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Ouverture spirituelle:Schmerzlich schön

Salzburger festspiele

Salzburger festspiele CONDUCTOR Grant Gershon ARTISTS Los Angeles Master Chorale; lagrime di san Pietro los Angeles master chorale c sf marco borrelli -18

(Foto: ph marco borrelli; marco borrelli)

Tränen zum Auftakt der Salzburger Festspiele: Peter Sellars inszeniert in der Kollegienkirche das grandiose Chorstück "Lagrime di San Pietro" von Orlando di Lasso.

Während vor dem Dom die Salzburger Festspiele ihr Schauspielprogramm mit einer Wiederaufnahme des "Jedermann" beginnen, eröffnet in der nur ein paar hundert Meter entfernten Kollegienkirche die "Ouverture spirituelle", der den Festspielen vorgeschaltete Zyklus mit geistlicher Musik. Der erste Abend bietet eines der grandiosesten Werke des 16. Jahrhunderts, die "Lagrime di San Pietro" (Tränen des Heiligen Petrus), das letzte Meisterwerk von Orlando di Lasso (1532-1594), dem bedeutendsten Komponisten des Spätrenaissance. Das sind 21 dicht gewebte Stücke für einen siebenstimmigen Chor, die um den Verrat des Petrus kreisen, der, wie von Jesus vorausgesagt, dreimal vor dem ersten Hahnenschrei seine Zugehörigkeit zu dessen Revoluzzerkreis abstreitet.

Die großartigen italienischen Texte von Luigi Tansillo beschreiben diese Krise mit allen Raffinessen moderner Psychologie als zentrale Szene in der Liebesbeziehung zwischen Jesus und Petrus. Nicht minder modern hat Lasso die vielen Spielarten von Schmerz, Selbsterkenntnis, Verrat, Verzeihung und Selbstvorwürfen in Musik überführt. Zwischendurch bricht der Gesang wild aus, meist bohrt er sich Stück um Stück immer tiefer in die Verzweiflung, die selbst die verzeihende Liebe Jesu nicht zu mildern vermag.

Die Bühne in der weiß getünchten Kollegienkirche ist leer, am Rand stehen 21 Stühle. Dann kommen die 21 Sänger der Los Angeles Master Chorale samt ihrem Leiter Grant Gershon herein, alle barfuß, in unterschiedlicher grauer Kleidung: Hosen, Röcke, Leggins, Hemden, Blusen. Gesungen und dirigiert wird auswendig, was bei Chormusik von solcher Komplexität mehr als verblüfft. Der Chorklang ist fahl, er kennt keine Brillanz. Dafür lässt er die vielfältigen Verschlingungen des fast immer siebenstimmig agierenden Kollektivs klar erkennen, gelegentlich werden Blöcke antagonistisch gegenübergestellt. Grant Gershon dehnt die Musik, zieht Pausen ein. So wird aus "Lagrime" ein Exerzitium, eine Bußübung. Der Schmerz, der sich immer stärker in Petrus breitmacht, wird den Hörern durch die zeitliche Dehnung und durch die Vermeidung aller oberflächlichen Effekte als sehr plastische Leiderfahrung vermittelt.

Der Amerikaner Peter Sellars ist der große religiös bestimmte Sinnsucher unter den Regisseuren. Einst von dem legendären Gerard Mortier für die Salzburger Festspiele entdeckt, ist er jetzt der zentrale Künstlerkopf des seit 2017 von Markus Hinterhäuser geleiteten Festivals. Sellars inszenierte vor zwei Jahren einen überwältigenden "Titus" von Wolfgang A. Mozart und arbeitet gerade an dessen "Idomeneo", der nächsten Samstag Premiere hat. Nebenbei hat er noch die Zeit gefunden, die "Lagrime" szenisch zu betreuen, das Stück passt bestens in den Kanon seiner Interessen.

Sellars lässt die Sänger stehen, herumlaufen, tänzeln, tanzen und dem Publikum den Rücken kehren. In den Gesichtern der Sänger zeigt sich der Schmerz Petri, sie geben sich empathisch. Jeder der Einundzwanzig lebt die Skrupel und Selbstvorwürfe des Protagonisten für sich selber noch einmal nach. Ihr wichtigstes Ausdrucksmittel sind die Arme. Sie reißen sie hoch, sie wehren ab, sie schützen vor Unheil, sie zeichnen Kleinmut und Resignation. Dann gehen die Sänger in die Hocke, springen auf, liegen allesamt auf dem Rücken. So reagieren sie genau auf die Vorgaben der Musik, die bis in die feinsten Bedeutungswinkel des Textes hineinkriecht und jede Nuance in ein Gefühl übersetzt.

Dass trotz dieser radikalen Textnähe die einzelnen Madrigale zu selbstständigen Musiknummern werden, die sich zudem zu einem stimmigen Zyklus schließen, das macht den singulären Rang dieser ganz in Schmerz gehaltenen Trauermusik aus, der selbst in dieser rituell zerdehnten Aufführung spürbar bleibt. Salzburg, oft unter Glamour-Verdacht, hat sich mit dieser Antishow wieder mal als Hochburg der Gegenreformation bewiesen.