Ukrainisches Tagebuch (XLIV):Laken für die Front

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Ukrainisches Tagebuch (XLIV): Zur Zeit keine Geduld fürs Dolmetschen: Oxana Matiychuk.

Zur Zeit keine Geduld fürs Dolmetschen: Oxana Matiychuk.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung: SZ)

Ein Schreiben der Militärbehörde führt in der Universität zu Aufregung - ein Reserveoffizier muss gemeldet werden. Notizen aus dem Krieg im ukrainischen Tagebuch.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Am Sonntagabend, den 18. Juni, meldet sich meine ehemalige Kollegin I. bei mir. Ob ich Interesse hätte, für eine internationale Organisation, die für den Erhalt des Kunst- und Kulturerbes zuständig ist, zu dolmetschen und zu übersetzen. Unter anderen Umständen wäre das ein tolles Angebot, aber ich habe keine Geduld und keine Zeit für diese Arbeit, schreibe ich zurück und empfehle eine junge Übersetzerin, die zurzeit in Deutschland ist. Mit I. hatte ich seit über zwei Monaten keinen Kontakt mehr, obwohl wir eigentlich gut befreundet sind. Sie war Universitätsdozentin und Lehrstuhlleiterin, kündigte vor zwei Jahren ihren Job und ging nach Deutschland, wo sie nun Pflege in Bayern macht. Ihr Sohn ist seit dem Kriegsbeginn bei ihr, der Mann blieb in Czernowitz. Ich schreibe I. kurz, was wir aktuell machen, und frage nach ihrem Bruder R., er ist schon lange in den Ukrainischen Streitkräften und jetzt an der Front. Vielleicht können wir etwas für ihn tun. Darauf reagiert I. prompt: "Ich will sofort auf Dein Angebot zurückgreifen und um Hilfe für seine Militäreinheit bitten. Die Lage ist momentan sehr schwer, sie haben viele Verletzte, ihr Lager ist nach einem Einschlag abgebrannt. Was dringend benötigt wird, sind Unterwäsche, T-Shirts, Shorts, Clogs, Hygieneartikel. Auch gebrauchte Bettlaken für das Spital und isotonische Kochsalzlösung. Ich schicke Dir Geld, kannst Du etwas davon besorgen?" Ich versichere ihr, dass wir von allem etwas besorgen werden und frage nach der Telefonnummer von R., um gegebenenfalls mit ihm direkt zu klären, wenn es etwas gibt. Sie schickt mir die Nummer mit der Anmerkung dazu: "Aber schreib ihm lieber, er ist telefonisch oft nicht erreichbar, weil er auf Posten oder im Leichenhaus ist."

Am nächsten Montagmorgen ist ein großer Geldbetrag auf meiner Bankkarte. Optimal scheint der Einkauf auf dem Kalyniwskyj-Markt, dort kann man Sachen teils zu Großhandelspreisen bekommen, doch am Montag ist der Markt zu. Mit unserem Lagerleiter entscheiden wir, die Sachen am Dienstag einzukaufen, er würde mit seinem Auto fahren. Die isotonische Kochsalzlösung hat er noch auf Lager, T-Shirts in verschiedenen Größen sind ebenfalls vorrätig, die Bettlaken werden uns vom Direktor des Studentendorfs zugesagt, es gibt alte aussortierte Laken, die noch ganz gut sind.

Die Hilfspakete bringt zur Not ein Kurierdienst in die Nähe der Front, die "Neue Post"

Am Montag haben wir einen Grund zur Aufregung. Von der Militärbehörde bekommt der Rektor ein Schreiben, in dem steht, dass er "für die Einhaltung der Meldepflicht durch Universitätsangestellte, die Reserveoffiziere sind" zu sorgen hat, in der Liste steht ein einziger Name, nämlich der des Leiters des International Office, S. Unser sonst nicht besonders empathischer Rektor ist besorgt - er kommt sogar höchstpersönlich ins Büro von S., um zu besprechen, was man tun kann. Zufällig begegnen wir uns an der Schwelle, und ich werde mit der Bemerkung "Oh, die Dame, die durch Europa tourt" begrüßt - eine Anspielung auf die Veranstaltung in München am 29. Mai von der Süddeutschen Zeitung, weil S. darauf bestand, ihm den Artikel darüber zu zeigen. Ob die Universitätsleitung wirklich nachvollziehen kann, wie die ganze humanitäre Hilfe durch unser Netzwerk zustande kommt, ist für uns ungewiss. Wie auch immer: Jetzt ist er bereit, sich einzuschalten, die Militärbehörde zu kontaktieren, eine Erklärung zu unterschreiben, die nahelegen soll, dass S. eine Schlüsselfigur in der Beschaffung der humanitären Hilfe aus dem Ausland ist, und so weiter. Kurz vor dem Feierabend gibt es dann tatsächlich Entwarnung: S. darf "erst einmal bei der Arbeit bleiben".

Am Dienstagvormittag erledigen wir den Großeinkauf auf dem Markt, der Mann von I. bringt noch ein persönliches Paket für R. vorbei, wir packen sieben Kisten, hinzu kommt ein Sanitäter-Rucksack. Weil es keinen zeitnahen Transport in die Gegend gibt, sollen die Sachen mit dem Kurierdienst "Neue Post" geschickt werden, das erledigt S. nach dem Feierabend. Der Ort, den R. genannt hat, liegt fast an der Frontlinie. Uns bleibt es zu hoffen, dass die Sendung gut ankommt. Ich schicke I. einen Bericht darüber, was gekauft wurde. In ihrer Antwortmail schreibt sie, sie habe keine Abrechnung von mir erwartet, sie würde uns lange genug kennen und uns vertrauen. Dann schreibt sie wörtlich, "was die Jungs dort leisten, ist übermenschlich. Wir stehen bis zum Lebensende in ihrer Schuld". Es deckt sich ziemlich genau mit dem, was auch ich gegenüber den "Jungs" empfinde.

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