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Oper in Paris:Dieser Wahnsinn ist eure Welt

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Die "Lady" ist nicht amüsiert, sie sucht und findet Alternativen: Die Sopranistin Aušrinė Stundytė in der Hauptrolle.

(Foto: Bernd Uhlig/Opera national de Paris)

Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" gerät in Paris zu einer realistischen Groteske, die jubelnd aufgenommen wird.

Von Reinhard J. Brembeck

Als sich der Schwiegervater, ein sexistisches Aas, mal wieder in ihre Ehe einmischt, fällt Katharina einfach über ihren überrumpelten Ehemann her. Statt ihm vor versammelter Belegschaft einen züchtigen Abschiedskuss zu geben, schlingt sie ihre Beine um seine und steckt im die Zunge in den Mund. Gut so. Schließlich geht es in Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" vor allem um Katharinas sexuellen Notstand. Und den zeigen Aušrinė Stundytė (Bravissima!) und ihr Regisseur Krzysztof Warlikowski an der Pariser Bastille-Oper schnörkellos und unmissverständlich.

Ihr genialer Helfer bei der Sex- und Seelenforschung ist der Dirigent Ingo Metzmacher. Der entdeckt in dieser oft keuchenden Partitur einen romantischen Kern. Gleich zu Beginn, als Katharina ihre alltägliche Langweile als ungeliebte, kinder- und beschäftigungslose Kaufmannsgattin in der Pampa skizziert, entlockt Metzmacher dem Orchester unzählige Grauschattierungen, die diese Langeweile in Katharinas Seele eingegraben hat. In solchen intimen Szenen, in denen Katharina ganz bei sich und ihrer Existenzverzweiflung ist, singt und spielt Aušrinė Stundytė intensiv und immer schon ein bisschen jenseitig. Da ballt sich das Leid in der Stimme, die dennoch schlank in der Spur der Linien bleibt, die aber immer drauf und dran ist zu zerbrechen. Durchaus nachvollziehbar, dass diese junge Frau bald zu einer mehrfachen Mörderin aus Leidenschaft wird.

Denn plötzlich taucht Sergei auf, und der bringt alles mit, was Katharina in der Großschlachterei vermisst, in die sie hineingeheiratet hat. Er ist groß gewachsen, schön, stark, potent. Ein Draufgänger mit Cowboyhut. Sie verliebt sich und übersieht, dass der Typ nur karrieregeil und kaltherzig ist, unfähig zur Liebe. Liebe sucht Katharina drei Stunden lang vergeblich, und der Dirigent Metzmacher zeichnet immer wieder neue Einöden der Lieblosigkeit, der unerfüllten Sehnsüchte, des Verstoßenseins. Faszinierend, wie er Schostakowitschs Geflecht offenlegt, wie genau er ist, ohne die sowieso brüchige und in Extreme umschlagende Partitur zu fragmentieren. Und wie er immer das Zarte und Zerbrechliche als Zentrum begreift. Umso erschreckender wirken die Lautstärkeausbrüche, oft verstärkt durch die auf der Bühne oder den Emporen aufgestellten Blechbläserbatterien. Die "Lady" ist für Metzmacher, das war so noch nie überzeugend zu hören, ein Requiem auf die Liebe und die Menschlichkeit.

Die "Lady" ist aber auch, das betonen Aušrinė Stundytė und ihr Regisseur Warlikowski, eine Studie zur Emanzipation heute. Oder ist das hier gezeigte Schema weltfremd? Eine nicht ausgebildete Frau, die bloß den Stammhalter liefern und ansonsten die Klappe halten soll?

Die Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak hat dafür einen langen Ehekäfig mit Bett und Tisch in eine moderne Großschlachterei gestellt, in welcher ein detailverliebter Chor mit Lust seinem blutverschmierten Handwerk nachgeht und sich auch sonst hemmungslos dem Sadismus hingibt. Da wird Aksina, das Gspusi des Firmengründers, massenvergewaltigt und Katharinas Lover Sergi bis zur Bewusstlosigkeit gepeitscht, geprügelt, getreten. Willkommen in der Realität, um die auch die Opernbühnen immer weniger einen Bogen zu machen gewillt sind.

Das gilt auch für die Sexszenen, welche die Sänger in Warlikowskis Regie explizit ausspielen, ohne dass dabei peinlicher Porno oder die übliche Opernsexverdruckstheit herauskäme. Sergei vergewaltigt Aksinja, kurz danach nimmt er die willige Katharina im Stehen. Immer wieder sitzt sie danach auf ihm, der zunehmend ihrer Sexgelüste überdrüssig wird. Boris, der großartige Dmitry Ulyanov, zeichnet den Firmengründer als frustrierten, aber die Fassade wahrenden Machtmenschen, muss dagegen bei Aksinja seine Altersimpotenz eingestehen und wird zusätzlich durch die Geilheit auf die Schwiegertochter gequält. Und auf dem gemeinsamen Weg nach Sibirien, das Mörderduo Katharina und Sergej ist aufgeflogen, kauft er sich Sex mit ihrer unfreiwilligen Unterstützung bei einer anderen. Das alles sind keine Erfindungen des Regisseurs, sondern die des Vorlagendichters Nikolaj Leskow. Warlikowski findet dafür die passende heutige Bildsprache und beweist, wie aktuell Leskows Analyse ist.

Doch ist Drastik nicht aufs Sexuelle beschränkt. Katharina vergiftet den Schwiegervater, er liegt dann eingesargt im Ehekäfig, wie auch sein schwächlicher, liebloser Sohn Sinowi - John Daszak macht das herrlich tapsig - dran glauben muss. Sergei würgt Sinowi auf dem Bett der Lüste, Katharina reicht ihm einen Aschenbecher und: bumm! Aus und vorbei. Dann nimmt der Wahnsinn zunehmend an Fahrt auf, es treten in rascher Folge an: ein vertrottelter Pope, es gibt eine Säuferhochzeit, dann sieht man eine der Willkür und dem Sadismus ergebene Polizeitruppe, es folgt der Todesmarsch nach Sibirien.

Weder Leskow noch Schostakowitsch hatten ein auch nur ansatzweise positives Weltbild, und ihre Aufzählung der irdischen Missstände ist nichts anderes als eine grelle Groteske, die leicht vergessen lässt, dass die beiden bloß ein realistisches Abbild der Welt liefern. Dass das wie ein Zerrbild wirkt, ist keinesfalls die Schuld der Autoren. Metzmacher, die Sänger und Warlikowski mildern diese Groteske ab, die dadurch nicht zahnlos wird, sondern umso treffender, heutiger, erschreckender, glaubwürdiger. Selten ist auf einer Opernbühne zu erleben, dass das ganze Team so einig an der gleichen Idee arbeitet. Das Pariser Publikum feierte denn auch hörbar begeistert und jubelnd alle Beteiligten.

© SZ vom 08.04.2019

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