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Online-Theater:Seid wie die Pilze

Onlinetheater-Text Anna Fastabend

Szene aus einer Produktion von onlinetheater.live.

(Foto: onlinetheater.live)

Viele Theater ziehen neuerdings ins Internet. Das ist ein Gebot der Stunde, schon klar. Aber es muss keine Notlösung, kein schaler Ersatz sein. Ein junges Ensemble belegt das schon lange: Das junge Onlinetheater.live. Besuch einer virtuellen Probe.

Von Anna Fastabend

Die Theaterprobe findet im Internet statt, nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil die Wohnorte der Theatermacher weit entfernt liegen. Die vier gehören zu einem deutsch-schweizerischen Kollektiv, das von sich selbst behauptet, das weltweit erste Internettheater zu betreiben: "Onlinetheater.live". Bei Skype ploppen vier Fenster auf. Saladin Dellers, der Initiator, sitzt in Bern. In Hamburg wohnt der Dramatiker Sean Keller, die Game-Theater-Regisseurin Johanna Kolberg lebt in Berlin ebenso wie die Dramaturgin der neuen Produktion Fabiola Kuonen.

Das theatrale Livegame namens "Hyphe" feiert am 13. Mai Premiere, und die Vorstellung muss selbst bei Social Distancing nicht ausfallen. Über einen Login können 50 Zuschauer Teil eines kommunikativen Experiments werden.Das Kollektiv will ausschließlich Theaterstücke entwickeln, die im digitalen Raum stattfinden. Die Idee entstand 2016, als Dellers zum Abschluss seines Schauspielstudiums den virtuellen Charakter Clemens Kalt verkörperte. "Das Netz bietet so viele Plattformen, die man super als Bühne nutzen kann", sagt er.

Vielleicht ist das mit der Weltneuheit doch etwas übertrieben. Seit der Kommerzialisierung des Internets haben immer wieder Theaterprojekte mit dem virtuellen Raum experimentiert. Eine der frühesten Cyberformance-Gruppen waren die "Hamnet Players", die 1993 eine dialogische Shakespeare-Überschreibung in einem Chatraum aufführten. Das "Desktop Theater" experimentierte mit grafischen Figuren im Chatprogramm "The Palace", die Gruppe "Avatar Orchestra Metaverse" bewegt sich innerhalb der virtuellen Welt "Second Life". Und seit 2003 gibt es die digitale Bühne "Upstage", auf der Online-Theatermacher aus aller Welt ihre avatar- oder webcambasierten Stücke aufführen.

"Follower" war ein mehrstündiger Roadtrip, eine moderne Version von Bonnie und Clyde

Auch im deutschsprachigen Raum gab es Versuche: Herbert Fritschs Kunstprojekt "hamlet_X" zum Beispiel oder die 2017 eröffnete "Volksbühne Fullscreen", die aufgrund von Chris Dercons kurzer Amtszeit jedoch nicht über erste, zaghafte Versuche hinauskam. Das war es aber fast. Und so war das "Onlinetheater.live" bis vor Kurzem noch eine kleine, aber feine Rarität. Drei digitale Theaterstücke hat es seit seiner Gründung herausgebracht. Zur Vorstellung konnten sie über die kollektiveigene Homepage mitverfolgt und kommentiert werden. 2017 war dort eine berührende Interpretation von Goethes "Werther" zu sehen. Das Stück, das mit einer Webcam aufgenommen wurde, spielte in einem WG-Zimmer. Sein einziger Darsteller war ein Stubenhocker (Weimann), der durch die Weiten des Internets surfte und einen virtuellen Spaziergang durch New York unter nahm. Er berichtete von einer grausamen Instagram-Challenge, die Jugendliche angeblich dazu brachte, sich das Leben zu nehmen. Dieser Werther 2.0 war ein intelligenter Kopf, der seine Verlorenheit reflektierte und poetische Bilder schuf.

Im selben Jahr brachte das Kollektiv den mehrstündigen Roadtrip "Follower" heraus. Carmen Steinert und Saladin Dellers spielten eine moderne Version von Bonnie und Clyde, die durch Berns Straßen marodierten und sich dabei live mit ihren Smartphones filmten. 2018 folgte "Camshow" wo Weimann lasziv zu Britney Spears tanzte, um sich im Anschluss daran in einem Assoziationsrausch aus biografischen Details, "Harry Potter"-Geschichten, Ratgebersprüchen, Werbeslogans und Kapitalismuskritik zu verlieren.

Trotz aller Kritik am Netz wirken die Arbeiten des Onlinetheaters nie digitalpessimistisch, sondern wie ein Aufruf zur Mitbestimmung. "Die Digitalisierung ist der nächste evolutionäre Schritt, und wir können entscheiden, ob wir dieses Land beschreiten oder daran zugrunde gehen", sagt Werther.

Doch mit dem Alleinstellungsmerkmal ist es seit Corona vorbei. Nach dem ersten Schock, den die Theater mit Archivmitschnitten und Corona-Tagebüchern zu überbrücken versuchten, entstehen mehr und mehr originäre Online-Performances. Wie die digitale Moralstudie "Dekalog", die vom Initiator der Digitalisierungsdebatte, Christopher Rüping, mit dem Ensemble des Schauspielhauses Zürich inszeniert wird. Die Vorhut aber bildeten zwei Häuser, die eng mit Matthias Lilienthal verknüpft sind: Das Berliner Hebbel am Ufer (Hau) unter der Leitung von Annemie Vanackere, das seinen Youtubekanal kurz nach dem Shutdown mit der zweiten Ausgabe des Digitalfestivals "Spy on Me" bespielte. Außerdem die Münchner Kammerspiele, die unter anderem Regisseur Jonny-Bix Bongers seine "Werther"-Adaption für den digitalen Raum umarbeiten ließen. Und wenn man sich das Münchner Livecam-Stück ansieht, muss man unwillkürlich an den drei Jahre jüngeren "Werther" des Onlinetheaters denken. Auch Vincent Redetzki, der bei Bongers den Werther spielt, klickt sich durch das unerschöpfliche Unterhaltungsangebot des Internets, hantiert suizidal mit einem Hocker am Fenster oder Balkon herum. Doch während die Figur in der digitalen Vorgängerversion dem Lebensgefühl einer Generation nachspürte, geht es in Redetzkis Performance um den Liebeskummer eines Einzelnen.

