seinem Werk "Ariel" das lateinamerikanischen Wesen beschrieb: als einen poetischen und idealistischen Luftgeist, eine "höhere Empfindung", die "Geistigkeit, die Ordnung des Lebens, Inspiration des Denkens, Heldentum des Handelns, Verfeinerung der Sitten" bedeute - im Gegensatz zum Utilitarismus und Positivismus, mit dem die USA die reale Welt eroberten. Manchmal spürt man beim Lesen, wie die Autorin vor dem Wunsch bald geplatzt sein muss, alles, zu erzählen, was sie weiß. Das führt dazu, dass der Trip manchmal in den Urwald führt. Die Reise mit ihr durch die lateinamerikanische Buchwelt ist mal faszinierend und bunt, mal aber auch ein verwirrender Weg in die Zitatensumpf. Eben war man noch bei Garcilaso de la Vega, da ist man plötzlich beim Boom der Sechzigerjahre und Isabel Allende.

Gerade an den Stellen, die den Leser am meisten neugierig machen, nämlich bei den persönlichen Begegnungen, bleiben Strausfelds Schilderungen hingegen mitunter karg. Der Besuch bei Isabel Allende? "Verlief mehr als kurzweilig". Oder: "Octavio Paz erzählte Geschichten aus seinem Leben." Ja, aber welche denn nun? Nur in einigen Fällen erlaubt sich Strausfeld tiefere Schlussfolgerungen über die von ihr Zitierten, etwa über die Scheu eines Gabriel García Márquez, seine "Verweigerung, im Literaturbetrieb mitzumachen". Der Autor, der die Einsamkeit Lateinamerikas erzählt habe, sei in der "Einsamkeit des eigenen Ruhms gefangen" geblieben.

Die Zurückhaltung, ja Diskretion der Autorin, mag in der Scheu begründet liegen, private Begegnungen mit Freunden auszubreiten, die diese Autoren ja fast alle für Michi Strausfeld waren und sind. Das ist ein ehrenwerter Ansatz, aber so bleibt Vieles im Anekdotischen stecken. Vielleicht spiegeln sich in dieser Diskretion ja letztlich auch nur die Bescheidenheit und Zurückhaltung vieler Autoren wie Rulfo oder Onetti. Oder aber die Bescheidenheit und Zurückhaltung der Autorin selbst, die ein großes literarisches Leben für Lateinamerika lebt - aber von ihrem Kontinent lieber durch die Worte anderer erzählt.

Michi Strausfeld: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren: Lateinamerika erzählt seine Geschichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 576 Seiten, 26 Euro.

© SZ vom 24.01.2020
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