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Pariser Oper im Ausstand:Nächste Vorstellung: Streik

Improvisierte Konzerte – streikende Musiker vor dem Palais Garnier.

(Foto: AFP)

Der französische Generalstreik trifft auch die Pariser Oper und andere Kulturinstitutionen. empfindlich.

Streikende Eisenbahner mischen sich unter eine Vollversammlung der Musiker und Chorsänger der Pariser Oper. Das kann aber nur auf den ersten Blick verwundern. Während im öffentlichen Verkehr der Streik gegen die Rentenreform nach sechs Wochen allmählich erlahmt, weil den Leuten der Elan und wegen Lohnausfall das Geld ausgeht, sollen die Kameraden aus der Kultur den Protest zumindest symbolisch weitertragen. Doch so symbolisch ist der gar nicht. Mehr als 70 Aufführungen mussten in dieser Saison an den beiden Häusern Bastille und Garnier schon abgesagt werden. Sie verloren 15 Millionen Euro an Kasseneinnahmen.

Das mitunter von weit her angereiste Publikum kann über die jeweils erst am Nachmittag beschlossene Fortführung des Streiks oft erst im letzten Moment benachrichtigt werden. Auch die Mäzene und die Mitglieder des Fördervereins beginnen zu murren. Ein geplanter Festabend für Personal und Gäste einer Großbank ist in der vergangenen Woche geplatzt. Da helfen auch die improvisierten Konzerte draußen auf der Treppe mit den Hits aus "Carmen", "Nabucco" und "Schwanensee" nicht viel. Sie sind eher ein Spaß für die Passanten als ein Trost für die enttäuschten Theaterbesucher. Die Lage sei ernst, erklärte der Intendant Stéphane Lissner seinem Personal, ein Notplan mit drastischen Sparmaßnahmen in allen Bereichen sei unabwendbar geworden. Es ist der längste Streik, den es an der Pariser Oper je gab.

Die Vertrauenskrise zwischen Regierung und Kulturszene ist augenfällig

Balletttänzer, Musiker, Chorsänger und Bühnentechniker dieses Hauses stehen im Genuss einer Sonderregelung, deren Ursprünge auf die Académie Royale de Danse et de Musique unter König Ludwig XIV. zurückgehen. Aufgrund der strapazierenden Arbeitsbedingungen des Ballettkorps sollte den Künstlern seit 1698 zumindest ein langer und geruhsamer Lebensabend garantiert werden. Diese Vorgabe gehört heute zu den gut 40 Sonderregeln der französischen Altersversorgung, die die Regierung nun vereinheitlichen möchte. Gegenwärtig können Tänzer mit 42, Sänger und Techniker mit 57, Musiker mit 60 Jahren in Rente gehen. Ähnliche Vorteile hat auch die Truppe der Comédie Française. Zu einer gewissen Anhebung des Rentenalters sind die Künstler bereit. Ihren Sonderstatus wollen sie aber nicht aufgeben, trotz der Zugeständnisse der Regierung, die neuen Regeln erst für die Neuengagierten schrittweise in Kraft treten zu lassen.

Wie viel politisches und wirtschaftliches Gewicht der Kultursektor mittlerweile hat, lässt sich an den Protestaktionen ablesen, die neben der Pariser Oper auch zahlreiche andere Institutionen in Aufruhr versetzen. Wenn Museumsbesucher im Louvre unlängst vor verschlossenen Türen standen, Leser in der Nationalbibliothek wegen vorzeitiger Schließung die Säle schon am Nachmittag verlassen müssen und Touristen den Eiffelturm nur von unten sehen können, ist ein Kernbereich der Ausstrahlung Frankreichs getroffen. Besonders augenfällig ist die Vertrauenskrise zwischen Regierung und Kulturszene geworden, als der zuständige Minister Franck Riester in der Bibliothèque nationale de France den versammelten Akteuren des französischen Kulturlebens die traditionellen Neujahrsgrüße überbringen wollte. Die Zeremonie wurde kurzfristig abgesagt, nachdem Gewerkschaftsvertreter angekündigt hatten, sie würden "auf friedliche Weise" für etwas Heiterkeit sorgen. Dem Minister wird vorgeworfen, er setze sich nicht genug für die Belange der Künstler ein. Auch bei seinem Auftritt bei der Internationalen Biennale für Bühnenkunst am vergangenen Freitag in Nantes musste er gegen Buhrufe ankämpfen.

Dabei sind die Gewerkschaften des Kultursektors gar nicht die rührigsten Gegner der Rentenreform. Anders als im Bereich etwa des Verkehrs scheinen die Künstlergewerkschaften ihrer aufgebrachten Basis eher hinterherzulaufen. Das erklärt sich aus den prekären Lebensbedingungen vieler französischer Schauspieler, Musiker, Tänzer und Bühnentechniker. Die Tausenden freien Truppen und die zahllosen versprengten Kleinimpresarios ihres eigenen Talents, die sich weit entfernt von den Vorteilen der Kollegen aus den großen staatlichen Etablissements über Wasser halten, sehen in deren Kampf um ihre Errungenschaften auch die Interessen des gesamten Gewerbes vertreten.

Präsident Macron wollte neulich ins Theater und geriet an die Streikfront

Die Aktionen zum Erhalt des Sondermodells beim Arbeitslosengeld der Intermittents, mit denen in den vergangenen Jahren mitunter große Sommerfestivals gekippt wurden, sind in aller Erinnerung. Und schon warnen manche, eine zu harte Beschneidung der Künstlerrente könnte auch den mühsam ausgehandelten Kompromiss beim Arbeitslosengeld wieder zu Fall bringen.

So verlagert sich der Marathon des Gewerkschaftsprotests gegen die Rentenreform allmählich auf spektakuläre Einzelaktionen. Und darauf verstehen sich die Künstler besonders gut. Improvisierte Tutu-Paraden auf der Place de la Bastille, das imponiert in einem Land, das für Kulturhappenings immer zu haben ist. Der Beweis dafür wurde unlängst vor dem Pariser Theater Bouffes du Nord geliefert, einem Ort, der als Spielstätte des Theaterregisseurs Peter Brook berühmt wurde.

Präsident Macron wollte dort mit seiner Frau eine Aufführung der Bühnenbearbeitung von Georges Langelaans Erzählung "Die Fliege" besuchen und wurde beim Hereinkommen von einem Journalisten fotografiert. Das Bild machte dann bei den Kollegen von der Streikfront sofort die Runde und führte dazu, dass nach der Vorstellung eine kleine Schar Protestierender dem Präsidenten draußen ein kritisches Ständchen singen wollte. Macron musste das Theater unter Polizeischutz verlassen: eine Demütigung, die im Land von Politikern, die sich gern im Kulturglanz sonnen, schlimmer ist als jeder Auspfiff vor erzürnten Eisenbahnern oder Bergleuten.

Der als regierungskritisch bekannte Journalist Taha Bouhafs, der dem Präsidenten mit seinem Foto den Theaterabend vermasselte, wurde von der Polizei abgeführt und verhört. Der Pariser Oper, die ein Jahr vor dem Intendantenwechsel in einer Finanz- und Vertrauenskrise zu versinken droht, ist durch solche Härte allerdings wenig geholfen.

© SZ vom 27.01.2020
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