Papiermangel in der Verlagsbranche:Suhrkamp gehen die Pappen aus

Offset Printing Press CMYK Ink Rollers

Viele Bücher, die zur Buchmesse erscheinen sollen, sind gerade in der Herstellung - doch da werden die Rohstoffe knapp. Papierpreise steigen nach Vertragsabschluss, Pigmente, wie sie etwa diese Offset-Maschine für den Farbdruck braucht, kommen nicht rechtzeitig aus Asien.

(Foto: 2_Scoops/Getty Images)

Holzknappheit, Corona-Effekte, Konkurrenz aus dem Verpackungsmarkt: Deutschen Verlagen fällt es zusehends schwer, ausreichend Papier zu organisieren.

Von Lothar Müller

Das vierte Quartal rückt näher. In der Buchbranche entscheidet es darüber, wie die Jahresbilanz ausfällt. Es ist das Quartal der Frankfurter Buchmesse, in welcher Form auch immer sie stattfindet, das Quartal des Weihnachtsgeschäfts, der großen Umsätze. Viele Fahnen sind verschickt, Sperrfristen und Auslieferungstermine sind ihnen aufgedruckt, die Auflagen sind kalkuliert.

Viele Bücher, die zur Buchmesse oder später erscheinen, gibt es noch nicht, sie gehen gerade in die Zielgerade der Herstellung. Dort aber herrscht seit Monaten der Ausnahmezustand. Vereinbarte Papierlieferungen verteuern sich nach Vertragsabschluss, früher als üblich müssen avisierte Auflagenhöhen bei den Druckereien bestätigt werden, Zeitfenster des Druckens schließen sich unerwartet, der Nachschub an Druckmaterial stockt, weil Zusatzstoffe, etwa Farbpigmente fehlen, die aus Asien zugeliefert werden. "Überall leuchten die roten Lampen", sagt Alexandra Stender, die Leiterin der Herstellungsabteilung bei Suhrkamp, und bei Markus Desaga, dem Sprecher von Random House, einem Konzern mit einer Vielzahl von Verlagen, klingt es nicht anders.

Wenn die Chefeinkäufer der Verlage über das Hauen und Stechen um Liefermengen und Preissteigerungskaskaden klagen, geht es um das Papier und die Pappen, die man für Buchdeckel und Broschuren-Umschläge braucht, und manchmal nicht nur für Buchdeckel. Auch Suhrkamp produziert inzwischen dicke Kinderpappbücher, für die man viel Pappe braucht. Und die Rivalität um Papierkontingente geht mit Kaskaden von Preissteigerungen einher.

Mit der Geschichte des Papiers befassen sich Historiker erst seit Kurzem

In diesen Turbulenzen, die zu raschen Reaktionen, Korrekturen von Planungsabläufen führen und großes Improvisationstalent verlangen, tritt die logistische Dimension des Verlagsgeschäfts hervor. Sie liegt meist im Schatten, nicht zuletzt, weil in den Sonntagsreden so viel vom Kulturgut Buch die Rede ist, von geistigen oder gar spirituellen Ressourcen. Verlage aber verwandeln Rohmanuskripte nicht allein durchs Lektorieren in Bücher.

Papiermangel in der Verlagsbranche: Der Mitarbeiter einer Papierfabrik in Sachsen kontrolliert einen Tank mit Zellulosegemisch.

Der Mitarbeiter einer Papierfabrik in Sachsen kontrolliert einen Tank mit Zellulosegemisch.

(Foto: imago stock&people)

Seit je waren sie angewiesen auf die Entwicklung der Drucktechnologie, der Papierproduktion und nicht zuletzt des Papierhandels. Die Literatur, eine der bestem Historikerinnen ihrer eigenen materiellen Voraussetzungen, erzählt seit der Frühen Neuzeit davon, etwa in dem hinreißenden Kapitel der "Continuatio" des "Simplicius Simplicissimus", in dem ein Stück Papier - nicht zufällig auf dem Abort - seine Lebensgeschichte erzählt.

