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Opernaufführung "Die Vögel":Wolkenkuckucksheim

Eine bunte Schaustellertruppe samt Gogogirls und Nachtclubnymphen – so vorhersehbar sieht Regisseur Frank Castorf die "Vögel".

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Vor 100 Jahren wurde in München "Die Vögel" uraufgeführt, Walter Braunfels' Oper nach Aristophanes. Jetzt hat Ingo Metzmacher das Werk am selben Ort rehabilitiert.

Von Reinhard J. Brembeck

In normalen Theaterzeiten sitzen bei Premieren im Münchner Nationaltheater allein auf dem Balkon 262 Menschen. Bei der jetzigen Premiere der vor 100 Jahren an Ort und Stelle uraufgeführten Oper "Die Vögel" von Walter Braunfels sind es bedingt durch Seuche und Markus Söder nur 50 Menschen. Sie sind die einzigen Zuschauer im 2100-Plätze-Haus. Dazu kommen 120 Sänger und Musiker, eine Filmcrew, Logensteher, Garderobieren.

Kein Wunder, dass das Häuflein der 50 nicht gerade glücklich wirkt in seiner Nephelokokkygia. Nephele-was? Das Wort ist altgriechisch und im Deutschen als Wolkenkuckucksheim geläufig. Erfunden hat es der Politdramatiker Aristophanes für seine vor seine vor 2433 Jahren in Athen uraufgeführte Komödie "Die Vögel", eine krachend komisch in der Despotie endende Freiheitsutopie. Der Frankfurter Komponist Walter Braunfels (1882 - 1954), er hatte jüdische Vorfahren und wurde deshalb 1933 von den Nazis seiner Ämter enthoben, hat sich den Aristophanes-Text in den Jahren um den Ersten Weltkrieg für ein Libretto umgedichtet und mit einer zauberhaften, leichten und durch die Stile schweifenden Musik ausgestattet.

Das Stück wurde der größte Opernerfolg des 20. Jahrhunderts. Sagt der Enkel des Komponisten, der Architekt Stephan Braunfels, der für die Münchner die Pinakothek der Moderne gebaut hat. Der Enkel ist natürlich einer der 50 Wolkenkuckucksheimler, schließlich betreibt er seit Jahren die musikalische Rehabilitierung des Großvaters. Dass "Die Vögel" jetzt wieder am Uraufführungsort gespielt wird, macht ihn überglücklich, die seuchenbedingten Missstände kommentiert er seufzend: "Er hatte schon sehr viel Pech, mein Großvater." Dann spricht er detailreich über die Aufführung und entschwindet beschwingt in die laue Münchner Herbstnacht.

Auf der Bühne triumphiert Caroline Wettergreen. Sie singt als Nachtigall von einem Gefühl, das die Menschen plump einengend Liebe nennen, für das der Vogel aber kein Wort hat, dafür endlose Koloraturen, lockend leise Höchsttöne, Schwerelosigkeit, Sehnsuchtsfarben, Wärme. Wettergreen kann das alles, sie verbindet Eleganz mit Understatement, Leichtigkeit mit Utopie, und erinnert daran, dass Kunst primär auf Fantasie, Imagination und Evokation basiert. Kein Wunder, dass Charles Workman als der von Menschenfrauen enttäuschte Liebhaber Hoffegut im Gesang der Wettergreen-Nachtigall eine ihm und allen Menschen unbekannte Freiheit, Verlockung und Weite heraushört. Hoffegut ist der Einzige auf der Bühne, der etwas aus dieser Parabel mitnimmt. Auch wenn er zuletzt wie der in einen Esel ver- und zurückverwandelte Zettel bei William Shakespeare in erster Linie verstört und erregt ist. Workman singt das fein und tastend und für einen Tenor ungemein sensibel.

Braunfels schreibt in den Nachtigallenszenen jene mit Liebe, Naturlauten und Frühlingsduft durchtränkte Nummern fort, die Hector Berlioz in den "Nuits d'été" und der "Damnation" angerissen hat. Dass ein deutscher Komponist nach Richard Wagner so dezidiert dem hierzulande immer noch belächelten Berlioz huldigt, ist grandios. Mit seinen Kollegen Wagner und Richard Strauss geht Braunfels kritischer um. In der Begegnung zwischen der Nachtigall und Hoffegut ist unüberhörbar, dass er die Szenen zwischen Siegfried und dem Waldvogel (Wagner) und die Begegnung zwischen Ariadne und Dionysos (Strauss) korrigiert, indem er die verkorkste Sexualpathologie der Vorbilder wegstreicht und in jenes Zauberreich der Liebe zurückfindet, das der ebenfalls von den Nazis gebannte Felix Mendelssohn in den "Sommernachtstraum" hineinkomponierte. Braunfels ist retro. Aber er macht das mit einem unwiderstehlichen Charme.

Prometheus kommt als Mahner zu den Vögeln, weil diese kriegslüstern sind

Nicht nur die Liebe wird in den "Vögeln" gefeiert, sondern auch ein unverbrüchliches Gottvertrauen, wie es sich seit der Französischen Revolution kein großer Komponist mehr geleistet hat, vielleicht mit der Ausnahme von Bernd Alois Zimmermann (1918 - 1970), wie Braunfels ein Katholik und kongenialer Mischer der verschiedensten Musikstile. Während Wagner die Religion immer nur für seine weltanschaulichen Zwecke instrumentalisiert, schreibt Braunfels ein so eigenständiges wie überwältigendes Gottes-Credo. Er legt es dem Umstürzler Prometheus zu raunenden Unterweltklängen in den Mund. In München singt das mit grandioser Dringlichkeit der in Götterfragen erfahrene Wolfgang Koch, er triumphierte als Wagner-Wotan auch in Bayreuth.

Prometheus kommt als Mahner zu den Vögeln, da diese Göttern wie Menschen den Krieg angesagt haben. Er erzählt sein Schicksal: erst Aufrührer gegen die Götter, dafür von Zeus angekettet und vom Adler regelmäßig angefressen. Zuletzt, das ist eine Erfindung des Komponisten, habe ihn Zeus begnadigt. Diese Gnade bietet er auch den Vögeln an. Sie sollen gefälligst in ihr "Zwischenreich der süßen Fantasie" zurückkehren, er fordert ihre Unterwerfung unter den Gott. Vergeblich. Dirigent Ingo Metzmacher ist leidenschaftlich engagiert in der Prometheus-Szene, der Finalsturm und die Chorszenen haben Kraft und Dramatik. Dafür zeigt er sich bei den Naturlauten und beim Liebesgeflüster uninteressiert und dirigiert so langsam, dass man jede Note mühelos mitzählen kann.

Und Regisseur Frank Castorf? Er lässt in dem aus Kabarett, Logistikhinterhof und Weltraumradar gebastelten Drehbühnenbild von Aleksandar Denić eine bunte Schaustellertruppe samt Go-go-Girls und Nachtclubnymphen auftreten. Die Castorf-Welt basiert auf den sexistischen Trümmern der Zivilisation. Mit Religion und Liebesträumen, zentralen Momenten des Stücks, hat Castorf nichts im Sinn. Der Vogelkönig ist ein schon am frühen Morgen schwankender Säufer, Hitchcocks "Vögel" dürfen nicht fehlen, die Aufwiegler sind natürlich Nazis und die Liebe zwischen Nachtigall und Hoffegut endet mit einer schnellen Nummer. Das ist so vorhersehbar und zum Gähnen, dass keinem der 50 Zuschauer ein Buh über die Lippen kommt.

© SZ vom 02.11.2020
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