bedeckt München 13°

Parodistischer Politthriller:Maskierte Machenschaften

Aleš Šteger lässt in seinem Roman "Das Archiv der toten Seelen" die ehemalige Kulturhauptstadt Maribor hypnotisieren - und bereitet dem bunten Karnevalstreiben einen makaberen Kehraus.

Der Teufel zeigt sich gleich zu Beginn. Es ist Karnevalszeit im slowenischen Maribor, da verirren sich immer wieder ein paar Maskierte im dichten Nebel. Bröckelnde Jugendstilfassaden, Schneematsch in den Straßen, auf der Drau treiben Eisschollen: Das ist die Kulisse, in der der Lyriker und Essayist Aleš Šteger seinen ersten Roman ansiedelt, eine wirre, düstere Geschichte voll schwarzer Magie und Verzweiflung. "All die Jahre hat sich nichts verändert", sagt Adam Bely, einst Dramaturg des städtischen Theaters, der nach sechzehnjähriger Abwesenheit zusammen mit der österreichisch-kubanischen Journalistin Rosa Portero in seine Heimatstadt zurückkehrt. Es ist, als ob hier immer Februar und Narrenzeit wäre und sich ansonsten gar nichts ereignete. Dabei ist Maribor im Jahr 2012, in dem der Roman spielt, Europäische Kulturhauptstadt und, wie es offiziell dann immer so schön heißt, dazu aufgerufen, sich "neu zu erfinden".

Wie eine Kläranlage wälzt das Buch die schmutzige Vergangenheit um

Aleš Šteger, der wohl bekannteste slowenische Autor der Generation der Fortysomethings, war 2012 einer der Programmleiter der Kulturhauptstadt, kennt sie also aus eigener Anschauung, weiß um die Schwerfälligkeit der Institutionen, um Intrigen, Korruption und Machtspiele. Nichts ändert sich - das war seine prägende Erfahrung, weil sich in einem Land, das seine Vergangenheit verleugnet, nichts ändern kann. Slowenische Leser konnten "Das Archiv der toten Seelen", das im Original "Odpusti" ("Vergebung") heißt, als Schlüsselroman lesen und im korrupten Bürgermeister den eigenen erkennen, sie kannten den Skandal um eine Kläranlage, die im Roman mitten in der Stadt beziehungsweise unter dem "Kalvarienberg" gebaut wird und wussten auch um jenen Pater, der die Erzdiözese Maribor mit Börsenspekulationen in den Ruin trieb.

All diese realen Hintergründe und direkten politischen Bezüge spielen für die deutschen Leser jedoch keine Rolle. Das Buch wechselt mit der Übersetzung und dem Abstand zum Kulturhauptstadtjahr das Genre und wird vom wütenden, parodistischen Politthriller zum abgründigen Kriminalroman, dessen dokumentarischen, gut recherchierten Elemente sich im Fantastischen auflösen. Das ist nicht unbedingt von Vorteil, weil alles so mysteriös und geheimnisvoll ist, dass man auch am Ende noch im Dunkeln tappt.

Adam Bely und Rosa Portero sind einer Verschwörung auf der Spur, dem "Großen Ork", der aus dreizehn Personen besteht, den Mächtigen der Stadt, die, auch ohne voneinander zu wissen, ein Netzwerk der Eingeweihten bilden. Nach und nach suchen die beiden diese Personen auf, setzen sie unter Hypnose, um sie zu befragen, und geben ihnen Kügelchen aus Backpulver zu essen, die sie in einen Zustand geistiger Verwirrung stürzen oder aber auch gleich ins Jenseits befördern.

A Slovenian ski jumping fan wears a mask after the World Cup Ski Jumping competition in Planica

Der Teufel zeigt sich schon gleich zu Beginn in diesem parodistischen Politthriller, aber er steckt leider auch im literarischen Detail.

(Foto: Damir Sagolj/Reuters)

Bely und Portero sind alles andere als positive Helden. Er war bei den Scientologen, von denen er die Lehre übernommen hat, dass der Mensch nicht nur eine, sondern viele Seelen in sich trägt. Es sind die Seelen von Toten, Opfern eines Massenmordes in frühestes Vorzeit, als der außerirdische Diktator Xenu das Übervölkerungsproblem auf seinem fernen Planeten dadurch löste, dass er die Invasion der Erde befahl und seine Leute dort ermorden ließ. Seither suchen die unsterblichen Seelen der Ermordeten in den Menschen eine neue Heimstatt. Belys Pillen können sie freisetzen und lassen die Körper seiner Opfer als leere Hüllen zurück.

Alles ist möglich in diesem irrsinnigen Spiel. Dass die beiden Helden auf ihrem Rachefeldzug, den sie als Versöhnungs- und Weltrettungstat begreifen, selbst einem Wahn erliegen, liegt auf der Hand. Rosa Portero, die ein Initiationsritual der Scientologen nur knapp überlebt hat, ist eine Art Cyborg mit Metallhand, Halsnarbe und übernatürlichen Kräften; Bely wird mal von fellartiger Behaarung, mal von Tintenfischtentakelabdrücken gezeichnet. Ob sie selbst Teil der Verschwörung sind, die sie bekämpfen, bleibt offen, wie auch, was die Verschwörer eigentlich wollen - falls sie überhaupt etwas wollen.