"Camshow" lief auf einer Striptease-Plattform. Einige Zuschauer riefen "Ausziehen!"

Aber wie theatermäßig fühlt sich eine Vorstellung im Netz an? Die Stücke des Onlinetheaters ziehen einen schnell in ihren Bann. Man merkt, dass sie die theatralen Möglichkeiten des Internets ausloten wollen. Man trifft auf ambivalente, menschliche Figuren, die einen statt von der Theaterrampe direkt über die Webcam ansprechen, um uns ihre Themen nahezubringen: digitaler Wandel, Einsamkeit, Gewaltverherrlichung, Ausbeutung. Das Internet ist zur zweiten Wirklichkeit geworden.

Intimität erzeugt auch der parallel bestehende Chatbereich, über den man mit den Figuren kommunizieren kann wie auch in "Camshow". Die Inszenierung lief auf einer Striptease-Plattform, auf der mutmaßliche Theaterzuschauer mit Nicknamen wie Erika Fischer-Lichte und Bernd Stegemann auf zufällig eingeschaltete User trafen. Die einen bemäkelten die Dramaturgie, die anderen forderten: "Ausziehen!"

Doch dieses Mal soll alles anders werden. Die neue Inszenierung des Onlinetheaters soll auf einer eigens programmierten Plattform stattfinden. Zu Beginn der Skype-Probe wirken die Theatermacher noch etwas nervös, weil jemand von der Presse zugeschaltet ist. Außerdem ist es vermutlich nicht leicht, gleichzeitig die neuesten Entwürfe zu besprechen und ein halb fertiges Spiel zu erklären, das in der Theorie gar nicht so leicht zu verstehen ist.

Was man aber sofort versteht: Digitale Theaterproben sehen anders aus. Fabiola Kuonen teilt ihren Bildschirm. Ein Demo-Video taucht auf, das die vorläufige Benutzeroberfläche von "Hyphe" zeigt. Die minimalistische Karte erinnert an Google Maps. Darauf sind stecknadelkopfgroße Punkte, die für die Mitspieler stehen und durch gezackte Linien verbunden sind. Die Dramaturgin zeigt einen Chatraum, in dem man in Zweierkonstellationen zunehmend persönlichere Spielfragen beantworten muss.

"Wir wollen untersuchen, wie nah man sich digital kommen kann", sagt die Regisseurin Kolberg. Anders als bei den herkömmlichen Social-Media-Plattformen soll es bei "Hyphe" gerade nicht um eine geschönte Selbstdarstellung gehen, sondern um zwischenmenschliche Nähe durch Transparenz. Vom Konzept der "Radical Honesty" inspiriert, animiert die ominöse Figur Birder die Teilnehmer dazu, ihre Schwächen zu offenbaren.

Der Titel ist an den botanischen Begriff für die fadenförmigen Zellen von Pilzen angelehnt, die zusammen mit den Wurzeln und Bakterien das "Wood Wide Web" bilden. "Das ist ein unterirdisches Netzwerk, mit dem sich Bäume gegenseitig vor Gefahren warnen", sagt Kuonen. Von da aus ist es nicht weit zur radikalen Datentransparenz, die das Kollektiv im Sinne einer egalitäreren Gesellschaft zumindest diskussionswürdig findet.

Aber ist das überhaupt noch Theater? Klar, sagen sie. Selbst bei ihrer aktuellsten Inszenierung, einer Fusion aus Theater und Computerspiel, seien alle wichtigen Prinzipien vorhanden: Der Live-Faktor, die zeitliche Begrenzung, die Co-Präsenz von Schauspieler und Zuschauer und die Grundhaltung, dass jederzeit etwas schiefgehen kann. Bei ihnen lautet die Definition von Theater deshalb so: Darsteller plus Zuschauer plus Live-Ereignis gleich Stück. Ob im Internet oder in der Realität spielt keine Rolle für sie.

Sie wollen sich nichts vorschreiben lassen - auch nicht von ungeschriebenen Gesetzen

Und noch etwas haben die Digitalpioniere mit ihren analogen Kollegen gemeinsam. Sie wollen die Lebensumstände nicht bloß imitieren, sondern sie infrage stellen. "Das Netz ist ein company-geprägter Raum und es gibt lauter ungeschriebene Gesetze", sagt Keller. "Wir wollen uns aber nicht vorschreiben lassen, wie wir die Plattformen benutzen dürfen, und deshalb spielen wir damit." Bei so viel Kurzweiligkeit, intelligenter Gegenwartsanalyse und Spielfreude ist es nicht schlimm, dass sich die Stücke ab und an konstruiert und pathetisch anfühlen. Dass jetzt das Zeitalter des digitalen Theaters angebrochen sei, glaubt Keller jedoch nicht: "Das Internet ist ein schöner Zustand, aber wenn ich mir einen Tanzabend von Gisèle Vienne angucke, will ich in der dritten Reihe sitzen und staunen."

© SZ vom 21.04.2020

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