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Performance:Packen wir's an

Macht aus Zuhörern Akteure: Der Performancekünstler Christian Falsnaes bei der Aktion "Opening" in Berlin.

(Foto: KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2013)

Christian Falsnaes motiviert die Massen. Nun bespielt er in Schwabing den Kunstraum BNKR mit einer Aktion, der sich kein Besucher entziehen kann

An diesen Mauern würde er scheitern. Den meterdicken Wänden des Kunstbunkers an der Ungererstraße könnte der Künstler Christian Falsnaes mit seiner Performance nichts anhaben. Doch wenn man sieht, wie er sich bei früheren Aktionen an den Wänden vergriffen hat, kommt man schon ins Grübeln, wie das hier enden könnte. Falsnaes wird mit einer seiner Performances, die immer auch raumgreifende Inszenierungen sind, den Abschluss der künstlerischen Interventionsreihe "Im Raum mit . . ." im BNKR gestalten.

Christian Falsnaes, geboren 1980, stammt aus Kopenhagen, wo er mit Graffitikunst erstmals von sich Reden machte. Nach ein paar Semestern Philosophiestudium ging er zunächst nach Zürich, dann nach Wien, studierte von 2005 bis 2011 an der Akademie der bildenden Künste bei Daniel Richter, Peter Kogler und Constanze Ruhm. Seit einigen Jahren lebt Falsnaes nun in Berlin.

Einige seiner bekanntesten Aktionen fanden auf der Art Basel Miami Beach sowie auf der Art Basel in Basel statt. Seine Aktionen wurden in mehreren Institutionen in Berlin, in der Kestnergesellschaft Hannover und im Centre Pompidou Paris gezeigt. Wenn es darum geht, dass Bildende Künstler der jüngeren Generation mit Grenzüberschreitungen auffallen, wird sein Name oft genannt. Vergangenes Jahr war er als einer von vier Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie in Berlin nominiert.

Seit zwei Tagen ist der 35 Jahre alte Künstler nun in München, hat bei der Jour-Fix-Reihe an der Kunstakademie einen Vortrag gehalten und sich den Fragen der Studenten gestellt. Falsnaes interessiert sich vor allem für die Umstände, unter denen Kunst entsteht. Er macht das Publikum zu Akteuren, löst starke Emotionen aus, will die Handelnden aber zugleich auf eine Reflexionsebene heben. "Der Kunstkontext ermöglicht eine Distanz, aus der heraus man die Dinge, die man tut, analysieren kann", ist Falsnaes überzeugt. Die Ausstellung schaffe ein Format, in dem der Betrachter auch als Akteur seine Rolle reflektiere. Das sei im Theater ganz anders. Dort werde "eine Illusion kreiert", es herrsche "eine Obrigkeitshörigkeit wie in der Kirche".

Seine Arbeiten entstehen also nur mit Hilfe des Publikums. Überraschten Vernissage-Besuchern stellt er sich in der Regel höflich als "der Künstler" vor - um sie dann immer tiefer in die Interaktion zu treiben. Bisweilen peitscht er die Akteure geradezu auf, lockt, fordert, drängt, lässt nicht locker. Plötzlich tanzen sie gemeinsam, tragen den Künstler auf Händen, küssen sich, sprühen oder bemalen in berserkerhaften Aktionen Wände oder stürzen sich auf Aufforderung Falsnaes' mit Kettensägen darauf, um sie zu bearbeiten.

Mitmach-Kunst? Ja. Distanz? Fraglich. Wer anfangs zurückhaltend auf die subtile Verlockung reagiert, kann sich alsbald dem Prinzip von Autorität und Unterwerfung kaum noch entziehen. Wenn sich die zufälligen Akteure aber ganz den künstlerischen Anweisungen überlassen, wird es ihnen schwer fallen, die Distanz zum eigenen Handlen zu wahren. Es ist in jedem Fall ein bewusst manipulativer Gestus, der ohne Skript eine Kunst aus dem Moment heraus schafft.

In jüngster Zeit zieht sich Falsnaes bei seinen Aktionen oft aus der Rolle des Anweisers zurück. Er sei mehr und mehr zu einer "Celebrity in der eigenen Arbeit" geworden. "Das gefällt mir nicht, denn dann stehe ich meiner Arbeit mit meiner eigenen Präsenz im Wege." Nun bringen also andere die Betrachter dazu, zu Hauptakteuren zu werden.

Im BNKR wird man sehen, inwieweit sich die Besucher darauf einlassen. Im besten Fall soll jeder, der eintritt, zum Akteur werden. Schließlich ist er dafür ja auch "im Raum mit - Christian Falsnaes".

Performance Christian Falsnaes "the excluded middle", Donnerstag, 14. Juli, 19 Uhr, in der Reihe "Im Raum mit_Fattinger Orso, Julia Willms, Constantin Luser, Peter Kogler, Christian Falsnaes", BNKR, Ungererstr. 158

© SZ vom 14.07.2016
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