Das Theater aber - Zentrum der Stadt und des Geschehens, weil das ganze Leben nichts anderes ist als ein großes Theater - schwebt im Finale nach einer erdbebenartigen Explosion als Raumschiff davon, denn so verlangt es das Genre: Das Böse ist irgendwo da draußen, und es wird wiederkehren, irgendwann.

Die Vorbilder für Štegers dämonischen Roman sind offensichtlich: der magische Realismus osteuropäischer Prägung, allen voran Bulgakows "Meister und Margarita". Ein "Maister" geistert auch durchs "Archiv der toten Seelen": Es ist ein bekannter Mariborer Anwalt, der sein schwarzes Schwein an einer Leine spazieren führt, was durchaus angemessen ist, wenn im Untergrund der Schmutz in der Kanalisation brodelt und überall, wo man zu wühlen beginnt, Menschenknochen zum Vorschein kommen. Sie sind das Pendant zu den vagabundierenden Seelen der Ermordeten. Die Toten sind überall, in uns und um uns herum.

Magie muss auf menschliche Begriffe zurückgeführt werden, sagte der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz. Man müsse die Magie als eine Tatsache ansehen, die sich "im Bewusstsein des Menschen ereignet". So gesehen führt Šteger Bewusstseinsvorgänge vor. Er zeigt, was geschieht, wenn das Vergangene verdrängt oder beschwiegen wird. Ein Massenmord ereignete sich ja nicht bloß in grauer Vorzeit, sondern im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach. Allerdings bleibt in diesem Buch alles Geschehene unkonkret und unpräzise. Šteger will nicht erzählen, was war, sondern zeigen, was ist, aber das funktioniert nicht, wenn der Inhalt der Geschichte und des zu Erinnernden ausgeblendet bleiben.

Aleš Šteger, geboren 1973, ist der wohl bekannteste slowenische Autor seiner Generation. Neben seiner Prosa und Lyrik übersetzt er aus dem Deutschen, Englischen und Spanischen.

(Foto: Verlag)

Faschismus, Kommunismus und das Trauma des Zerfalls Jugoslawiens sind unverarbeitet und spalten die Gesellschaft. Der Status quo, so Štegers nicht von der Hand zu weisende Botschaft, dient immer denen, die gerade an der Macht sind. Wenn alles so bleibt wie es ist, dann bleiben auch sie. Der "Große Ork" dient ihm als Metapher für dieses Netzwerk derer, die an nichts Historisches rühren wollen, sondern lieber ein Klärwerk bauen, um den Dreck der Gegenwart loszuwerden.

Die Pervertierung des Erinnerns ist das zentrale Thema des Romans. Eine schöne Persiflage gelingt Šteger im Kapitel über die Friedhofsdirektorin, die nebenbei ein Unternehmen aufgezogen hat, das die Asche der Leichen zu Grafit komprimiert, sodass die Mariborer ihre toten Familienangehörigen als Schmuckstücke um den Hals tragen können. Erinnerung, so ihre Lehre, ist nur, was auch greifbar ist. Alles andere "sind nur Wünsche und Frustrationen". Unter Hypnose kommen dann aber auch in dieser Dame Erinnerungen hoch, die bis in die Vorzeit zurückreichen. Denn jeder Mensch, so lässt sich dieser Vorgang lesen, enthält die ganze Weltgeschichte, und wenn er sie in sich begräbt und verbirgt, dann wendet sie sich gegen ihn.

So sympathisch dieser Ansatz ist, so radikal Šteger seine beiden Helden das ganze städtische Bürgertum vernichten - oder erlösen - lässt, so unbefriedigend bleibt die Geschichte. "Das Archiv der toten Seelen" krankt an einem Überschuss an Geheimnis- und Bedeutungsproduktion. Der Irrsinn mag sich frei entfalten, die Sichtweisen, die sich daraus ergeben, stehen trotzdem immer schon fest. Der Ablauf ist ziemlich mechanisch und repetitiv, eine Person nach der anderen wird aufgesucht und ausgelöscht. Atemloses Präsens, staccatohafte Beobachtungen, bruchstückhafte Szenen mit vielen raschen Dialogen sollen Tempo erzeugen und schaffen doch nur Stillstand. Das entspricht zwar genau dem Zustand der Gesellschaft mit all ihren Schein-Aktivismen. Der Roman, der einen Zustand der Stagnation beklagt, kommt dabei aber selbst nicht recht vom Fleck. Das macht aus der Lektüre eine eher zähe Angelegenheit. Der Teufel steckt auch in diesem Fall im Detail.

Aleš Šteger: Das Archiv der toten Seelen. Roman. Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2016, 336 Seiten, 22,95 Euro. E-Book 17,99 Euro.

© SZ vom 08.07.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite