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Patrick Leigh Fermor:Kleine Autobiografien

Bonvivant, Geheimagent, Schriftsteller und ein Brite, wie es sie heute nicht mehr gibt: Ein Sammelband zeigt Patrick Leigh Fermors "abenteuerliches Leben in Briefen".

Wer schreibt schon noch Briefe? Und wenn kaum jemand mehr Briefe schreibt, wer liest dann noch welche? Video hat zwar nicht wirklich den Radiostar getötet, aber dafür hat das Smartphone den Briefwechsel auf die dunkelrote Liste der sehr bedrohten Arten geschoben.

Das ist schade, denn fast jeder richtige Brief ist eine winzig kleine Autobiografie. (Mit "richtigen Briefen" sind solche gemeint, die mehr sind als Statusberichte.) Wenn sich jemand die Mühe macht, die vielen kleinen Autobiografien zusammenzufassen, zu bearbeiten und herauszugeben, entsteht in der Summe eine große Autobiografie. "Flugs in die Post!", die Sammlung von 174 Briefen des Bonvivants, Geheimagenten, Schriftstellers, Gentleman Patrick Leigh Fermor, ist so eine Briefmosaik-Autobiografie. In seinem 96 Jahre währenden Leben (1915 bis 2011) hat er, schätzt sein Herausgeber, zwischen fünf- und zehntausend Briefe geschrieben. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass er ein Mann des 20. Jahrhunderts war, in dem viele Briefe geschrieben wurden. Es hängt auch damit zusammen, dass Leigh Fermor von 1964 an die meiste Zeit in seinem Haus in Kardamili auf der Mani, dem mittleren Finger des Peloponnes, lebte. "Briefe waren an diesem abgelegenen Ort", schreibt der Herausgeber Adam Sisman, "die wichtigste Verbindung zur Welt draußen."

Der Frau von Ian Fleming erzählt er von einer Party mit Churchills Sohn

Leigh Fermor war ein Brite, wie es sie heute nicht mehr gibt, weil das Empire tot ist, aber Boris Johnson lebt. Mit 18 lief Paddy, wie seine vielen Bekannten ihn nannten, zu Fuß von Holland nach Istanbul, das für ihn immer Konstantinopel blieb. Er notierte viel und schrieb später darüber drei Bücher, deren erstes 1977 erschien. Wer wissen will, wie Europa einmal war, bevor es erst zerstört und dann neu organisiert wurde, möge diese Bücher lesen. Im Krieg lebte Leigh Fermor als Geheimagent und Guerillaführer auf dem von den Deutschen besetzten Kreta, wo er 1944 einen deutschen General entführte und nach Ägypten schaffte.

Was er außer seinen literarischen Zu-Fuß-Büchern noch schrieb, handelte oft von Griechenland, manchmal von der Karibik und fast nie von England, obwohl er der gebildete, witzige und lebenskluge britische Expat par excellence war.

Das spiegelt sich in seinen Briefen wider. Er korrespondiert mit dem großen Historiker John Julius Norwich und tut das, wie er ihm schreibt, in einem Harris-Tweed-Sakko, das mal Norwichs Vater gehörte. Er erzählt der Herzogin von Devonshire, die er mindestens sehr gut kannte, brieflich von einem whiskeygeschwängerten Abend mit Somerset Maugham. Oder er schildert Ann Fleming, die in dritter Ehe mit dem James-Bond-Erfinder Ian Fleming verheiratet war, eine Party auf dem Schiff des Reeders Niarchos, wo er Churchills Sohn und "ein paar von den männlichen Zombies" traf, "denen man immer im Dunstkreis der Schwerreichen begegnet".

Natürlich gibt es auch viele andere Briefe, solche an die erste Liebe seines Lebens, eine rumänische Prinzessin, und solche an die beständigste Liebe seines Lebens, seine Frau Joan. Diese Briefsammlung jedenfalls ist nicht nur eine Autobiografie. Sie ist auch das Tagebuch eines Menschen, der stets schreibt, weil er denkt und fühlt.

Patrick Leigh Fermor: Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen. Herausgegeben von Adam Sisman, übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann, Zürich, 703 Seiten, 44 Euro

© SZ vom 10.03.2020

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