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Pandemie und Gesellschaft:Der besorgte Bürger

Der besorgte Bürger wird mit der Pandemie zum Verbündeten des Staates. Doch nur Politiker, die auch Sorge zeigen, können der Krise mit ihnen gemeinsam begegnen.

Den größten Hit seiner Karriere landete der deutsche Entertainer Jürgen von der Lippe im Jahr 1987 mit einem Lied, dessen Refrain bei Live-Auftritten zu Begeisterungsstürmen führte: "Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? / Habt ihr auch so gut geschlafen? / Na dann ist ja alles klar ..." Um allerlei Missgeschicke ging es in dem Hit, die sich bis zum Unfalltod des Helden steigerten. Wie so oft bei komischen Gassenhauern waren auch in dieser Hymne der Sorglosigkeit die bösen Geister, die sie vertreiben sollte, untergründig anwesend.

Das traditionelle Bündnis der Sorge mit der Schlaflosigkeit fand sich in der Schar liebenswerter, haustierhafter Plagegeister parodiert, die gut durchgeschlafen haben. Nicht von ungefähr wachten die Plagegeister in einem Morgenlied auf. Der anbrechende Tag teilt mit der Sorge den Zukunftsbezug.

Jeder Hit trifft einen Nerv. In dem Hit der alten Bundesrepublik kurz vor ihrem Untergang war die Sehnsucht nach einer Normalität enthalten, in der selbst die Sorgen Kuscheltiere sind, Bagatellsorgen. Die große, alteuropäische Sorge im Singular, die so entsorgt werden sollte, trat zusammen mit dem Mangel, der Not und der Schuld im Quartett auf. Sie ist universell, findet überall Zugang, schleicht sich durch jedes Schlüsselloch ein. Sie ist leicht wachzurufen und mit dem Elementaren und dem Ernstfall im Bunde. Unfähigkeit zur Sorge ist das Zeichen eines noch unreifen, eingeschränkten Weltverhältnisses, wie in einem der Revolutionsdramen Goethes: "Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater die Sorge möglichen Verlustes quält?"

Es ist noch nicht lange her, dass in der Bundesrepublik der Gegenwart der "besorgte Bürger" spektakuläre Auftritte hatte. Er war mit dem Wutbürger verwandt, schimpfte gegen "die da oben" und unterfütterte seine Sorge um das Abendland oder die Grenzen gern mit heftigen Ressentiments gegen Flüchtlinge. Jetzt, in den Tagen und Wochen der ansteigenden Ansteckungskurven des Coronavirus ist eine Konstellation entstanden, die den besorgten Bürger und die besorgte Bürgerin auf neue Weise ins Zentrum rückt. Er ist nicht mehr die schimpfende Fundamentalopposition, er ist der Bündnispartner der Regierung, der Adressat ihrer Appelle und präventiven Maßnahmen gegen die ungehemmte Ausbreitung der Epidemie.

Diese Konstellation ist zunächst im am stärksten betroffenen europäischen Land, in Italien, hervorgetreten. Giuseppe Conte, der Premier, ist zum Inbegriff des sorgegeleiteten Präventionspolitikers geworden, ohne mit dem Ressentimentpolitiker Matteo Salvini rivalisieren zu müssen, der sich zum Glück rechtzeitig ins Abseits gestellt hat. Sie gilt aber international. Die Corona-Epidemie testet das politische Personal daraufhin, ob es in der Lage ist, die Sorge in sein Selbstbild zu integrieren. Die Sorge, das ist das Bewusstsein der Verletzbarkeit, der Instabilität, des unvermeidlich herannahenden Übels. Der rhetorische Abwehrzauber, der sie als "irrationale Angst" bannen will, prallt an ihr ab. Politiker, die sich wie der amerikanische Präsident Donald Trump als Figuren allein der Stärke, Gesundheit und Unverletzlichkeit inszenieren, haben Schwierigkeiten, als sorgegeleitete Präventionspolitiker aufzutreten. Sie reagieren oft zu spät.

