Ottobeuren Juwel ohne Glanz

Im Ottobeurer Museum für zeitgenössische Kunst geben die Direktoren einander die Klinke in die Hand. Der neue Mann Markus Albrecht ist zuversichtlich und bleibt vorerst

Von Sabine Reithmaier

Eigentlich sollte dieses Mal alles indisch sein im Ottobeurer Museum für zeitgenössische Kunst - Diether Kunerth. Parallel zu den Indien-Gemälden des Stifters plante man, Werke eines indischen Künstlers auszustellen. Aber irgendwie klappte das nicht so recht; vielleicht weil der Mann kein Visum erhielt, vielleicht weil er den Transport seines Œuvres allzu lässig anging. Wie auch immer: Sechs Wochen vor Ausstellungsbeginn zog der Museumsleiter Markus Albrecht die Notbremse und machte sich daran, einen anderen Künstler aufzutreiben. Praktisch wäre ein schon hierzulande lebender Inder gewesen, das hätte den Transport und die Kommunikation erleichtert. So einen fand er aber nicht. Zufällig traf Albrecht bei einem Event in Murnau die Malerin Sabine Bockemühl. Jetzt darf sie den Raum im Erdgeschoss mit ihren großformatigen, gefälligen Frauenporträts bespielen.

Markus Albrecht erzählt die Geschichte seiner Künstlersuche wirklich amüsant. Die eigenwillige Art der Ausstellungsplanung passt zur Geschichte des Hauses, in dem in den zweieinhalb Jahren seines Bestehens vieles nicht gut geklappt hat. Was schade ist: Der sanft geschwungene Kubus mit seiner bronze- und messingfarbenen Fassade und seiner zurückhaltenden Betonwelt auf mehreren Ebenen im Inneren könnte ein ganz tolles Museum für zeitgenössische Kunst sein. "Ein Juwel", sagt Christl Zepp, Geschäftsführerin der Kulturbrücke Schwaben und langjährige Leiterin des Memminger Kulturamts, "wenn nicht das Betreiberkonzept von Anfang an so falsch gewesen wäre und der Künstler nicht so starrsinnig".

Die Misere offenbart sich im Verschleiß der Museumsleiter. Erst sollte der Museologe Marco van Bel das Haus leiten, doch der warf schon vor dem offiziellen Starttermin hin. Saskia Wiedner, promovierte Romanistin, sprang in die Bresche, kündigte aber eine Woche nach der Eröffnung im Mai 2014. Ihre Kolleginnen Regina Gropper und Sabine Brecheisen übernahmen als Team die Leitung übergangsweise von Mai bis November. Anschließend versuchte sich der Ottobeurer Unternehmensberater Horst Flämig als Direktor. Er hielt bis April 2015 durch. Seither kümmert sich der zweite Bürgermeister und Kulturreferent des Ortes, Markus Albrecht, um Finanzen und Organisation. Überraschenderweise ist er noch immer da und auch guter Dinge, was die Zukunft des Hauses betrifft.

Das Museum für zeitgenössische Kunst - Diether Kunerth steht in einem spannenden Kontrast zur berühmten Ottobeurer Basilika.

(Foto: Roland Halbe, Museum)

Albrecht bezeichnet sich selbst als kulturaffin. Er komme von der Musik her, sagt er, und dass er ein Geschäft am Marktplatz betreibe. 2014 trat er als CSU-Bürgermeisterkandidat gegen den Freie Wähler-Mann German Fries an und verlor. Jetzt denkt er darüber nach, sich hauptberuflich dem Museum zu widmen. "So nebenbei ist es schwierig, ein Netzwerk aufzubauen und geeignete Künstler zu finden."

Auch die Gemeinde hat erkannt, dass ihr 4,5 Millionen teures, überwiegend aus öffentlichen Geldern finanziertes Museum nicht vom ehrenamtlichen Förderverein "Kunst + Werk Diether Kunerth" betrieben werden kann. Allen Ernstes hatte sie akzeptiert, der kleine Verein könne die laufenden Betriebskosten von 200 000 Euro schultern. Ein fataler Irrtum. Die Summe sollte sich aus Eintritts- und Sponsorengeldern sowie dem Verkauf von Kunerth-Werken finanzieren. Er werde eben mehr Bilder veräußern als bisher, hatte Kunerth 2014 locker verkündet. Der Kunstmarkt dachte nicht daran, sich nach seinen Plänen zu richten und Bilder eines außerhalb der Region weitgehend unbekannten Künstlers zu kaufen.

Nach zweijährigen erbitterten Auseinandersetzungen übernahm im Sommer 2016 die Gemeinde das Ruder, entmachtete den Stifter und gründete den Trägerverein "Ottobeurer Museen, Kunst und Kultur". Die Besetzung spricht für sich: Zu den "zwölf Personen aus der Mitte der Ottobeurer Gesellschaft" zählen neben dem Rektor von Gymnasium und Realschule der Museumskustos des Klosters, der Finanz- und der Wirtschaftsreferent der Kommune, der Touristikamtsleiter, der Werbekreisvorsitzende und, als Vertreter der Kunerth-Stiftung, der Künstler. Ein in der Kulturszene vernetzter Fachmann fehlt weiterhin.

Die Gemeinde leistet jährlich einen Zuschuss von 150 000 Euro, das Museum zahlt monatlich 900 Euro Pacht. Und es gibt eben nicht mehr nur Kunerth, sondern auch andere Künstler. "Durch die Wechselausstellungen erhoffen wir uns, die Attraktivität des Museums zu erhöhen", sagt Albrecht. Das scheint zu klappen. Wurden im Vorjahr 3500 Besucher gezählt, kamen 2016 zur Ausstellung mit der Berliner Künstlerin Elvira Bach immerhin 2500, zur anschließenden mit dem Italiener Silvio Cattani knapp 3000 Gäste. Trotzdem ist das nicht viel angesichts der 150 000 Tagestouristen, die Ottobeuren jedes Jahr zählt.

Derzeit stellt neben dem Namensgeber die Malerin Sabina Bockemühl aus, hier ein Porträt von Hannelore Elsner.

(Foto: Roland Halbe, Museum)

Und der "starrsinnige" Künstler? Diether Kunerth zuckt die Schultern. "Ich bin froh, dass ich wieder aufatmen kann", sagt der 76-Jährige, schwärmt dann aber lieber von der Spiritualität Indiens, die er in seinen Werken zu erfassen sucht. Zeit seines Lebens hat er abseits des Kunstbetriebs gearbeitet, mal expressionistisch, mal archaisch naiv gemalt. Seine Bilder, teils figürlich, teils abstrakt, sprechen durchaus ihre eigene Sprache. Aber in die nationale erste Liga wird er nicht vorstoßen, geschweige denn in die internationale. Noch weigert er sich, anderen Künstlern in "seinem" Museum ausreichend Platz zu überlassen oder gar einmal Künstler aus der ersten Liga einzuladen und auf seine eigenen Werke zu verzichten. Aber anders wird das Ottobeurer Juwel nicht glänzen können.

Diether Kunerth: Indien; Sabina Bockemühl: Starke Wesen - zarte Seelen, Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth, bis 23.4., Do., Fr. 11-16 Uhr, Sa., So.: 12-17 Uhr, Marktpl. 14 a, Ottobeuren