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Orchesterkonzert:Leben zeugen, Leben vernichten

Wiener Philharmoniker  Christian Thielemann Dirigent

Von goldsamtenen Timbre bis zum großen Klangmassiv: Christian Thielemann dirigierte in Salzburg die Wiener Philharmoniker.

(Foto: Marco Borrelli/Salzburger Festspiele)

Haben die Salzburger Festspiele einen Schutzengel? Christian Thielemann, Elīna Garanča und die Wiener Philharmoniker erwecken zumindest den Eindruck.

Von Michael Stallknecht

Einen Schutzengel beschwört das erste von Richard Wagners "Wesendonck-Liedern", der, "wo bang ein Herz in Sorgen", den Geist himmelwärts führe. Einen solchen Schutzengel müssen wohl auch die Salzburger Festspiele haben, die bislang von einer Ausbreitung des Coronavirus verschont zu bleiben scheinen.

Elīna Garanča könnte ihn herbeigesungen haben. Denn die Mezzosopranistin, die die fünf Lieder mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Christian Thielemann sang, ist nicht nur eine engelgleiche Erscheinung, sie hat auch stimmlich alles, was man sich hier wünschen darf: Sie verfügt über das bronzene Fundament in der Tiefe, vermag die Stimme aber auch süß in leise Höhen zu führen und dort verschweben zu lassen. Sie hat die dramatische Attacke besonders für das zweite Lied, wahrt aber immer einen rund ausgewogenen Klang, so dass sich ein goldsamtenes Timbre wie eine schützende Hülle um das Große Festspielhaus legt.

Opernhaft groß fällt damit der Zugang aus und gerät doch alles andere als selbstherrlich und großflächig. Denn Garanča geht es durchaus um Verinnerlichung und damit um die Geste der Resignation, die Wagner, von der Philosophie Schopenhauers geprägt, den Liedern einschrieb. Wie über ein uraltes Rätsel staunend, besingt sie die "heil'ge Natur", die unentwegt Leben zeugt, um es ebenso unentwegt zu vernichten - was zum umgehenden Virus durchaus passt. Thielemann, der in diesem Sommer normalerweise noch viel mehr Wagner in Bayreuth dirigiert hätte, trägt die Sängerin dabei mit zartesten Orchesterfarben auf Händen. Auch wenn die Wiener Philharmoniker zu Beginn noch nicht ganz wach wirken in der zweiten Matinee mit dem Programm, das wie viele Konzerte zur Erhöhung der Zuschauerzahlen wiederholt wurde. Es änderte sich glücklicherweise danach bei Anton Bruckners Vierter Symphonie, in der die Wiener ihren Ruf als Uraufführungsorchester des Stücks mit ebenso fabelhaften Soli wie homogenem Gruppenklang verteidigten.

Nach dem Bruckner gibt es Jubelstürme

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte das Konzert am Jubiläumstag der Salzburger Festspiele mit seinem österreichischen Kollegen Alexander van der Bellen im Rahmen eines Staatsbesuchs. Dass er danach zu Protokoll gab, er habe sich wochenlang auf das Konzert gefreut, wirkt glaubwürdig, konnte Steinmeier hier doch hören, wofür momentan viele Deutsche ins knapp jenseits der Grenze gelegene Salzburg fliehen müssen: ein großbesetztes Orchester, das es bei Bruckner so richtig krachen lassen darf. Wobei Krach natürlich kaum das richtige Wort ist für die insgesamt elf Blechbläser der Wiener Philharmoniker, die ebenso weich wie strahlend, ebenso rund wie voller Höhenglanz spielen. Außerdem nimmt sich Thielemann ausgiebig Zeit gerade auch für das Langsame, das tastend Leise und entwickelt so den Aufbau der gesamten Symphonie organisch aus einer sehnsuchtsvollen Ferne. Und doch bereiten Bruckners beschwörende Choräle und pathetische Klangmassive, die in normalen Zeiten auch enervieren können, in diesen unnormalen eine Wonne und Erlösung, die sich beim Publikum in ebenso kraftvollen Jubelstürmen entlädt.

© SZ vom 24.08.2020
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