Die Sorge als zukunftsbezogenes Weltverhältnis war mit der Vorsorge schon verwandt, ehe es den modernen Begriff der Prävention gab. Die Prävention lässt sich als Technologie des Einsatzes von Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln beschreiben, die Sorge aber umfasst mehr. Sie ist ein Frühwarnsystem, das der Prävention voraus liegt, sie hervorbringt, aber sich nicht in ihr erschöpft.

Man konnte in den letzten Tagen und Wochen an den Regierungen, an seinem sozialen Umfeld und an sich selbst beobachten, wie die Abwehrkräfte widerstrebend erlahmten, die an der Fiktion einer im Kern stabilen Normalität festhalten wollten. Den trotzigen Versicherungen, man werde dieses oder jenes Festival stattfinden lassen, folgte die Kaskade der Absagen, und als selbst König Fußball sich beugen und einsehen musste, dass seine Stadien bis auf Weiteres leer bleiben werden, war allgemein klar, dass die Normalität vorerst abgedankt hatte.

Begreift man das Frühwarnsystem der Sorge als einen Modus der Erkenntnis und Anerkennung des herannahenden Übels, dann war die Einsicht, der sie zum Durchbruch verhalf, diese: Das Coronavirus agiert wie eine souveräne, unbelangbare Macht. Die Prävention ist der Tribut, den sie von Politik und Gesellschaft verlangt. Sie suspendiert den Primat der Ökonomie, sie übernimmt die Regie im Kulturbetrieb, sie schließt Schulen, Bürogebäude, Universitäten. Sie sagt Messen ab, verhagelt Taxifahrern, Hoteliers, Gastronomen das Geschäft. Kurz, sie versetzt die Gesellschaft in einen Ausnahmezustand auch dann, wenn er im politisch formellen Sinn noch nicht erklärt ist.

Die sorgegeleitete Politik der Prävention verfügt, wie seit Kurzem in Italien, Maßnahmen, die Grundrechte wie die Freizügigkeit einschränken. Gegen weit geringere Zumutungen gehen hierzulande Wutbürger normalerweise auf die Barrikaden. Der besorgte Bürger aber nimmt sie, wenn auch vielleicht murrend, hin. Seine Sorge um sich selbst und die Seinen ist der Katalysator, der die komplexe Mischung von Ärger und Einsicht in die zähneknirschende Zustimmung überführt.

Die Technologien der Hygiene und Prävention, die in Europa mit der Bekämpfung der Pest ihren ersten großen Aufschwung erlebten, wurden seit der Aufklärung mit immer feinmaschigerer wissenschaftlicher Expertise perfektioniert. Kritische Theoretiker der Macht, wie etwa der französische Philosoph Michel Foucault, haben als den wichtigsten Effekt der modernen Hygiene und Seuchenabwehr die Herstellung einer "disziplinierten Gesellschaft" gesehen. In der Tat lassen sich Quarantänemaßnahmen und Überwachungsmethoden, die nach Infizierten so fahnden wie die Polizei nach Verdächtigen, lässt sich die Parzellierung und Schließung von Räumen und Territorien als Einschließung der Bevölkerung in ein umfassendes Regime der Disziplinierung beschreiben.

Aber lässt sich die Sorge, die bei einer um sich greifenden Epidemie dem Einverständnis mit den von der Regierung verfügten Restriktionen zuarbeitet, als Quelle der Ausbreitung freiwilliger Knechtschaft begreifen? Wohl kaum. Sie nimmt lediglich das geringere Übel temporärer Einschränkungen um der Vermeidung des größeren Übels willen in Kauf. Und da die Sorge alt und erfahren ist, kann man ihr zutrauen, dass sie in modernen Gesellschaften angesichts von Epidemien auch die bis zur Hypertrophie verfeinerten Technologien der Selbstoptimierung, etwa den panischen Gesundheits- und Fitnesskult, umpolt und in ihren Dienst nimmt. Auch diese Technologien folgen dem Modell der Sorge um sich selbst. Es könnte zur Prävention gehören, auf den Besuch im Fitnesscenter zu verzichten.

© SZ vom 14.03.2020
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