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Pause von One Direction:"Die Trennung einer Boygroup reißt kein Loch mehr"

One Direction machen Pause - und die Anhängerschaft reagiert nicht hysterisch, sondern verständnisvoll. Was ist mit den Teenie-Fans los?

Interview von Johanna Bruckner

Was in den Achtzigern die New Kids on the Block waren, in den Neunzigern Take That und in den Nullerjahren Tokio Hotel, sind heute One Direction. Jetzt hat die britische Band, die 2010 aus der Castingshow The X Factor hervorging, eine einjährige Pause angekündigt. Doch die Hysterie bleibt aus - warum nur? Michael Huber ist Musiksoziologe an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Er erklärt die neue Gelassenheit von Boygroup-Fans.

Herr Huber, anstatt auszuflippen, sichern die One-Direction-Fans der Gruppe ihre Unterstützung zu. Was ist los mit dem Teenie-Fan von heute?

Michael Huber: Den Teenie-Fan wie vor 20 Jahren bei Take That gibt es nicht mehr. Durch das Internet und die sozialen Medien haben sich der Zugang zur Musik und die Art und Weise, wie man seine musikalischen Vorlieben lebt, verändert.

Inwiefern?

Die Informationen, die früher in der Bravo standen, über das Jugendradio oder Fanclubs verbreitet wurden, werden heute über die sozialen Medien kommuniziert. Das gibt Fans die Möglichkeit, sich dazu zu positionieren. Beispiel Youtube: Dort kann ich Musikvideos nicht nur liken, sondern auch kommentieren. Der jugendliche Musikfan hat heute keine passive Rolle mehr, sondern eine aktive.

Und er ist aufgeklärter, verschreibt sich nicht mehr mit Haut und Haaren einem Idol?

Es gibt Indizien, die dafür sprechen. Früher gab es nur Musik, Kino und Zeitschriften - und diese Dinge waren nicht kombinierbar. Das ist heute anders: Es gibt Anbieter, die ihre Nutzer mit einem Rundum-Entertainment-Paket versorgen. Musik ist also kein zentrales Thema mehr, sondern eine Unterhaltungsmöglichkeit von vielen. Das könnte bedeuten, dass man sich nicht mehr so stark hineinziehen lässt in eine leidenschaftliche Fanschaft. Und wenn etwas jederzeit, relativ einfach und billig verfügbar ist, wird es auch nicht mehr so mit Werten und irrationalen Bedeutungen aufgeladen. Musik ist alltäglicher und profaner geworden.

Aber sind Vorbilder - auch musikalische - nicht immer noch wichtig für die Identitätsfindung Jugendlicher?

Natürlich sind Fragen rund um das eigene Ich nach wie vor wichtig. Der Unterschied ist: Früher hat man sich über sein musikalisches Idol definiert, dessen Talente und Eigenschaften man bewunderte oder in das man verliebt war. Heute findet diese Imagearbeit mehr über die eigene Person statt und nicht mehr so sehr über Objekte, mit denen man identifiziert werden möchte. Es ist nicht mehr so wichtig, Fan eines bestimmten Musikers oder einer bestimmten Band zu sein, um im Freundeskreis angesehen zu werden - es geht darum, wie viele Freunde man bei Facebook hat und wie viele Likes man auf seine Postings bekommt. Und der Teenager prägt sein Image selbst: Drücke ich meine Gunst aus, indem ich die Seite eines Musikers favorisiere?

Ist die Hysterie um Boybands also ein Zeitgeist-Phänomen der Neunziger?

Eine gewisse Hysterie gehört auch heute noch zum Fansein dazu, nicht nur bei Boybands. Auch weil die Musiker sie teilweise selbst befeuern. Das hat mit der Janusköpfigkeit des Internets zu tun: Einerseits haben Plattformen wie Youtube den Musikmarkt demokratisiert - ich brauche heute keine Institution mehr, die mir gnädigerweise einen Plattenvertrag gewährt. Andererseits ist das Grundrauschen im Internet so laut, dass ich als Musiker sehr viel dafür tun muss, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen. Lady Gaga macht das mit ihren skurrilen Auftritten und verrückten Kostümierungen sehr geschickt. Und man darf nicht vergessen: Auch wenn die Yellow Press in England immer noch stark ist und einen wahnsinnigen Druck auf Künstler ausüben kann - insgesamt haben die Boulevardmedien an Wirkungsmacht eingebüßt.

Die Boulevardpresse hat an Bedeutung eingebüßt?

In dem Moment, in dem etwas in der Boulevardpresse steht, haben die Fans das längst via Facebook oder Twitter mitbekommen. Bei One Direction gab es ja schon vor einem halben Jahr, nach dem Ausstieg von Zayn Malik, Gerüchte über eine Auflösung. Deshalb ist die Schockwirkung jetzt auch nicht so groß. Die Band hat auch sofort via Twitter reagiert: "Leute, regt euch nicht auf! Ja, wir machen eine Pause - aber wir wollen zurückkommen." Die Teenager von heute wachsen mit dem Wissen auf, dass sich die meisten Boybands irgendwann trennen, es ist nicht mehr so etwas Neues und Überraschendes, wenn es passiert.

Stichwort: "aktiver Fan". Innerhalb der One-Direction-Fanschaft gibt es eine feste Gruppe, die sogenannten "Larry Stylinsons", die von einer schwulen Beziehung zwischen zwei Mitgliedern ausgeht. Wie kommt es zu so etwas?

Möglicherweise ist es der Versuch, die eigene Fanschaft zu etwas Besonderem zu machen, indem man sie mit einem Geheimnis besetzt. Nach dem Motto: "Ich weiß etwas über One Direction, das ihr anderen Fans nicht wisst!" Es ist ja heute wahnsinnig schwierig für Teenager, noch mit einem Informations- oder Beziehungsvorsprung bei den Freunden zu punkten. Wenn ich seinerzeit als erster die neue Platte der Beatles hatte, war ich damit der Star meines Freundeskreises. Heute kann ich das vergessen: Einmal auf Youtube geschaut und der andere weiß genauso viel wie ich. Und mit einem Klick ist er ebenfalls auf Facebook mit meinem Star befreundet. Das vermeintliche Insiderwissen dieser Subgruppe ist vielleicht eine härtere Währung als alles, was ich auf meinem Smartphone ganz einfach reproduzieren kann.

Fällt es heute nicht schwerer, einer Bouygroup-Fanschaft zu entwachsen? Weil man über die sozialen Medien ständig in Kontakt ist mit seinem Star - ihm sogar noch folgen kann, wenn die Band nicht mehr existiert.

Ich glaube nicht, denn das Fansein ist weniger intensiv. Es ist eingebunden in alltägliche Handlungen: Ich manage meine Fanschaft nebenher auf dem Smartphone. Deshalb ist der Ausstieg leichter möglich und der Schock nicht so groß, wenn dieser Teil meines Alltags wegfällt - die Trennung einer Boygroup reißt kein Loch mehr in ein Teenagerleben. Eben auch, weil man seinem persönlichen Liebling immer noch über die sozialen Medien folgen kann.

© SZ.de/feko/leja
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