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Papst Benedikt XVI. wird 85:Geburtstag eines Unverstandenen

Liebenswürdig, heiter, gebildet und tief fromm: Es gibt viel Gutes zu sagen über Benedikt XVI., doch richtig euphorisch wird sein Geburtstag nicht gefeiert. Der Papst ist zu hermetisch und weltfremd, seine Botschaft bleibt unverstanden - und die katholische Kirche droht zu zerreißen.

Matthias Drobinski

Sein Geburtstag ist für ihn ein normaler Arbeitstag - sieht man von den Gebirgsschützen und Trachtlern ab, die Papst Benedikt XVI. mit Böllern und Bayernhymne ehren werden. Traditionsverwurzelten Katholiken ist nun einmal der Namenstag wichtiger als der Geburtstag, auch wenn es der 85. ist. Es ist aber auch so, dass Joseph Ratzinger zeitlebens der Personenkult fremd war.

Keines seiner Kirchenämter hat er angestrebt, auch nicht das des Papstes; er hat die ihm angetragenen Funktionen akzeptiert und ausgefüllt. Er sei der Packesel Gottes, hat Joseph Ratzinger gesagt; kein Streitross, kein Paradepferd, sondern ein Tragetier, mit demütigem Tippelschritt. Ein schönes Bild für ein Amt, dessen Inhaber auch den Titel "Diener der Diener Gottes" trägt.

Es gibt ja viel Gutes zu sagen über Benedikt XVI., den deutschen Papst, der drei Tage nach seinem Geburtstag auch sieben Jahre im Amt ist: ein liebenswürdiger, heiterer, tief frommer Mensch, belesen und gebildet wie nur wenige Päpste vor ihm. Er steht für die abendländisch-europäische Tradition der katholischen Kirche - und dass die Kardinäle im April 2005 Joseph Ratzinger wählten, zeigt, wie wichtig ihnen diese Tradition war, dass sie noch nicht die Zeit gekommen sahen für einen Papst aus Afrika oder Lateinamerika.

Benedikt hat seitdem den aufgeklärten, reichen Gesellschaften ins Gewissen geredet: Vergesst Gott nicht, macht euch nicht selbst zum Maßstab des Lebens. Vergesst nicht, dass der Glaube die Vernunft braucht und die Vernunft den Glauben. Und auch nicht, dass der Glaube Wahrheiten formulieren muss, will er sich nicht im Beliebigen auflösen.

Warum aber gibt es gerade in diesen Gesellschaften bestenfalls mäßige Freude über den Geburtstag eines an sich eindrucksvollen Mannes? Warum sehen auch viele Katholiken die sieben Jahre des Pontifikats als magere Jahre an?

Weil eben die Regensburger Rede nicht als das große Nachdenken über Glaube und Vernunft in die Geschichte eingegangen ist, sondern als jene Ansprache, in der Papst Benedikt die Muslime beleidigte und die Lutheraner und Freunde des Philosophen Immanuel Kant gleich mit. Weil das Versöhnungsangebot an die traditionalistischen Piusbrüder nicht als Versuch verstanden wurde, eine Kirchenspaltung zu verhindern, sondern als Preisgabe wichtiger Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Weil im Skandal um die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche trotz aller Entschuldigungen der Eindruck blieb, die Heiligkeit der Institution stehe über der Frage nach den tieferen Ursachen dieser Gewalt.

Das ist die Tragik dieses Pontifikats: Der Gelehrtenpapst Benedikt XVI. hätte Menschen guten Willens viel zu sagen, nicht unbedingt zur ungeteilten Zustimmung geeignet, wohl aber als Denkanstoß und Unterbrechung des Mainstreams. Doch die Botschaft bleibt unverstanden, so auch bei der Freiburger Rede im vergangenen September: Ja, eine Kirche, die das Evangelium ernst nimmt, muss sich entweltlichen, sich immer wieder bewusst machen, dass Geld und Einfluss nur zweitletzte Dinge sind. Unter den Katholiken im Freiburger Konzerthaus aber herrschte nach der Rede der Frust: Da hält uns einer für verweltlichte Glaubensschwächlinge.

Die Medien sind an der Misere schuld, heißt es im Umfeld des Papstes, die Feindseligkeit der Öffentlichkeit, auch der Unwille vieler Bischöfe, Benedikts Botschaft zumindest den Gläubigen näherzubringen. Als Journalist könnte man antworten: Lernt halt so zu formulieren im Vatikan, dass es keinen Skandal gibt, werdet professioneller, denkt politischer. Das ist nicht falsch. Es trifft aber auch nicht den Kern des Missverstehens.

Denn im Letzten ist das Missverstehen systemimmanent. Benedikt XVI., der so freundliche und belesene 85-Jährige, ist nicht nur im guten, anregenden Sinne weltfremd - er ist auch hermetisch in vielen seiner Gedanken, Worte und Werke. Er lebt in einer geschlossen katholischen Welt, geprägt von bayerischer Volksfrömmigkeit und einer Theologie, die alles jenseits der Kirchenväterzeit mit Misstrauen betrachtet.

Es ist diese Welt, die er ängstlich bewahren will, mit ihrem eigenen Kosmos und ihrer eigenen Schönheit, ihren eigenen Lebenswelten - gegen den Relativismus der Moderne. Und dann auf einmal sind die anderen enttäuscht, beleidigt, wenden sich ab. Für den Papst ein Grund mehr, die heile, katholische Welt bewahren zu wollen.

Für eine Reihe von Publizisten ist das spannend, interessant, weil sie so ganz anders ist als der Rest der Welt. Viele einst treue Katholiken aber wenden sich mittlerweile ab von ihrer Kirche. Diese Hermetik droht die katholische Kirche zu zerreißen - zwischen jenen, die von den Gläubigen Gehorsam zum Papst verlangen und den anderen, die mittlerweile offen zum Ungehorsam gegen die starren Kirchenregeln aufrufen.

So berührt er ganz eigentümlich, der Geburtstag des Intellektuellen-Papstes Benedikt, des so bescheidenen Packesels Gottes, der trug und lief und doch in seiner ganz eigenen Welt blieb, aus Angst vor dem weiten Raum. Es ist der Geburtstag eines Unverstandenen - den vielleicht erst kommende Generationen wirklich verstehen werden.

© SZ vom 16.04.2012/sonn

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