Es gehört zu dem Genre, in dem Dinge, Gerätschaften, Handelsgüter ihre Geschichte wie die Helden der Schelmenromane in der Ich-Form berichten. Die Abenteuer, die unter dem Titel "Adventures of a Quire of Paper" in einer englischen Zeitschrift des späten 18. Jahrhunderts erzählt wurden, führen von der Entstehung des Papiers aus den Leinenlumpen in die Sphäre der Zirkulation, der Verpackung und des Handels. Erst in jüngerer Zeit sind die Papierhistoriker den Winken der Literatur gefolgt und haben wie jüngst Daniel Bellingradt in seinem Buch "Vernetzte Papiermärkte" (2020) die Schlüsselfunktion des Papier- und Rohstoffhandels entdeckt.

Alles, was von den Standardformaten abweicht, wird zum Risikogebiet

Die Herstellungsabteilungen in den Verlagen beobachten die internationale Seefrachtlogistik, den Holzmangel oder die Verknappung von Europaletten, die vor noch nicht allzu langer Zeit noch halb so viel kosteten wie jetzt, mit einiger Aufmerksamkeit. Alles, was von den Standardformaten abweicht, beginnt zum Risikogebiet zu werden. Und bewährte Vorsichtsgewohnheiten wie die, bei der Erstauflage nicht zu klotzen, bergen nun Risiken. Gemächliche Bedingungen für Nachauflagen, die man bei anziehendem Weihnachtsgeschäft kurzfristig ordern will, sind nicht zu erwarten.

Nicht zuletzt, weil Coronaeffekte auf das internationale, globalisierte Netz der Zuliefererindustrien der Buchbranche einwirken, hat sie Mühe, ihre eingespielten Routinen aufrechtzuerhalten. Es geht den Verlagen nicht anders als den Baufirmen, die auf Holzlieferungen warten, als der Autoindustrie, die um den Nachschub an Mikrochips fürchtet, weil in der Corona-Krise so viele Chips an die boomende Unterhaltungselektronik gehen.

Seit Jahren schon ist in den Papierfabriken der Anteil der grafischen Papiere, die für die Buch- Zeitschriften- und Zeitungsproduktion benötigt werden, rückläufig, während der Anteil der Verpackungspapiere und Pappen wächst. Diesen Prozess hat der Aufschwung des Online-Handels in der Corona-Krise verstärkt, aber auch der Bedarf der Pharmaindustrie an Verpackungsmaterial. Die Nachfrage der Verlage nach Schubern, Kinderbuchpappen und Broschurkartons muss sich gegen potente Konkurrenten auf dem immer lukrativeren Verpackungsmarkt behaupten.

Europa ist auf den Import aus Südamerika oder Asien angewiesen

Nun ist zwar die deutsche Papierindustrie kein kleines Licht, sie ist die viertgrößte der Welt. Den größten Anteil ihrer Produktion setzt sie im Nahbereich auf dem europäischen Markt ab, aber für ihren Rohstoff ist sie auf die globalen Märkte angewiesen. Das Altpapierrecycling allein reicht nicht aus. Bis zum 19. Jahrhundert waren die Lumpen der Rohstoff in der Papierherstellung, sie war also eng an die Textilproduktion gekoppelt. Der Übergang zum Holzschliff schien eine unbegrenzte Ressource zu erschließen.

Noch immer ist Holz die wichtigste Quelle auch für den modernen Zellstoff. Europa benötigt aktuell mehr Zellstoff, als es selbst produziert, es ist auf den Import aus Südamerika oder Asien angewiesen. Auf diesem globalen Markt aber gibt es einen eklatanten Nachfrageüberhang durch den größten Wachstumsmarkt, China, das zunehmend Frischfasern gegenüber dem Altpapier bevorzugt.

Im Dezember 2020 lag der Tonnenpreis für Zellulose bei 650 Euro, nun im August 2021 liegt er bei 1000 Euro. Wieder einmal könnte das Papier seine Abenteuererzählungen fortsetzen. Sein aktueller Schelmenroman würde von zu schnell abgeholzten Wäldern erzählen, vom Reiz der Pappen und der Zirkulationsgeschwindigkeit in den Lagern der Online-Händler, und in einer kleinen Abschweifung auch von seinen Schwierigkeiten, sich in ein Kinderbuch aus starker Pappe zu verwandeln.

© SZ/fxs
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