bedeckt München 15°

Paolo Conte:In der modernen Welt ein Fremder

SZ: Diskriminieren Sie nicht gerade die Frauen als bloße Gefühlswesen?

Conte: Nein, ganz im Gegenteil. Die Frauen denken doch viel rationaler als wir. Sie entscheiden, während wir noch grübeln. Diese ganze Idee der Romantik, sie stammt doch von deutschen Philosophen, ist also männlichen Hirnen entsprungen. Männer waren immer diejenigen, die sich in der Metaphysik, der Dichtung verloren, um tiefer in die Geheimnisse der Welt einzudringen.

SZ: Sie haben einmal gesagt, der Blues hätte Ihnen das Leben gerettet. Auf der Bühne jedenfalls scheinen Sie der männlichen Einsamkeit solcher Bluessänger wie Muddy Waters oder Howlin' Wolf nahe zu kommen.

Conte: Das ist ein wunderbares Kompliment! Howlin' Conte.

SZ: Wie Ihre Helden tragen Sie Ihre Verletzungen mit Würde und einem Schuss Stoizismus zur Schau. Was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Mann und einem Jungen aus?

Conte: In einem Popsong würde es heißen, dass es einer Frau bedarf, um einen Jungen zum Mann zu machen. Aber das glaube ich nicht. Es liegt wohl eher an den Lebensregeln, die man lernen muss. Etwa den Mut, für andere einzutreten, ein Opfer zu bringen. Das ist für mich das Größte überhaupt.

SZ: Haben Sie sich zu Anfang Ihrer Karriere bewusst in der Art Ihrer Idole stilisiert?

Conte: Ich habe den Bluesmännern nachgeeifert, ohne auch nur die Illusion zu haben, dass ich jemals sein könnte wie sie. Allein diese intime Art des Sprechens! Das hat etwas mit ihrer Kultur zu tun: Mir haben schwarze Männer immer mit ihrer ausgesprochenen Männlichkeit und schwarze Frauen mit ihrer Weiblichkeit imponiert. Sie betonen die Unterschiede. Ich glaube, dieses Selbstbewusstsein fehlt uns heute manchmal.

SZ: Sie singen auf Ihrem neuen Song Los Amantes Del Mambo: "Er ist ein Roboter, sie allein entflammt den Mambo." Und vergleichen Männer mit "Altmetall". Wie sieht es mit der Rollenaufteilung zwischen Ihnen und Ihrer Frau aus?

Conte: Missverstehen Sie meine Worte nicht. Meine Frau und ich sind ein gutes Team: Ich spiele Klavier, und sie kritisiert mich. Wir streiten auch manchmal um das Fernsehprogramm. Ansonsten führen wir eine sehr moderne Ehe.

SZ: Wer kocht bei Ihnen?

Conte: Niemand, uns zieht es beide nicht sonderlich zum Herd. Aber einen guten Espresso, den kann ich Ihnen jederzeit eigenhändig servieren.

SZ: Ich nehme an, Sie ernähren sich nicht von Fastfood?

Conte: Um Himmels willen, ich würde nie bei McDonald's essen. Aber wozu haben wir all' die guten Restaurants und Köche?

(...)

SZ: Sie haben aber auch einmal gesagt, dass Sie Gesellschaft als anstrengend empfinden und jedes Mal aufatmen, wenn Sie wieder allein mit sich sein dürfen.

Conte: Auf der Bühne bin ich froh, von vielen Menschen umgeben zu sein. Aber privat ticke ich anders: Ja, ich bin ein Einzelgänger. Ich beherrsche nicht einen einzigen Paartanz. Ich habe mich immer wohler allein gefühlt, arbeitend, in Gesellschaft unseres Hirtenhundes Nelson.

SZ: Ist das der schwarze Hund auf dem Cover Ihres neuen Albums?

Conte: Genau. Er hat zwölf Jahre mit uns verbracht, bevor er letztes Jahr starb. Ein eigenwilliges Tier - und ich konnte ihm stundenlang zuschauen.

SZ: In Ihren Liedern kommentieren Sie die Welt aus der Beobachterperspektive, beziehen sich oft auf Bücher und Filme.

Conte: Zur Zeit lese ich viel Giorgos Seferis, ein moderner griechischer Poet, dessen Dichtung die Vertreibung aus seiner angestammten Heimat und den daraus resultierenden Verlust reflektiert. In der heutigen Welt fehlt mir häufig die Melancholie eines Seferis oder Fellini. Uns hat der Blick zurück das Leben gerettet - indem er uns ermöglichte, zu genießen. Inzwischen fehlt vielen Menschen die Zeit für ein solches sinnliches Schwelgen.

SZ: In Deutschland werden Sie oft mit der sogenannten Toskana-Fraktion in Verbindung gebracht, Alt-68er, die den deutschen Realitäten in ihr Zweithaus in Mittelitalien entfliehen.

Conte: Das klingt so, als würden Sie das missbilligen. Warum sollten die Leute nicht in der Toskana ausspannen?

SZ: Es stört Sie nicht, den Soundtrack zur Sehnsucht nach einer illusorischen Idylle zu liefern?

Conte: Das ist vollkommen in Ordnung. Meine Musik beschwört ja gerade diese Art von ländlicher Romantik, weil ich mich im modernen Leben oft wie ein Fremder fühle. Ich besitze keine E-Mail-Adresse, und auf einem Handy werden Sie mich auch nie erreichen. All' das würde die Langsamkeit des Alltags in meiner Landvilla stören - und ich würde mich verlieren.

SZ: Das klingt ja fast so schwermütig wie manche Ihrer Songs.

Conte: Wissen Sie, einen Mann meiner Generation kann es sehr glücklich machen, seine Schwermut rauszulassen.

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochenende vom 13.11.2010

© SZ vom 13./14.11.10/lena

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite